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„Die Menschen dafür gewinnen, an den Reformen mitzuwirken“

VDMA-Chef Brucklacher fordert mehr Miteinander von Chefs und Belegschaft:
„Die Menschen dafür gewinnen, an den Reformen mitzuwirken“

Dr. Dieter Brucklacher, 65, führt seit Oktober den VDMA. Der promovierte Physiker steht seit 30 Jahren an der Spitze des Leitz-Firmenverbundes in Oberkochen, einem Spezialisten für Präzisionswerkzeuge (Bild: Puchner)
Es geht in den Betrieben nur miteinander, nicht gegeneinander, ist Dr. Dieter Brucklacher überzeugt. Der VDMA-Präsident, im Hauptberuf Chef der Leitz- Fimengruppe in Oberkochen, bezieht im Exklusiv-Interview Stellung.

Das Gespräch führten unsere Redaktionsmitglieder Dietmar Kieser und Tilman Vögele-Ebering tilman.voegele@konradin.de

Herr Dr. Brucklacher, was ist Ihr wichtigstes Ziel während Ihrer Amtszeit als VDMA- Präsident?
Mir geht es darum, die Verantwortung der Unternehmer und der Manager für ihren Betrieb, für die Arbeitnehmer sowie für den Standort in den Mittelpunkt zu stellen. Eine High-Tech-Branche wie unsere ist darauf angewiesen, gemeinsam in den Unternehmen die Innovation voranzutreiben. Dies geht nur in einer Gemeinschaft, zu der jeder auch eine emotionale Zugehörigkeit verspürt.
Worüber haben Sie sich in Ihrer noch kurzen Amtszeit besonders geärgert?
Bezogen auf den VDMA als Organisation gab es kein Ärgernis. Bezogen auf die Politik, fand ich es schon ärgerlich, wie die Gesundheitsreform diskutiert wurde. Es wurde ein Konzept entworfen, das nach übereinstimmender Auffassung der Betroffenen erst einmal in der Schublade verschwinden soll. Das ist übrigens auch gut so. Denn ein Konzept, das neue Besteuerungen für die Unternehmen mit sich bringt, passt nicht in die Landschaft.
Welchen Einfluss haben da die Verbände?
Bei Spezialthemen wie der Gesundheitsreform sind im politischen Raum Experten gefragt und weniger die Verbände. Wenn es aber darum geht, schnell eine praktikable Lösung zu finden, die die Lohnnebenkosten senkt, da sind die Verbände gefordert.
Reformen würden Einschnitte für die Arbeitnehmer bedeuten. Geht das nicht zu Lasten der Motivation, der Arbeitskultur?
Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass wir in der Lage sind, die Menschen im Land dafür zu gewinnen, mehr Leistung zu bringen und an Reformen mitzuwirken. Wir haben es nur noch nicht verstanden, die Probleme wirklich zu kommunizieren. Beispiel Harz IV: Da haben wir ein Kommunikationsproblem.
Sie fordern das Miteinander von Arbeitnehmer und Unternehmer auf betrieblicher Ebene. Ist dies der Königsweg für alle?
Es gibt sicher keinen generellen Königsweg. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass die Unternehmensführung eine große Verantwortung für die Arbeitnehmer hat. Dies bedeutet umgekehrt, dass es eine hohe Verpflichtung der Arbeitnehmer gibt, alles zu tun, um das Unternehmen vorwärts zu bringen und gemeinschaftlich die Zukunft zu sichern …
… also betriebliche Bündnisse?
Ja, aber wenn wir von einem Königsweg sprechen, dann sehe ich den darin, alle äußeren Einflussnahmen aus den Unternehmen herauszuhalten, die politisch und organisatorisch motiviert sind. In den meisten Unternehmen, die vernünftig geführt werden, hat sich ein filigranes Netzwerk der Zusammenarbeit zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmern entwickelt, gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Dies gilt es zu schützen und zu fördern.
Welche Rolle nehmen die Tarifparteien ein?
Viele gut funktionierende Bündnisse für Arbeit sind illegal oder am Rande der Illegalität. Deshalb schlägt der VDMA immer wieder vor, betriebliche Bündnisse für Arbeit unabhängig von der Zustimmung der Tarifparteien zuzulassen.
Ist der Flächentarifvertrag noch zeitgemäß?
Der Flächentarifvertag hat seine Funktion und wird sie behalten. Sie wird sich aus meiner Sicht nur ändern müssen. Über die Hälfte der VDMA-Firmen verfügt in irgendeiner Form über betriebliche Vereinbarungen, die vom Tarifvertrag abweichen. Das zeigt, wohin der Weg geht. Wir benötigen dennoch die Friedensfunktion des Flächentarifvertrags als Dach im Sinne von Mindestkonditionen.
Und wie steht’s um die Tarifautonomie?
Die Tarifautonomie ist eine rechtliche Konstruktion, die weniger vom Grundgesetz als vom Bundesverfassungsgericht vorgegeben ist. Heute wird dieser Begriff vielfach missbraucht und als Waffe verwendet, wenn sich die Tarifvertragsparteien auch nur am Rande in ihrer Organisationsstruktur berührt fühlen.
Wäre eine generelle Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ein richtiger Schritt?
Für viele Unternehmen ist die Situation differenzierter. Viele, aber nicht alle benötigen eine Verlängerung der Arbeitszeit. Wir befürworten daher Flexibilität bei der Wochenarbeitszeit, um im internationalen Wettbewerb agieren zu können.
Dieser internationale Wettbewerb führt – belegt durch Studien – zu einem ungehemmten Trend: Immer mehr Unternehmen verlagern Produktionsteile ins Ausland. Was kann der Verband konkret tun?
Ich würde das nicht einen ungehemmten Trend nennen. Die Unternehmen überlegen sich sehr genau, was sie in anderen Ländern produzieren Man darf nie vergessen, dass es für einen Mittelständler nicht einfach ist, Produktionsteile zu verlagern. Wir vom Verband versuchen aber intensiv, deutschlandfreundliche Rahmenbedingungen mitzugestalten, die hier längerfristig Wertschöpfung ermöglichen.
Wo stehen wir in Deutschland beim Wettbewerb um die besten Köpfe?
Die Politik hat einen positiven Schritt getan, indem sie das Thema Elite nicht länger verteufelt. Entscheidend ist zudem, dass wir die schulische Ausbildung verbessern. Die Pisa-Studie spricht eine deutliche Sprache. Die Universitäten, die Spitzenleistungen erbringen, müssen wir ebenfalls fördern. Wir müssen schneller und konsequenter werden und auch heilige Kühe opfern wie beim Thema Studiengebühren. Für den VDMA ergibt sich die Aufgabe, insbesondere das Thema Technik zu fördern. Das betreiben wir seit vielen Jahren durch die Initiative Think-Ing.
Die Prognosen für das Jahr 2005 sind nicht eindeutig. Kann die Vorhersage des VDMA von plus 3 Prozent für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau gehalten werden?
Die Prognose des VDMA steht, schauen Sie nur auf die hohen Auftragseingänge. Wir müssen uns aber auf nachlassende Impulse aus dem Ausland einstellen. Die Wechselkursentwicklung und die Rohstoffverteuerung wird zu einer Abflachung führen. Ein Abschwungsszenario kann daraus nicht abgeleitet werden.
Für Ihren Vorgänger Diether Klingelnberg war eines seiner Hauptziele, den VDMA europäisch aufzustellen. Jetzt steht er selbst dem neugegründeten Verband EUnited vor. Welche Folgen hat das für den VDMA?
EUnited ist eine Organisation, die vom VDMA getrennt ist und in der sich die Branchen europäisch organisieren können. Der VDMA hat nur die Unterstützung zum Aufbau dieser Plattform geleistet. Was den VDMA betrifft, haben wir nach wie vor ein großes Büro in Brüssel, und unsere Ausrichtung wird zunehmend europäisch. Daran führt auch kein Weg vorbei. Ein Beispiel: Wir müssen immer dafür sorgen, dass unsere Branche bei den europäischen Forschungsprogrammen nicht unter den Tisch fällt. Es besteht die Gefahr, dass sich Politiker auf Modethemen wie Nano- oder Mikrotechnik stürzen und andere entscheidende technologische Entwicklungen vergessen, die in der Breite stattfinden.
Bei welchen Themen spricht aus Ihnen mehr der Firmenlenker, bei welchen der ehrenamtliche Präsident?
Zunächst einmal bin ich Unternehmer. Die Tatsache, dass ich VDMA-Präsident geworden bin, ändert daran nichts. Auch mein Vorgänger ist immer Unternehmer geblieben und hat sich in keiner Form verbogen.
Sie haben angekündigt, nach rund 30 Jahren an der Unternehmensspitze im operativen Geschäft kürzer zu treten. Was sind Ihre Ziele für die Leitz-Firmengruppe?
Es ist schon lange mein Wunsch, dieses Unternehmen neu zu organisieren, um es für die Zukunft in einer veränderten Welt erfolgreich aufzustellen. Bestimmte Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden sich verändern. Es wird aber sicher so sein, dass ich in der neuen Struktur des Leitz-Firmenverbundes auch weiter für die erfolgreiche Entwicklung mit verantwortlich sein werde.
Industrieanzeiger
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