Interview: Dr. Jochen Kress von Mapal über die Zukunft der Zerspanung

Dr. Jochen Kress, Mitglied der Mapal-Geschäftsleitung, über die Zukunft der Zerspanung

„Werden künftig in mehr Märkten aktiv sein“

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Präzisionswerkzeuge werden auch in Zeiten der Elektromobilität gefragt sein, ist Dr. Jochen Kress überzeugt. Dennoch rechnet der promovierte Ingenieur, mit erheblichen Auswirkungen für Zerspaner und deren Ausrüster. Jochen Kress gehört der Mapal-Geschäftsleitung an. ❧ Mona Willrett

Herr Dr. Kress, welches Ziel verfolgen Sie mit den Technologietagen Mapal Dialog?
Wir greifen immer Themen auf, von denen wir denken, dass sie in den kommenden Jahren interessant sein werden. Da versuchen wir – mit Vorträgen verschiedener Experten und durch die Diskussion unter den Teilnehmern – etwas mehr Klarheit zu schaffen. Unser diesjähriges Thema kommt sehr gut an. Die Auswirkungen der E-Mobilität auf die Zerspanung scheinen im Moment viele zu bewegen. Jedenfalls sind die Anmeldezahlen höher als in den Vorjahren.
Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie? Mapal ist ja stark im Bereich Antriebsstrang engagiert…
Da gibt es verschiedene Aspekte, die es zu betrachten gilt. Unter den maßgeblichen Experten herrscht Einigkeit darüber, dass die Anzahl der produzierten Fahrzeuge steigen wird. Einigkeit besteht auch hinsichtlich des Zerspanvolumens, das mit den unterschiedlichen Antriebskonzepten verbunden ist. Weitgehend offen ist hingegen die Frage, in welchem Verhältnis sich die verschiedenen Konzepte – Verbrenner, Hybrid oder elektrischer Antrieb – entwickeln werden. Wir gehen davon aus, dass das Zerspanvolumen im Bereich Antriebsstrang bis 2025 relativ konstant bleibt. Für die Zeit zwischen 2025 und 2030 gehen die Vorhersagen noch weit auseinander. Die Spanne der Prognosen für den Rückgang des Zerspanvolumens reicht von 20 bis 40 Prozent.
Welche Auswirkungen hat das für die Ausrüster und die Fertiger von Powertrain-Komponenten?
Ein Teil des Marktes wird verschwinden. Daran können wir nichts ändern. Dafür werden neue Märkte entstehen. Volkswirtschaftlich dürfte das keine große Rolle spielen, betriebswirtschaftlich für das eine oder andere Unternehmen allerdings sehr wohl. Dass wir uns in den letzten 50, 60 Jahren in einem Markt bewegen durften, der unterm Strich immer gewachsen ist, das sehe ich als Privileg. Denn das ist eher eine Ausnahme im Geschäftsleben. Als Unternehmer müssen wir nun schauen, in welchen Bereichen unsere Kompetenzen gefragt sind, wo wir unser Know-how sinnvoll einsetzen und so neue Märkte erschließen können.
Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für Ihr Unternehmen?
Wir gehen davon aus, dass wir künftig in mehr Märkten aktiv sein werden als bisher. Wir schauen ja schon seit einiger Zeit links und rechts des Weges, wo wir unsere Expertise einbringen können. Unser Engagement in der Luft- und Raumfahrttechnik ist ein Beispiel dafür. Ähnliche Entwicklungen erwarten wir auch in anderen Bereichen. Darüber jetzt schon zu sprechen, wäre aber verfrüht. Wir befinden uns aktuell in einer Zeit der Exploration. Dabei ist es ganz normal, dass uns einige Ideen weiterbringen werden, andere vielleicht nicht. Natürlich werden wir weiterhin Zerspanungswerkzeuge verkaufen. Auch in Zeiten der Elektromobilität müssen im Antriebsstrang Bauteile spanend bearbeitet werden. Motorengehäuse zum Beispiel. Dazu kommen andere Anwendungen. Wir wollen einen deutlich größeren Teil des Marktes adressieren.
Inwieweit sind deutsche Zulieferer und Fertigungsausrüster bereits auf die Folgen der Elektromobilität vorbereitet?
Mein persönlicher Eindruck ist, dass der Elektromobilität in Deutschland erheblich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als in anderen Ländern. Alternative Antriebskonzepte werden bei uns stark thematisiert. Als Konsequenz daraus suchen die betroffenen Unternehmen bereits alternative Geschäftsfelder. Natürlich geht das nicht über Nacht. Und es geht auch nicht ohne Schmerzen. Trotzdem bin ich davon überzeugt: Derjenige, der seine Hausaufgaben macht, wird auch künftig erfolgreich sein.
Gehört die Zukunft wirklich der Elektromobilität oder eher hybriden Konzepten?
Es ist aus heutiger Sicht schwer abzuschätzen, wohin die Reise führt. Ich denke, hybride Konzepte will langfristig eigentlich niemand. Der technologische Aufwand ist einfach sehr hoch. Ob elektrische Antriebe aus Batterien mit Energie versorgt werden, oder ob sich doch die Brennstoffzelle durchsetzt, das spielt aus Zerspanungssicht keine Rolle. Wir sollten aber auch nicht außer Acht lassen, dass die jüngste Generation von Verbrennungsmotoren sehr effizient arbeitet und noch Entwicklungspotenzial bietet.
Wie müssen sich Zerspanungswerkzeuge entwickeln, um künftigen Anforderungen gerecht zu werden?
Zunächst: Wenn es einen Markt nicht mehr gibt, nützt die tollste Entwicklung nichts. Da wir aber davon ausgehen, dass wir auch künftig zerspanen werden, zeichnen sich durchaus gewisse Entwicklungstendenzen ab. Der Anteil schwer zerspanbarer Materialien wird zunehmen. Sie lassen sich nur mit hochwertigen, entsprechend ausgelegten Werkzeugen wirtschaftlich bearbeiten. Allgemein werden die Aufmaße schrumpfen, die Rohteile bereits näher an der Endkontur liegen. Das heißt, dass künftig vermehrt Werkzeuge für die Feinbearbeitung gefragt sein werden. Wir müssen uns aber auch dessen bewusst sein, dass wir von anderen abhängen. Wenn etwa Apple entscheidet, das Design des iPhones zu ändern und statt gefräster Alugehäuse gegossenen Kunststoff zu verwenden, dann hat auch das Auswirkungen auf Zulieferer und deren Ausrüster.
Ist das C-Teile-Managementsystem c-Com Teil Ihrer Alternativstrategie?
Wir sehen c-Com als Start-up. Die sehr positiven Reaktionen anlässlich unserer Präsentation auf der AMB im letzten Herbst haben uns ermutigt, dieses Produkt auch extern anzubieten und dazu ein neues Unternehmen zu gründen. Dass diese Neugründung ihren Sitz nicht auf dem Mapal-Gelände hat, soll zeigen: c-Com ist eine Lösung, die allen offen steht. Bis zur EMO wollen wir ein verkaufsfähiges Produkt anbieten. Die technische Entwicklung geht gut voran. Die Erfahrungen aus unseren Pilotprojekten helfen dabei. Auch die Gespräche mit potenziellen Partnern verlaufen erfreulich. In dieser Hinsicht werden wir auf der EMO ebenfalls Neuheiten verkünden können – etwa die Zusammenarbeit mit Siemens.
Wo wollen Sie mit c-Com in fünf Jahren stehen?
Im Moment handelt es sich um ein zartes Pflänzchen, das wir hegen und pflegen und mit viel Engagement entwickeln. Wo uns das in den nächsten fünf oder zehn Jahren hinführt, vermag ich heute nicht abzuschätzen. Bislang sind die Resonanzen sehr positiv und ermutigend. Wir haben einen Fünf-Stufen-Plan mit zwei zentralen Fragen. Die erste lautet: Schaffen wir es, von der internen Nutzung auf den freien Markt. Hier zeichnet sich eine positive Antwort ab. Die zweite Frage: Das System umfasst Elemente, die auch für andere Bereiche und Branchen interessant sind. Ob es uns gelingen wird, c-Com auch in diesem Umfeld zu platzieren, kann ich heute nicht sagen. Wir haben es hier mit einer anderen Welt zu tun. Und wir befinden uns gerade in einer digitalen Gründerzeit. Es wird Unternehmen und Lösungen geben, die sich durchsetzen und andere, die wieder verschwinden.
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