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Klondike liegt jetzt im Norden Dortmunds

„Wir gehen davon aus, dass der RFID-Tag am Wareneingang eingelesen wird und sich automatisch in das Internet einloggt“, berichtet Prof. ten Hompel vom Fraunhofer-IML. „Jede logistische Einheit besitzt dort eine Homepage beim Anbieter, was eine durchgängige Warenverfolgung erlaubt.“ (Bild: IML)
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Mit dem Internet der Dinge wollen Fraunhofer-Forscher die Fördertechnik revolutionieren. Der Aufbau der Transportstrecken bleibt zwar unberührt, aber das Stückgut steuert sich mittels RFID-Technologie künftig selbst.

Von unserem Redaktionsmitglied Michael Corban michael.corban@konradin.de

„Im Internet der Dinge steuern die Pakete, die Behälter, die Paletten – ausgerüstet mit RFID – den Materialfluss selber“, formuliert Prof. Michael ten Hompel vom Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) das, was er für einen Paradigmenwechsel in der Logistik hält. Die Verbindung von Informationstechnologie sowie Materialfluss und Logistik sei das Topthema der Intralogistik im Zusammenspiel mit der Radio-Frequenz-Identifikation (RFID). Den Beweis für ihre Thesen wollen die Dortmunder Forscher mit dem nun eröffneten Open-ID-Center antreten, einer offenen Integrationsplattform für Identifikationssysteme in der Logistik. „Hier darf jeder diese Sachen auch mal anpacken“, so der Professor.
Das Internet der Dinge sei eine Begrifflichkeit, die am IML entwickelt wurde – und nicht am MIT –, wie ten Hompel nicht ohne Stolz berichtet. Beim Vergleich mit dem renommierten Massachusetts Institute of Technology sind die Dortmunder „ziemlich optimistisch“, die Nase bei der Steuerung von Materialfluss-Systemen vorn zu haben. „Dass wir uns damit schon lange beschäftigen, kann man auch daran erkennen, dass wir alle einschlägigen Internetadressen besitzen – auch die englischen.“
Die daraus resultierende Goldgräberstimmung verstärkt Heinz-Paul Bonn, Vizepräsident des Bitkom in Berlin. „Wenn wir das umsetzen, was das IML macht, hat das großen Einfluss auf den Mittelstand.“ Die Warenverfolgung werde dann überall in der logistischen Wertschöpfungskette möglich. „Vor allem sorgt RFID dafür, dass diese Chance eben nicht nur große Unternehmen haben“, so Bonn weiter. Für ihn ein wichtiger Grund mehr, „den Mut aufzubringen, in Deutschland Frontend-Technologie zu betreiben“.
Dass sich dies auch wirklich so realisieren lässt, ist angesichts der Möglichkeiten der Fraunhofer-Gesellschaft denkbar. „Hinsichtlich der RFID-Chip-Entwicklung arbeiten wir mit anderen Instituten zusammen“, berichtet ten Hompel. Im Augenblick laufe ein Projekt zum Thema Chip von der Rolle, hergestellt auf Polymerbasis. Das sei sehr preiswert, und die Kollegen gingen davon aus, dass in drei bis fünf Jahren Polymer-RFID-Chips an den Gütern für einen Preis von deutlich unter einem Cent herstellbar seien, so der IML-Chef weiter.
„Das wird auch der Moment sein, in dem dann der legendäre Joghurt-Becher seinen RFID-Tag erhält.“
„Wir zeigen aber viel mehr als nur den Ersatz des Barcodes durch RFID-Tags, wir zeigen die Integration in logistische Abläufe“, fährt ten Hompel fort. Dass auch dies nicht nur Theorie ist, zeigt die Liste der Partner, angefangen von Microsoft bis hin zum Handelsriesen Metro. Dabei sei es aber nicht nur interessant, das Stückgut mit RFID-Tags auszustatten. Vor allem gehe es darum, in die Chips wesentlich mehr Informationen als auf einen Barcode zu schreiben. „Wir benötigen mindestens zwei Kilobyte an Daten, um das alles zu realisieren“, erläutert der Professor. Das ist deutlich mehr, als bislang international im Gespräch ist. Der Standard für den Electronic Product Code (EPC) allein sieht in der letzten Ausbaustufe 256 bit vor.
„Wir schreiben aber noch die Transportziele in den Tag hinein“, fährt ten Hompel fort. Dies sei ein ganz einfacher Trick, „dessen Bedeutung uns aber erst in den letzten Monaten klar geworden ist – nachdem wir begriffen haben, wie gut er funktioniert“. Alternative Ziele im Tag und softwaregesteuerte Antriebe der Fördertechnik könnten so zusammen dafür sorgen, dass eine komplette Anlage durch die Tags und damit die Behälter gesteuert wird. Selbst die Fehlerbearbeitung und ein alternatives Routing seien dann integriert, der Durchsatz steige, und die Inbetriebnahme selbst komplexester Anlagen werde einfacher. Der Vergleich mit dem Internet trägt hier sehr weit. Dieses wäre mittels einer zentralen Steuerung nicht zu beherrschen.
Vor den Dortmundern liegt aber noch eine Menge Arbeit. Selbst organisierend anstelle von selbst steuernd lautet das Stichwort. „Das ist noch einmal ein Schritt mehr als das reine Steuern“, fährt der IML-Chef fort. „Softwareagenten müssten etwa an einer Kreuzung auch eine Reihenfolge bilden können.“ Doch viele Chancen zeichnen sich ab. „Auch konservative Unternehmen steigen in einer Geschwindigkeit ein, die ich bislang so nicht erlebt habe“, so ten Hompel.
Der Industrieanzeiger wird sich im Titelthema der Ausgabe 40 anlässlich der Messe Cemat detailliert mit dem praktischen Nutzen dieses technologischen Ansatzes auseinandersetzen.

Vorsprung im doppelten Sinn

Kommentar

Michael Corban, Redakteur
Goldgräberstimmung verbreiten Prof. ten Hompel und Bitkom-Vize Paul Bonn. Das ist gut und verdient Respekt. Beide erwarten einen Paradigmenwechsel – hin zu dezentral verteilter Intelligenz. Das ist zwar prinzipiell nicht neu, RFID- und Web-Know-how liefern aber erst jetzt die richtigen Werkzeuge.
Deutschland hat also die Chance, federführend die neue Technologie zu begleiten. Als typisch deutsch empfinden die beiden aber die aufkommende Kritik, insbesondere der Datenschützer. Unbegründet ist die Furcht nicht, dass nun alles klein geredet würde. Wer diese Diskussion – die zudem weit über das Thema RFID hinausgehen muss – aber aufnimmt, könnte ein Musterbeispiel vorausschauender Technikfolgenabschätzung liefern. Typisch deutsch könnte so im doppelten Sinn wieder zu einem Qualitätsmerkmal werden.

Hintergrund RFID-Technik
Die Radio-Frequenz-Identifikation (RFID) eröffnet über den Barcode hinausgehende Möglichkeiten der Kennzeichnung, da ein Lesen, Schreiben und Ändern der Daten möglich ist.
  • Technik Grundlage der RFID-Technologie ist ein Mikrochip, auch Transponder oder Tag genannt, der über eine Antenne Daten empfängt und sendet.
  • Vorteile Neben der hohen Speicherkapazität ist ein Sichtkontakt zu den Lesegeräten im Gegensatz zur Barcode-Technologie nicht erforderlich. Dies erlaubt auch das Erfassen mehrerer Datenträger auf einmal (Pulkerfassung).
  • EPC Der Electronic Product Code (EPC) soll ein einheitliches Datenformat auf den RFID-Tags sicherstellen. Nur so lassen sich die Vorteile über Unternehmensgrenzen hinweg nutzen.
  • Datenschutz Falsch ist, dass RFID hier Probleme verursacht. Bedenkenswert ist allenfalls, dass sich die Tags ohne Sichtkontakt – also auch unbemerkt – auslesen lassen. Im Sinne des Verbraucherschutzes ist die Information des Tags aber zunächst ungefährlich. Bedenklich ist erst das Zusammenführen mit persönlichen Daten, etwa von Kundenkarten. Diese Gefahr besteht aber schon heute, so dass dieser Aspekt nicht ursächlich mit der RFID-Technik zusammenhängt.

Zeitgewinn durch RFID in der Montage

In die Segmente eines umlaufenden Schuppenbandes integrierte RFID-Label sorgen bei der Fertigung des Touran für automatisierte Schraubvorgänge – Zeit sparend und Fehler senkend zugleich.
Die Volkswagen-Tochter Auto 5000 GmbH konnte durch den Einsatz eines RFID-Systems die Durchlaufzeiten für Karosserien des Touran im Abschnitt „Schrauben“ verringern und die Fehlerquote senken. Die Rohkarosserien erhalten zu Beginn der Produktion ein Barcode-Etikett mit einer nur einmal existierenden fahrzeugbezogenen Nummer. Diesem Code sind in einer Datenbank die fahrzeugspezifischen Produktionsanweisungen zugeordnet. Im Montageabschnitt „Schrauben“ überträgt eine Lese-Schreib-Einheit diese Nummer vom Barcode auf insgesamt vier RFID-Label der Münchner Schreiner Logidata GmbH & Co. KG, die in jedes Segment des umlaufenden Schuppenbandes integriert sind. Die Karosserie ist somit durch die Datenträger im jeweiligen Bandsegment eindeutig identifizierbar.
Jeder der 60 mobilen Schrauberwagen kann die fahrzeugtypische Identifikationsnummer auslesen und damit die entsprechenden Produktionsvorgaben umsetzen.
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