Startseite » Allgemein »

„E-Procurement unterstützt den Einkäufer bei strategischen Aufgaben“

BME-Vorstand Prof. Bogaschwesky zu den Trends in der elektronischen Beschaffung
„E-Procurement unterstützt den Einkäufer bei strategischen Aufgaben“

Anzeige
Nach dem großen Internethype und dem anschließenden Marktplatzsterben scheint in den meisten Unternehmen Normalität eingekehrt zu sein. Beschaffungsexperte Prof. Dr. Ronald Bogaschwesky erklärt, welchen Stellenwert die elektronische Beschaffung heute im Einkauf hat.

Das Gespräch führten unsere Redaktionsmitglieder Jens Peter Knauer und Susanne Schwab jens-peter.knauer@konradin.de

Professor Bogaschewsky, der Mittelstand hält sich beim Thema E-Procurement immer noch bedeckt. Wie verbreitet ist die elektronische Beschaffung denn nun wirklich?
Der größere Mittelstand mit mehreren Tausend Beschäftigten ist schon relativ weit, hat aber noch einiges vor sich hinsichtlich der Einbindung weiterer Kataloge und des Rollouts über alle Tochterunternehmen, insbesondere auf internationaler Ebene. Betrachtet man bei den kleineren mittelständischen Unternehmen nicht nur die Anzahl derer, die E-Procurement irgendwie nutzen, sondern auch Umfang und Intensität der Nutzung, dann besteht nach wie vor ein sehr großer Nachholbedarf.
Es gibt verschiedene Konzepte, Modelle und Lösungen für E-Procurement. Welche haben sich durchgesetzt?
Es gibt nicht das eine Nutzungsmodell, das sich für alle eignet. Jedes Unternehmen hat seine eigenen, firmenspezifischen Anforderungen und Bedingungen. Für den Mittelstand sind heute sicherlich ASP- Lösungen, sogenannte Mietapplikationen, das Mittel der Wahl, da eigene Installationen und Kataloghosting unter Berücksichtigung der Investitionen und des Pflegeaufwands der Systeme und Programme sich oft nicht amortisieren dürften.
Was ist eigentlich aus den vielen Online-Marktplätzen geworden? Ist der Markt inzwischen bereinigt?
Bei genauerer Hinsicht ist festzustellen, dass es „die“ Marktplätze heute kaum noch gibt. Es ist eine weitere Spezialisierung erfolgt, und die Betreiber leben oftmals gar nicht mehr vom Marktplatzgeschäft, sondern von Dienstleistungen rund ums E-Business. Nach wie vor erleben wir Übernahmen von Anbietern, das Angebot bleibt aber meist so oder ähnlich bestehen. Insofern hat sich das Fehlinvestitionsrisiko reduziert.
Haben die offenen Marktplätze die mit ihnen verbundenen Erwartungen erfüllt?
Das Idealbild der offenen Marktplätze für Bedarfsausschreibungen zählt wohl zu den großen Verlierern der E-Business- Depression. Wir sehen heute auf der einen Seite Buy-Side-Lösungen, die von einem großen Nachfrager oder einem Konsortium betrieben werden. Auf der anderen Seite gibt es Auktionsdienstleister, die sich teilweise mit katalogorientierten Plattformen zu einem breiteren Angebot ergänzen.
Was ist der Grund für diesen Trend?
Ursache dieser Entwicklung dürfte unter anderem sein, dass die Standardprodukte immer mehr über Kataloge abgewickelt werden. Für qualitätskritische Produktionsbedarfe ist man dagegen zu der Erkenntnis gekommen, dass zu viele wesentliche Schritte im Beschaffungsprozess gar nicht oder nicht in ausreichender Individualisierung über die elektronischen Marktplätze abgebildet werden.
Welche Erfahrungen haben Einkäufer mit Auktions-Modellen gemacht? Hat sich das Angebot – speziell das der Reverse Auction – bewährt?
Reverse Auctions sind nicht mehr so in der Medienpräsenz, wie sie es vor einigen Jahren noch waren. Fakt ist, dass zahlreiche Unternehmen dieses Instrument sehr effektiv einsetzen und damit erhebliche Einstandskostenreduzierungen erzielen. Die Anbieter haben sich zwischenzeitlich zum großen Teil dem Druck der Nachfrager gebeugt und machen – wenn auch meist zähneknirschend – mit. Für die kleinen Nachfrager mit wenig interessanten Bedarfsvolumina ist und war diese Form der Verhandlung ohnehin nie ein Thema.
Was ist besser: einen neutralen Marktplatz zu nutzen, eine eigene Plattform aufzubauen oder sich einer Einkaufskooperation anzuschließen?
Die eigene Plattform scheidet aus Kostengründen für kleinere Unternehmen aus. Zudem ist hier die Akzeptanz seitens der Lieferanten, die dann ja über viele solcher Plattformen anbieten müssten, nicht gegeben. Da neutrale Marktplätze nur in einigen wenigen Bereichen heute funktionieren, wäre eine kooperative Lösung wohl Erfolg versprechender.
Wie wirken sich in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Systeme, Klassifizierungen und Standards aus?
Das Standardisierungsthema ist ein Dauerbrenner. Glücklicherweise haben wir im Katalogsektor den BMEcat, der hinsichtlich Datenstandard die Dinge einfach macht. Bei den Produktklassifikationen existiert nach wie vor die Problematik, dass der strukturell bessere E-Class einige Produktbereiche gar nicht oder nicht ausreichend erfasst und international erst langsam und punktuell akzeptiert wird. Dort kommt man um UN/SPSC nicht herum. Beide Standards werden weiterentwickelt, was angesichts der vielen Varianten und der diesbezüglich flexibler werdenden Lösungen unbedingt notwendig ist. Bei den Prozessstandards sieht es noch bunter aus, und es ist nicht absehbar, dass sich ein Standard flächendeckend durchsetzen könnte.
Wer E-Procurement einsetzt, muss Lieferanten, Logistikdienstleister und nicht zuletzt die eigenen Mitarbeiter einbeziehen. Wo treten erfahrungsgemäß die größten Probleme auf?
Die größten Probleme liegen bei der Einführung neuer Strukturen und Prozesse, insbesondere wenn diese DV-gestützt sind, immer im eigenen Hause. Die hohe Kunst ist also, die Mitarbeiter zu motivieren, die neuen Abläufe zu akzeptieren und die Tools intensiv zu nutzen. Zwar ist gelegentlich Überzeugungsarbeit bei dem einen oder anderen Lieferanten zu leisten; der Konkurrenzdruck sorgt aber in der Regel dafür, dass dieser ebenso mitspielt wie der Logistikdienstleister. Für beide Gruppen gibt es heute Erfolgsbeispiele von Unternehmen, die diese Herausforderung als Chance begriffen und diese genutzt haben.
Wo sehen Sie, mit Blick in die Zukunft, die größten Potenziale?
E-Procurement wurde in der Vergangenheit immer primär als Rationalisierungs-instrument verstanden, was angesichts des enormen Kostensenkungsdrucks auch gerechtfertigt war. Die viel größeren Potenziale liegen aber in der Unterstützung der Einkäufer bei den strategischen Aufgaben, denn auch dies ist ganz klar E-Procurement.
Lässt sich das in den Unternehmen so einfach umsetzen?
Einige Unternehmen arbeiten ja bereits so. Für die Zukunft benötigen wir aber Instrumente, die uns dabei unterstützen, weltweit die besten Lieferanten aufzufinden, mit diesen in Kontakt zu treten, sie zu analysieren und zu evaluieren, um dann mit ausgewählten Anbietern in Verhandlungen einzutreten. Dies gilt nicht nur für konkurrenz- oder marktorientierte Verhandlungsprozesse, sondern genauso für kooperative Gespräche, beispielsweise im Rahmen einer Entwicklungspartnerschaft. Die Nutzung elektronischer Hilfsmittel kann hier Effektivität und Effizienz erheblich steigern helfen. Dabei ist klar: Wer versucht, alles elektronisch zu machen, wird scheitern, das hat uns die Erfahrung mit B2B-Marktplätzen ausreichend deutlich gemacht.
Wird die automatisierte Beschaffung den Einkäufer aus Fleisch und Blut in Zukunft überflüssig machen?
Der Einkäufer wird immer die eigentliche Entscheidungsinstanz sein, wenn es um die Beschaffung von Produktionsmaterial, Investitionsgütern und Dienstleistungen geht. Das System soll ihm nur die wichtigen Entscheidungsparameter bestimmen helfen und die Arbeit vereinfachen. So kann sie oder er effektiver und effizienter arbeiten und seinem Unternehmen mehr Wert generieren. Auch Rahmenverträge über Verbrauchsmaterial aller Art sind vom Einkäufer abzuschließen. Die Abrufe hieraus über Kataloge können dagegen direkt durch die Bedarfsträger erfolgen, und der gesamt damit in Verbindung stehende operative Prozess wird weitestgehend automatisiert.
Motivierte Mitarbeiter nutzen häufiger IT-Mittel im Einkauf
Der Einkäufer bleibt auch in Zukunft die Entscheidungsinstanz
Anzeige
Industrieanzeiger
Titelbild Industrieanzeiger 8
Ausgabe
8.2020
LESEN
ABO
Video aktuell

Greiferintegration leicht gemacht: Die Zimmer Group zeigt, wie es geht.

Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Tipps der Redaktion

Unsere Technik-Empfehlungen für Sie

Webinare & Webcasts

Technisches Wissen aus erster Hand

Whitepaper

Aktuelle Whitepaper aus der Industrie

Unsere Partner

Starke Zeitschrift – starke Partner

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de