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Längst nicht mehr zweite Wahl

Open Source Software: Produkte kostenlos, bezahlt wird für Dienstleistung
Längst nicht mehr zweite Wahl

Open Source Software gewinnt Marktanteile und zeigt immer häufiger im Unternehmensumfeld Flagge. Ein günstiges Preis-Leis-tungsverhältnis und eine rege Entwicklergemeinde begünstigen den Vormarsch der quelloffenen Computerprogramme. Umsatz machen Anbieter mit Wartung und Dienstleistungen.

Die Zahl von Herstellern, die Computerprogramme ohne proprietären Quellcode anbieten, wächst. Der Veteran der Open-Source-Bewegung, das Betriebssystem Linux, steht als Client- und Servervariante seit Jahren zur Verfügung. Rund um diesen frei verfügbaren Kernel hat sich eine große Schar von Anbietern gebildet, die mit eigenen Distributionen und Dienstleistungen dem Bedarf unterschiedlicher Zielgruppen entgegenkommen. Die unlängst gestartete Anbieterdatenbank von Heise online und dem deutschen LinuxVerband listet 260 Anbieter von Produkten und Dienstleistungen rund um Linux und Open Source auf. Das ISIS Software-Portal des Informations-Service-Anbieters Nomina enthält unter der Rubrik Linux mehr als 2800 Einträge, allein 133 Treffer bei ERP- und PPS-Systemen.

Große Namen der Softwarebranche, darunter IBM, Novell, Oracle oder Sun Microsystems haben den Open-Source-Markt entdeckt und profilieren sich mit Produkten, die hauptsächlich über Wartung und Support Geld einbringen. Die Mehrzahl der kleineren Softwareschmieden sucht sich im Umkreis von Datenbank, Embedded Computing und Enterprise Resource Planning (ERP) ihre Zielgruppe. Georg Greve, Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE), bilanzierte zufrieden auf dem Linux Tag 2006 das steigende Interesse vieler Unternehmen an patentfreier Software: „Wir sind dabei, Monopole auf dem Softwaremarkt zu brechen.“
Der Hersteller von Parkettschleifmaschinen, Eugen Lägler GmbH aus dem schwäbischen Güglingen, hat seine komplette Unternehmens-IT inklusive des ERP-Systems der Karlsruher Softwareschmiede Abas Software AG auf das Desktopsystem Debian GNU/ Linux umgestellt. „Wir wollten nicht abhängig von einem Hersteller sein und haben uns frühzeitig für den Linux-Desktop entschieden“, sagt Geschäftsführerin Susanne Lägler.
Mit der Standardsoftware von Abas gibt es keine Integrationsbarrieren. Im Gegenteil. Abas fühlt sich eigenen Angaben zufolge als Pionier der Open-Source-Bewegung und konzentriert sich als ERP-Spezialist auf mittelständische Fertigungsunternehmen. Die Standardsoftware optimiert Geschäftsprozesse vom Ein- und Verkauf über die Fertigung und das Lagerwesen bis hin zur Finanzbuchhaltung. Seit 1995 unterstützt Abas das Open-Source-Betriebssystem Li- nux in seiner Serverversion. Die meisten der mehr als 1600 Abas-Installationen basieren auf Linux, obwohl die Karlsruher auch Windows- und Unix-Varianten ihrer ERP-Suite anbieten. „Linux steht einfach für hervorragende Performance, Sicherheit und niedrige Kosten“, betont Christoph Harzer, Marketingmanager bei Abas.
Der praktische Einsatz von Open-Source-Produkten zur Optimierung von Produktions- und Geschäftsprozessen ist in unternehmenskritischen Bereichen auf dem Vormarsch. Die Marktforscher von Gartner schätzen, dass bis 2008 über 70 % der Unternehmen Open-Source-Datenbanken einsetzen werden. Das Marktforschungsunternehmen IDC ermittelte für 2005 eine Wachstumsrate von 67 % im Bereich virtuelle Serversysteme unter Linux. Laut einer aktuellen Studie des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) zu den Einsparpotenzialen und der Wirtschaftlichkeit von Open Source Software (OSS) überwiegen die Vorteile von Linux & Co. gegenüber den kommerziellen Produkten. So reduzieren fehlende Lizenzkosten die Softwareinvestitionen und die Anwender sind nicht von der Produktpolitik eines kommerziellen Herstellers abhängig. „Freie Software ist längst nicht mehr zweite Wahl“, sagt Thomas Renner (siehe Kasten Nachgefragt), einer der Studienautoren.
Die Geschäftsmodelle der Open-Source-Anbieter beruhen auf Support und Wartung. Außerdem beraten zahlreiche Anbieter ihre Kunden im Hinblick auf so genannte Best-of-Breed-Lösungen. Der im schwedischen Uppsala ansässige Datenbankhersteller MySQL beispielsweise verfolgt seit Jahren ein Dual-Licensing-Modell. Dieses umfasst eine lizenzfreie Open-Source-Version und eine mit kostenpflichtigen Zusatzdiensten und Wartungsangeboten erweiterte Datenbank für den Unternehmenseinsatz. So ist die jetzt als MySQL Enterprise angekündigte überarbeitete Datenbank im Jahresabonnement erhältlich und enthält monatliche Software-Updates sowie vierteljährliche Software-Packs. Neben einem 24-Stunden-Support durch MySQL-Entwickler verspricht der Anbieter kontinuierliche Neuentwicklungen in den Bereichen Backup und Security sowie Systemmonitoring und transaktionssichere Datenverarbeitung.
Die Enterprise-Version baut auf Server-Technik der aktuellen MySQL Database auf und bietet preislich abgestufte Leistungspakete pro Jahr und Server. Als wichtigste Neuerung bezeichnet MySQL-Vorstand Kaj Arnö die so genannten Network Monitoring and Advisory Services. Dieses Dienstepaket sei auf den Unternehmenseinsatz zugeschnitten und erleichtere über einen Softwareassistenten die Installation und Überwachung der Datenbank, erläutert Arnö. Laut Robin Schuhmacher, Director of Product Management bei MySQL, soll das Serviceangebot in den nächsten Jahren ausgebaut werden: „Wir arbeiten an sechs neuen Services, die vor allem das Patch- und Sicherheitsmanagement betreffen sowie neue Features für die Datensicherung und die Kapazitätsplanungen“, sagt Schuhmacher auf einer Anwenderkonferenz in München.
Während noch vor wenigen Jahren die etablierte Softwareindustrie, allen voran der Branchengigant Microsoft, Open-Source-Produkte als Nischenmarkt für Programmierenthusiasten abtat, hat sich das Fähnchen gedreht. Vor acht Jahren meldete Marktforscher IDC erstmals einen sprunghaften Anstieg der Neuinstallationen von Linux im Server-Bereich. Tonangebende Anbieter wie Red Hat oder Suse Linux, mittlerweile unter den Fittichen von Netzwerkspezialist Novell, bereiten den Boden für stabile Softwareprodukte. Kostenlos allerdings sollte niemand zu wörtlich nehmen. „Erst eine detaillierte Wirtschaftlichkeitsrechnung offenbart den tatsächlichen Vorteil“, unterstreicht IAO-Wissenschaftler Renner.
Andreas Beuthner Fachjournalist in Buchendorf/München

„Genaues Nachrechnen lohnt sich“

nachgefragt

Mit Open Source Software kann man Geld sparen. Gilt das auch für Unternehmen?
Die Einsparung von Lizenzkosten ist sicher ein Grund für den Einsatz von Open Source Software. Dies gilt gleichermaßen für Unternehmen wie für die öffentliche Hand und andere Institutionen. Es ist jedoch wichtig, bei der Berechnung der Kosten nicht einseitig nur die Lizenzkosten zu betrachten, sondern die Kosten über den gesamten Lebenszyklus. Im Rahmen der Fraunhofer-Studie zu Open Source Software haben wir ein Modell zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit vorgestellt, das als Grundlage für eigene Abschätzungen dienen kann.
Die Grenzen zwischen kommerzieller und freier Software verschwimmen. An was können sich Anwender orientieren?
Wichtige Entscheidungskriterien – außer den Lebenszyklus-Kosten – sind der benötigte Funktionsumfang, die Frage nach dem eigenen Know-how für Konfiguration, Anpassung, Wartung und Betrieb der Software und ob zukünftig aktualisierte Softwareversionen zur Verfügung stehen. Je größer der eigene Anpassungsaufwand einer Standardsoftware ist, desto genauer sollten diese Fragen untersucht werden.
Wird Open Source im industriellen Umfeld an Bedeutung gewinnen?
In einzelnen Bereichen wie etwa Serverbetriebssysteme, Web und Application Server, Firewalls, E-Mail oder Web-Browser besitzt Open Source Software in Unternehmen bereits eine erhebliche Bedeutung. Wir sind der Ansicht, dass Open Source Software in weiteren Anwendungsbereichen – etwa beim Kundenbeziehungsmanagement – an Bedeutung gewinnen wird. ab

Freie Software verpflichtet
Eine Open Source Software ist zwar kostenlos, aber nicht lizenzfrei. Entwickler veröffentlichen ihre Programme unter der GNU General PublicLicense (GPL). Diese Lizenz fordert, dass der Quellcode jeder ihr unterstellten Software frei eingesehen, modifiziert und weitergegeben werden darf. Wird die weitergegebene Software modifiziert, muss dies ebenfalls unter der GPL publiziert werden.
Das Landgericht Frankfurt/M. hat diesen September eine Vertriebsgesellschaft wegen GPL-Verletzung verurteilt. Die deutsche Tochter des taiwanesischen Hardware- und Netzherstellers D-Link wurde zu Auskunft und Kostenerstattung verurteilt. D-Link hatte ein Linux betriebenes Gerät in Deutschland vertrieben, ohne die General Public License und die Quelltexte mit zu liefern. Geklagt hat der Programmierer Harald Welte, der das Projekt „gpl-violations“ zur Einhaltung der GPL-Lizenzbedingungen betreibt.
Das Landgericht bestätigte die Rechtmäßigkeit der Forderungen mit Verweis auf § 4 der Lizenz. Demnach ist ein Verbreiten von GPL-lizenzier- ter Software nicht gestattet, wenn die Bedingung des Urheberrechts nicht gewahrt ist. Damit hat zwar das beklagte Unternehmen die GPL-Rechte zur Weiterentwicklung der Software wahrgenommen, die damit verbundenen Pflichten aber ignoriert.

Kosteneffizienz
Entfallen die Lizenzkosten, senkt dies in vielen Fällen die Gesamtbetriebskosten (Total Cost of Ownership) der Software. Allerdings hängen die Einsparpotenziale stark mit dem jeweiligen Einsatzszenario zusammen. Laut Branchenexperten wirkt sich dies besonders dann aus, wenn wenig zusätzlicher Schulungsaufwand anfällt und gleichzeitig große Lizenzkostenblöcke eingespart werden können.
Industrieanzeiger
Titelbild Industrieanzeiger 17
Ausgabe
17.2021
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