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Risiken erkennen, bevor ein Unfall passiert

Arbeitsschutz: Der Chef sorgt selbst für Sicherheit
Risiken erkennen, bevor ein Unfall passiert

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Erstmals registrierten die deutschen Berufsgenossenschaften im vergangenen Jahr weniger als 1000 tödliche Arbeitsunfälle. Mit neuen Arbeitsschutzsystemen und einer regelmäßigen Beurteilung der Gefahrenquellen werden in Betrieben vorbeugende Maßnahmen getroffen.

Susanne Schwab ist Journalistin in Reutlingen

Die Zahl der Arbeitsunfälle in Deutschland in der gewerblichen Wirtschaft hat einen neuen Tiefstand erreicht: Verloren 1970 noch fast 2700 Menschen ihr Leben bei der Arbeit, verringerten sich die tödlichen Unfälle 1998 um 3,3 % auf 971 gegenüber dem Vorjahr, so lautete die Bilanz des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften. Die meldepflichtigen Arbeitsunfälle, die eine Krankschreibung von mehr als drei Tagen zur folge haben, gingen im gleichen Zeitraum um 1,2 % auf 1,2 Millionen zurück.
Ausschlaggebend für diese Zahlen sind unter anderem die Maßnahmen, die in den letzten Jahren verstärkt in vielen Unternehmen zur Prävention durchgeführt werden. Dennoch liegen hier viele Potentiale brach. Wichtig ist ein umfangreicher Arbeitsschutz in allen Bereichen eines Betriebes. Dabei genügt es nicht, eine Handvoll Mitarbeiter regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen zu lassen und sie danach zu Sicherheitsfachkräften zu ernennen.
Auch Dr. Klaus Scheuermann, Präsident der Fachvereinigung Arbeitssicherheit (Fasi), plädiert für eine umfassende Vorsorge: „Der Arbeitsschutz muß unbedingt in moderne Managementsysteme integriert werden.“ Dabei gilt es für ihn besonders zu bedenken: „Arbeitsschutz ist heute mehr als die Sicherheit einzelner Maschinen und die Aufklärung über mögliche Gefahren. Der Schutz des Mitarbeiters wird zunehmend als integraler Bestandteil von Qualität in Produktion und Dienstleistung begriffen.“ Nach Ansicht des Sicherheitsexperten stärke dies nicht nur die Eigenverantwortung und Handlungsfreiheit der Unternehmer. Es führe vor allem zu einer Senkung der Lohnnebenkosten und zu einer Produktivitätssteigerung und damit direkt oder indirekt zu besseren betriebswirtschaftlichen Ergebnissen.
Grundlage der Schutzvorrichtungen in den Unternehmen ist das Arbeitsschutzgesetz. Mit seiner Hilfe soll der Arbeitgeber in allen Tätigkeitsbereichen seines Unternehmens Gefährdungen erkennen, bewerten und beseitigen. Ausgangspunkt ist die europäische Richtlinie Arbeitsschutz 89/391/EWG. Diese EG-Richtlinie enthält Mindestanforderungen für den Arbeitsschutz, die in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gelten.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), mit Standorten in Dortmund, Berlin, Dresden und Bremen, hat jetzt in einem Bericht die Auswirkungen des neuen Arbeitsschutzgesetzes beschrieben. Laut der Gesetzesschrift ist es eine der Grundpflichten als Arbeitgeber, erforderliche Maßnahmen festzulegen, um die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit zu sichern und zu verbessern. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist das Beurteilen des Risikos: Nur wer die Gefahr in seinem Betrieb wirklich kennt, kann kosteneffizient die richtigen Mittel einsetzen, um den Schutz seiner Mitarbeiter zu verbessern. Dazu ist es meist nur nötig, aufmerksam durch den Betrieb zu gehen, sich alles anzuschauen und zu erkennen, was auf die Sicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten Einfluß haben kann:
Wie ist die Arbeitsstätte allgemein, wie sind die Arbeitsplätze ausgestattet?
Welche bauliche Gestaltung haben die Arbeitsräume, die Verkehrswege?
Sind die Arbeitsplätze ergonomisch gestaltet?
Wie ist die Gestaltung, Auswahl, Beschaffenheit und der Einsatz von Maschinen, Geräten und Anlagen?
Werden Gefahrstoffe eingesetzt? Entstehen welche im Unternehmen?
Wie sind die Arbeits- und Fertigungsverfahren gestaltet?
Können Arbeitsabläufe und Arbeitszeit verbessert werden?
Wurden die Mitarbeiter ausreichend informiert und unterwiesen?
Nach diesem Fragenkatalog sollte ein Unternehmer einschätzen können, ob seine Mitarbeiter bereits ausreichend geschützt sind. Dabei ist es sinnvoll, diese Maßnahmen stets mit den gegebenen Vorschriften und Regeln zu vergleichen. Die Bundesanstalt empfiehlt hier, die Rangfolge der Arbeitsschutzeinrichtungen zu beachten:
Sichere Technik
Sicherheitstechnische Mittel
Organisatorische Maßnahmen
Individuelle Schutzmaßnahmen
Natürlich muß regelmäßig die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen überprüft und gegebenenfalls den sich geänderten Bedingungen angepaßt werden. Kontrollfunktionen können hier Sicherheitsbeauftragte eines Unternehmens, Betriebsärzte oder Fachkräfte für Arbeitssicherheit übernehmen.
Um eine möglichst hohe Transparenz im Unternehmen erreichen zu können, sollte der Unternehmer seine Mitarbeiter in den Arbeitssicherheitsprozeß miteinbeziehen. Dazu ist es nötig, alle Beschäftigten über Gefahren, mögliche Schädigungen sowie über bestehende, eingeleitete oder geplante Maßnahmen frühzeitig zu informieren und einzuweisen. Die Mitarbeiter sind dagegen laut BAuA verpflichtet, Vorgesetzten jede Gefahrenquelle sowie Mängel an Schutzsystemen zu melden. Sie können darüber hinaus aktiv bei der Gestaltung des betrieblichen Arbeitsschutzes mitwirken, beispielsweise durch Verbesserungsvorschläge.
Ein wichtiges Thema innerhalb des betrieblichen Arbeitsschutzes sind die Berufskrankheiten: Hautleiden, asthmatische Anfälle und Augenleiden gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern. Nach aktuellen Zahlen des Hauptverbandes der Berufsgenossenschaften (HVBG) wurden 1998 rund 78 000 Berufskrankheitsverfahren abgeschlossen. Dabei wurde der Verdacht auf eine Berufskrankheit in 34 Prozent der Fälle, also bei rund 27 000 Antragsstellern, bestätigt. In diesen Fällen konnte nachgewiesen werden, daß die berufliche Tätigkeit die Ursache für eine Erkrankung ist, die in der Berufskrankheiten-Liste verzeichnet ist.
Diese offiziellen Anforderung wird von den Berufsgenossenschaften als Voraussetzung gestellt. Was eine Berufskrankheit ist, definiert die Bundesregierung. Mit Zustimmung des Bundesrates wurde eine Liste mit entschädigungspflichtigen Berufskrankeiten erstellt. Diese Liste enthält derzeit 67 Positionen.
Doch viele dieser Krankheiten wirken sich auch erst nach Jahren aus und sind schwer festzulegen. Dazu gehört vor allem die Gefährdung durch Lärm, eine der häufigsten Gefährdungen am Arbeitsplatz. Wie die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ermittelt hat, sind in Deutschland rund vier Millionen Menschen an ihrem Arbeitsplatz durch Lärm gefährdet. Wird am Arbeitsplatz ein Pegel von 85 dB überschritten, muß der Arbeitgeber dem Beschäftigten Gehörschutz zur Verfügung stellen. Dieser Wert entspricht etwa dem Lärm eines Lastwagens in fünf Meter Distanz. Ab diesem Lärmpegel drohe eine irreparable Lärmschwerhörigkeit, wenn kein Gehörschutz getragen werden, so die BGW. Doch nur jeder dritte Gefährdete trage einen Gehörschutz. „Lärm wird oft ignoriert, denn er tut nicht direkt weh und wirkt sich erst nach Jahren aus“, weiß BGW-Experte Josef Tanner. Dann sei es jedoch zu spät, denn die Hörverluste seien unheilbar.
Nicht nur Industriearbeiter sind davon betroffen. Auch in Büros könne Lärm zu schweren Belastungen führen. Hier gilt ein Grenzwert von 55 dB, was etwa dem Geräusch einer Computertastatur entspricht. Unkonzentriertheit, Nervosität und Bluthochdruck zählen laut BGW demnach zu den häufigsten Folgen von Lärmstreß.
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