Standort NRW: Viel Wandel im „Kunstland“

NRW setzt auf Menschen statt auf Kohle

Viel Wandel im „Kunstland“

Anzeige
Vom Rohstoff Kohle zum Rohstoff Bildung, vom Stahl zur Digitalisierung, vom Wandel der Strukturpolitik und der Arbeiterviertel hin zur Quartiersbindung durch soziale Netzwerke: Nordrhein-Westfalen und gerade das Ruhrgebiet müssen sich immer wieder neu erfinden.

Werner Möller
Freier Journalist in Essen

Seit 72 Jahren gibt es das „Kunstland“ Nordrhein-Westfalen. Es war der Grundstein für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Am 23. August 1946 veröffentlichte die britische Labour-Regierung im Düsseldorfer Stahlhof die Verordnung Nummer 46. Sie gilt als „Geburtsurkunde“ von NRW. Das Land von Kohle und Stahl wurde es sehr lange genannt, und das montanindustrielle Ruhrgebiet war nach dem Wiederaufbau eine der wichtigsten Industrieregionen Europas. Seit den 60er-Jahren nahm die Bedeutung von Kohle und Stahl ab. NRW musste sich im Montan-Umfeld neu erfinden und nicht wie Bayern beispielsweise auf der grünen Wiese. Viele neue Ideen und Ansätze gerieten dadurch ins Stocken. Politiker, Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften und auch die Bürger sicherten noch lange ihre Pfründe. Es ging – wenn überhaupt – sehr langsam voran. Der Rest dürfte bekannt sein.

Auch Industrie 4.0 beschäftigt das Land

Doch trotz Strukturwandel und jahrelangem unterdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum war NRW mit einem Bruttoinlandsprodukt von 669,7 Mrd. Euro im Jahr 2016 das wirtschaftsstärkste Bundesland Deutschlands, mit knapp 18 Mio. Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste. Die neun Dax-Konzerne aus Nordrhein-Westfalen kommen zusammen auf einen Umsatz von mehr als 114 Mrd. Euro pro Jahr. In NRW arbeiten 756.000 Beschäftigte in 22.300 Betrieben, das verarbeitende Gewerbe erlöst 332 Mrd. Euro Umsatz, 181 Mrd. Euro investieren ausländische Unternehmen. NRW ist auch ein wichtiger F&E-Standort mit 70 Hochschulen – davon 20 allein im Ruhrgebiet –, 14 Fraunhofer- und
12 Max-Planck-Instituten. Auch das Trendthema Industrie 4.0 beschäftigt das Land. Der VDMA-NRW-Verband führt regelmäßig Cluster und Kongresse für Maschinenbau und Produktionstechnik in Zusammenarbeit mit der Plattform Industrie 4.0 durch.

Am Landesbewusstsein mangelt es noch

Doch noch immer gibt es im „Kunstland“ Nordrhein-Westfalen keine spezifische Identität. Laut immer wieder erhobenen Umfragen ist das Landesbewusstsein der Bürger nirgendwo so gering ausgeprägt. Die Leute fühlen sich als Rheinländer oder Ruhries, Westfalen, Sauerländer, Siegerländer oder als Lipper. Aber auch ohne eine gemeinsame wirtschaftliche Geschichte verbucht NRW Erfolgsstorys. Netzwerke wie „it’s OWL“ in Ostwestfahlen-Lippe mit wichtigen Unternehmen wie Böllhoff, Beckhoff, Boge oder Hörmann, die Hidden Champions der elektrischen Verbindungstechnik wie Harting, Phoenix Contact, Wago oder Weidmüller zeugen davon. Rund 250 Betriebe im Bereich Automotive sind im Bergischen Städtedreieck – Remscheid, Solingen und Wuppertal – angesiedelt. Das ist nahezu ein Drittel aller Automotive-Betriebe in NRW. Sie alle haben begonnen, sich mit der Zukunft der Mobilität auseinanderzusetzen. Seit 2017 sind die Unternehmen im Bergischen Zukunftssalon Automotive organisiert (siehe Seite 32).

Die Städte am Rhein, vor allem die Großstädte Düsseldorf, Neuss, Köln und Bonn, weisen seit Jahren sehr gute Wirtschaftsdaten auf. Düsseldorf selbst zählt zu den fünf wirtschaftsstärksten Städten Deutschlands. Im Rheinland, nachdem Opel den Standort Bochum geschlossen hat, werden Autos gebaut. Ford in Köln, Mercedes-Benz in Düsseldorf und die Deutsche Post in Düren (Erfolgsgeschichte E-Streetscooter). Aber auch viele ausländische Automobilhersteller haben ihre Deutschland-Zentralen hier: PSA Peugeot Citroën (Köln), Toyota und Lexus (Köln), Volvo (Köln), Renault und Dacia (Brühl), Nissan (Brühl) sowie Mazda (Leverkusen).

Als Zentrum der Gebäudeelektrik und -elektronik, Leuchten sowie Tür- und Sicherheitstechnik kann Südwestfalen gelten. 70 % aller Schalter und Steckdosen sowie jede zweite in Deutschland hergestellte Leuchte stammen von dort. Zu den bekannteren Unternehmen gehören Erco, OBO Bettermann, Busch-Jäger, Trilux, oder Mennekes, das den EU-Standard bei Ladesteckern für E-Autos gesetzt hat.

Neues Image als zukunftsorientierte Region

Das Ruhrgebiet ist dagegen Treffpunkt unterschiedlicher Aktivitäten wie Warenumschlag (Duisburg mit seinem Binnenhafen) oder Dortmund mit Arbeitsschutz, Mikrosystemtechnik und Logistik-Know-how. Mittlerweile stellt der Dienstleistungssektor mit mehr als zwei Dritteln der Beschäftigten den höchsten Anteil im Ruhrgebiet. Die Gesundheitswirtschaft spielt hierbei eine bedeutende Rolle, heute arbeiten in diesem Bereich deutlich mehr Menschen als in der Montanindustrie. Auf alten Industriebrachen entstehen in jeder Stadt kleinere Gewerbeparks. Die Betriebe in den Parks profitieren von verkehrsgünstigen Anbindungen im Ruhrgebiet. Städte wie Dortmund und Essen versuchen, sich als überregional bekannte Messestädte zu profilieren. Hinzu kommt der bereits in den 80er-Jahren forcierte Bau von Technologie- und Gründerzentren (TGZ). In diesen Inkubatoren werden innovative Produkte der Hochtechnologie entwickelt, die dem Ruhrgebiet ein neues Image als zukunftsorientierte Region verschaffen.

Große Festivals promoten das Ruhrgebiet

Auch kulturell machen große Festivals wie die „Ruhrfestspiele“ in Recklinghausen, das „Theaterfestival Ruhr“ oder die „Ruhr-Triennale“ das Ruhrgebiet weit über seine Grenzen hinaus bekannt. Es gibt ein dichtes Netz an kommunalen Theatern und Opernhäusern. Eine herausragende Leistung in der kulturellen Entwicklung hat die Internationale Bauausstellung Emscher-Park (IBA) vollbracht. Einer der Schwerpunkte dieses auf zehn Jahre angelegten Projektes war die Restaurierung alter Industriedenkmäler und -brachen, um sie einer neuen, kulturellen Nutzung zuzuführen.

Die Bauwerke der dabei entstandenen „Route der Industriekultur“ sind touristische Highlights. Der Gasometer in Oberhausen beispielsweise ist mit wechselnden Ausstellungen ein Besuchermagnet. Das Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ist Bildungsstandort, Gründerzentrum und Eventlocation in einem. Doch ein Wandel lässt sich nicht beseitigen: Der Boden hat sich im Laufe der Zeit gesenkt und die Landschaft wurde verändert. Das Ruhrgebiet wäre heute ein von Duisburg bis Dortmund reichender Binnensee, würden die Grundwassermassen als Ewigkeitslasten nicht pausenlos abgepumpt. NRW ist also tatsächlich zum Teil Kunstland.


Riesiger Schritt nach vorn

Das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT in Aachen entwickelte das „Extreme Hochgeschwindigkeits-Laserauftragschweißen“ als effektiven Verschleiß- und Korrosionsschutz. Die Innovation hat sich bei stark beanspruchten Bauteilen aus Metall bereits als Alternative zum Hartverchromen bewährt, das mittlerweile nur noch unter bestimmten Auflagen erlaubt ist. Seit 2015 hat die niederländische IHC Vremac Cylinders B.V. aus Apeldoorn bereits einige hundert Hydraulikzylinder für den weltweiten Offshore-Einsatz mit Längen von bis zu 10 m und Durchmessern von bis zu 500 mm mit verschleiß- und korrosionsbeständigen Legierungen beschichtet.

Laser-Alternative zur Chrom(VI-)Beschichtung stark beanspruchter Stahlbauteile. Bild: Fraunhofer ILT
Anzeige

Industrieanzeiger

Newsletter

Unsere Dosis Wissensvorsprung für Sie. Jetzt kostenlos abonnieren!

Top-Thema Schläuche

Auf unserer Themenseite finden Sie alle Informationen über Schläuche.

Tipps der Redaktion

Unsere Technik-Empfehlungen für Sie!

Webinare & Webcasts

Technisches Wissen aus erster Hand

Whitepaper

Aktuelle Whitepaper aus der Industrie


Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de