Sachsenring + Jenoptik: Vom Konkursfall zum Erfolgsmodell

Rettung durch geschickte und mutige Investoren

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Studenten der Handelshochschule Leipzig haben den Weg erfolgreicher ostdeutscher Unternehmen nachgezeichnet. Sachsenring und Jenoptik mauserten sich in dramatischen Jahren nach der Wende zu international anerkannten Technologiekonzernen.

Stefan Schroeter ist Journalist in Leipzig

Vor sechs Jahren gab die Treuhandanstalt keinen Pfifferling mehr auf die Sachsenring Automobilwerke GmbH. Der ehemalige Produzent des DDR-Volksautos Trabant machte bei einem Umsatz von 36 Millionen Mark einen Verlust von 25 Millionen Mark und sollte endgültig liquidiert werden. Aufgrund des öffentlichen Druck gliederten die Treuhand-Manager dann aber doch noch den Fahrzeugtechnik-Bereich aus, den sie eigentlich für besonders unwirtschaftlich hielten. Für die so entstandene Sachsenring Automobiltechnik GmbH Zwickau mit 330 Mitarbeitern fanden sich schließlich auch Investoren: Ernst Wilhelm und Ulf Rittinghaus, die das Unternehmen in den nächsten Jahren zu einem leistungsfähigen Systemlieferanten für die Automobilindustrie machen sollten. „Die Automarke lag am Boden, die großen Hersteller interessierten sich nicht dafür“, blickte Ernst Wilhelm Rittinghaus bei einer Veranstaltung der Handelshochschule Leipzig (HHL) zurück. „Für uns war das eine günstige Gelegenheit.“ Schließlich reichen die Wurzeln des Unternehmens bis 1904 zurück, als August Horch in Zwickau mit dem Automobilbau begann.
Inzwischen ist aus dem liquidationsreifen Unternehmen ein Konzern mit 1350 Mitarbeitern, 420 Millionen Mark Umsatz und 7 Millionen Mark Gewinn geworden. Zu den Kunden zählen renommierte Unternehmen wie Volkswagen, Audi, Daimler-Chrysler und Opel. Total Quality Management, just in time und computergestützte Produktion gehören zum Alltag. Seit 1997 ist das Unternehmen am Neuen Markt der Frankfurter Börse notiert und gilt als Paradebeispiel für die ostdeutsche Industrie. „Wir haben versucht, die kleinen Dinge richtig zu machen“, vereinfachte Ernst Wilhelm Rittinghaus das Erfolgsrezept vor den angehenden Managern der Privathochschule. Die Studenten hatten das Modell Sachsenring zuvor in einem Praxisprojekt eingehend untersucht.
Als ein wichtiges Element des Erfolgs wertete HHL-Student Martin Plischka, daß das Unternehmen den Schritt vom Komponenten- und Teilelieferanten zum System-Zulieferer für die großen Automobilhersteller vollzog. Zudem richtete sich Sachsenring konsequent auf Nischen aus, in denen es ein spezielles Know-how entwickelte. Als Beispiel nannte Plischka den Uni 1, ein Konzeptfahrzeug aus Aluminium mit kombiniertem Diesel-Elektroantrieb, das Sachsenring als Prototyp selbst entwickelte und gemeinsam mit anderen Herstellern in kleinen Serien fertigen wollte. Zwar wird der Uni bis heute nicht in Serie produziert, doch das Projekt sorgte weltweit für Aufsehen und beeindruckte potentielle Kunden. Als der Daimler-Chrysler-Konzern einen Partner suchte, der ein leichtes Fahrerhaus für den neuen Lkw Econic zügig entwickeln und kostengünstig produzieren kann, fiel die Wahl auf Sachsenring – immerhin ein 300-Millionen-Auftrag.
Um als Systemlieferant auftreten zu können, hat das Unternehmen auch gezielt vorhandenes Know-how eingekauft. So wurde die Schimanski Lenktechnik GmbH Schlüchtern übernommen, die Günter Kunststoffmaschinen GmbH, der Hersteller von Brems- und Kraftstoffleitungs-Systemen Tröbitz Systemtechnik GmbH und der slowakische Zulieferer Tatramat.
Management und Mitarbeiter müssen an einem Strang ziehen
Die jüngste Sachsenring-Erwerbung ist der Dresdner Mikrochip-Hersteller ZMD, der künftig die Elektronik-Entwicklung vorantreiben soll. Rittinghaus will den Autoproduzenten aber noch mehr Arbeit abnehmen: „Wir wollen ein Makromodul-Lieferant werden, der auch einen ganzen Teil des Autos selbst entwickelt und produziert“, so der Sachsenring-Vorstand zu den geplanten Zielen. Schon heute sei das Unternehmen in der Lage, selbst ein Auto für einen der renommierten Hersteller zu bauen. In die Nischen-Strategie fügt sich auch der in Bremen ansässige Hersteller von gepanzerten Fahrzeugen und Veredler Trasco ein, den Sachsenring 1996 konkursreif übernommen hatte.
Als die Rittinghaus-Brüder Sachsenring 1994 übernahmen, war das Unternehmen fast vollständig von Zulieferungen für Volkswagen abhängig, vor allem für das nahe VW-Werk Mosel. „Heute ist Sachsenring Modul-Lieferant für viele andere bedeutende Automobilhersteller“, erklärte Student Martin Plischka. 1997 machen diese Kunden bereits einen Umsatz-Anteil von 46 Prozent aus. Daß die Zwickauer neue Kunden gewinnen und den Umsatz stark ausweiten konnten, führt Plischka auch auf konkurrenzfähige Preise, Zuverlässigkeit und Qualitätsarbeit zurück. Und das hat seiner Meinung nach nicht nur mit einem qualifizierten Management zu tun, sondern auch mit den leistungsfähigen und motivierten Mitarbeitern des ehemaligen Autoherstellers. Bei Sachsenring gilt eine flexible Arbeitszeit, die auch Wochenend-Einsätze einschließt.
Ein scheinbar hoffnungsloser Fall war 1991 auch die Jenoptik GmbH als Nachfolgerin des Technologie-Kombinats VEB Carl Zeiss Jena. Während das Kerngeschäft des Kombinats von Carl Zeiss Oberkochen übernommen wurde, blieben bei Jenoptik nur die Geschäftsbereiche Optoelektronik und Präzisionstechnik, 27 000 Beschäftigte und zumeist baufällige Immobilien. „Das Unternehmen mußte alle Belastungen des Kombinats übernehmen“, faßte HHL-Student Stefan Laucher die damalige Situation zusammen. Allerdings war Jenoptik vollständig im Besitz des Landes Thüringen, so daß sich das Unternehmen unabhängig von der Treuhand entwickeln konnte. Einen wichtigen Erfolgsfaktor sah Laucher schließlich in der Person des Geschäftsführers: „Lothar Späth kam ursprünglich aus der Wirtschaft, kannte sich als späterer Ministerpräsident von Baden-Württemberg auch mit den Förder-Möglichkeiten gut aus und hatte in seinem Heimatland schon eine High-Tech-Vision erfahren.“
Späth handelte zunächst eine solide Anschubfinanzierung von 3,6 Milliarden Mark durch das Land Thüringen und die Treuhand aus. In einer enormen Kündigungswelle reduzierte er die Belegschaft auf 10 000 Mitarbeiter, kümmert sich aber zugleich um die Ansiedlung von Investoren am Standort und um die Qualifizierung und Vermittlung der Arbeitskräfte.
In ihrem eigentlichen Geschäft entwickelten die qualifizierten Mitarbeiter der Jenoptik sehr schnell marktfähige Spitzenprodukte in den Bereichen Elektronik, Medizin-, Laser- und Halbleitertechnik. Um rasch Vertriebskanäle aufzubauen, kauften die Jenaer westdeutsche Unternehmen, die in diesen Marktbereichen schon länger etabliert waren. Ein Meilenstein auf diesem Weg war 1994 die Übernahme des Reinraum-Anlagenbauers Meissner + Wurst GmbH + Co. KG, Stuttgart, durch den sich Jenoptik den Weltmarkt und ein starkes Wachstumspotential erschloß.
Im Medizintechnik-Bereich gründeten die Jenaer ein gemeinsames Unternehmen mit dem Medizintechnik-Hersteller Aesculap, im Telekommunikations-Bereich erwarben sie die Mehrheit an der Berliner Krone AG und bauten sie zum Systemanbieter um. Von weniger erfolgreichen Geschäftsbereichen wie der Automatisierungstechnik und Industriekeramik trennte sich Jenoptik wieder. Späth baute das Unternehmen auf diese Weise zu einem inzwischen börsennotierten Technologiekonzern um, der 1998 mit 8000 Mitarbeitern nach vorläufigen Zahlen einen Umsatz von mehr als drei Milliarden Mark erwirtschaftet hat. „Heute ist Jenoptik eines der größten und erfolgreichsten Unternehmen in Ostdeutschland“, lautet das Urteil von Stefan Laucher.
Die HHL will den weiteren Weg der beiden Unternehmen auch künftig verfolgen. Stefan Laucher sieht nach seinem Praxisprojekt bei Jenoptik eine „gute berufliche Perspektive“. Die Unternehmen haben durchaus Bedarf an Absolventen, aber auch an Bildungsangeboten der Hochschule. „Wir müssen viel für die Weiterbildung unserer Mitarbeiter tun“, sagte Sachsenring-Vorstand Rittinghaus. „Ich kann es mir durchaus vorstellen, daß wir fähige Facharbeiter auf die Hochschule schicken und als Manager oder Ingenieure zurückholen.“
Manager-Nachwuchs
Die Handelshochschule Leipzig wurde 1898 als erste betriebswirtschaftliche Hochschule Deutschlands gegründet. Anfang der neunziger Jahre wurde sie zunächst vollständig abgewickelt, aber schon 1992 als einzige private Hochschule in Ostdeutschland wieder gegründet. Wer sich um die jährlich 40 Studienplätze bewirbt, muß nicht nur ein abgeschlossenes kaufmännisches Grundstudium, Praxiserfahrung und gute Fremdsprachen-Kenntnisse vorweisen, sondern auch eine Aufnahmeprüfung bestehen. Die Studiengebühren betragen 6000 Mark pro Semester, können in Einzelfällen aber auch erlassen werden.
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