Teil 3 – Strukturwandel: Wettlauf der Regionen um Investitionen

Volle Fördertöpfe locken Renommier-Unternehmen an

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In Ostdeutschland haben alte Branchen ihre Bedeutung verloren. Der Strukturwandel kommt langsam voran: Die Regionen werben mit gut ausgebildeten Fachkräften, Infrastruktur und Fördergeldern um Industrie-Ansiedlungen.

Stefan Schroeter ist Journalist in Leipzig

Die Prozessorhersteller Advanced Micro Devices (AMD) und Intel liefern sich derzeit ein prestigeträchtiges Rennen um immer schnellere Rechnerchips. Die Schallmauer von einer Milliarde Operationen pro Sekunde durchbrach zuerst AMD, Branchenführer Intel zog etwas später nach. Doch der Herausforderer hat noch ein AS im Ärmel: Bisher lässt AMD seine Chips im texanischen Austin mit der Aluminium-Technologie fertigen. Im sächsischen Dresden dagegen sollen die Prozessoren künftig mit der schnelleren Kupfertechnologie hergestellt werden, von der sich AMD-Chef W. J. Sanders einen Leistungsschub verspricht.
Gut ausgebildete Fachkräfte und eine großzügige Förderung durch den Freistaat hatten den US-Konzern in die Landeshauptstadt gelockt. Schon zu DDR-Zeiten wurden im Zentrum für Mikroelektronik Dresden Computer-Bauteile entwickelt; das Know-how der Mitarbeiter und der Kontakt mit der Technischen Universität Dresden sprachen für die High-Tech-Ansiedlungen.
Von diesen Argumenten hatte sich auch der Siemens-Konzern anlocken lassen, der in Dresden ein Werk für Speicher-Bausteine errichtete. Es gehört jetzt zur Halbleitertochter Infineon AG. Beide Konzerne haben am Standort in den letzten Jahren fast 6 Mrd. DM investiert und beschäftigen 4000 Mitarbeiter.
Die Strategie der Regierung, Konzerne mit einem Fördermittel-Regen ins Land zu holen, scheint aufgegangen zu sein: Mittlerweile haben sich um die Werke von AMD und Infineon Dienstleister, Zuliefer-Firmen und Weiterverarbeiter angesiedelt, so dass die Branche derzeit 18 000 Menschen in der Region beschäftigt. Inzwischen hofft Dresden auf eine weitere Infineon-Chipfabrik mit einem Investitionsvolumen von 2 Mrd. DM und 1000 neuen Arbeitsplätzen. Schienen die Weichen dafür noch zu Jahresanfang klar gestellt, ist in den letzten Wochen wieder Unsicherheit eingezogen: Infineon hat offenbar attraktive Angebote von Standorten in Asien erhalten.
Während sich Dresden dank der Fördermilliarden als High-Tech-Standort profiliert, setzte die alte Handelsstadt Leipzig auf eine Zukunft als Dienstleistungsstandort. Zunächst schien diese Strategie durchaus aufzugehen: Im verkehrsgünstig gelegenen Leipzig eröffneten mehr als 100 Banken ihre regionalen Zentren. Die effektiv organisierte Verwaltung erteilte schnell Baugenehmigungen und löste einen Boom – vor allem in der Innenstadt – aus. Mit einer Milliarden-Investition in ein neues Ausstellungsgelände wollten Freistaat und Stadtverwaltung auch der traditionsreichen Leipziger Messe einen neuen Schub geben. Die Prognosen erwiesen sich allerdings als zu optimistisch. Angesichts des harten Wettbewerbs mit den etablierten Messeplätzen lässt die Auslastung des hochmodernen Geländes bisher zu wünschen übrig. Viele Hoffnungen richten sich jetzt auf den neuen Messechef Matthias Dornscheid, der im vergangenen Herbst von der Düsseldorfer Messe nach Leipzig wechselte.
Nachdem der Bauboom abgeebbt ist und viele Banken ihr Engagement in der sächsischen Metropole reduziert haben, macht sich der Niedergang der Leipziger Industrie immer deutlicher bemerkbar. Spektakuläre Neuansiedlungen hat es in den vergangenen Jahren in der Region nicht gegeben. So liegt auch die Arbeitslosigkeit mit mittlerweile 20 % um 3 % über dem Wert in der Dresdner Region.
Umso glücklicher war Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, als sich der Sportwagen-Produzent Porsche entschloss, das Montagewerk für den neuen Gelände-Sportwagen in Leipzig zu bauen. „Ich könnte die ganze Welt umarmen“, rief er beim ersten Spatenstich im Februar und herzte symbolisch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Bis Ende 2001 wird der Sportwagenhersteller im Güterverkehrszentrum für 100 Mio. DM ein Montagewerk, ein Kundenzentrum sowie eine Einfahr- und Prüfstrecke errichten. In dem neuen Werk will Porsche mit 260 Mitarbeitern jährlich 20 000 Mehrzweck-Fahrzeuge produzieren. Anders als AMD und Siemens verzichtet das Renommier-Unternehmen dabei demonstrativ auf öffent-liche Subventionen. „Um wirtschaftlichen Erfolg zu haben, muss man vor allem hart arbeiten“, erklärt Wiedeking den ungewöhnlichen Schritt.
Viel wichtiger war für Porsche die gut ausgebaute Infrastruktur im Leipziger Norden: Das Güterverkehrszentrum liegt in unmittelbarer Nähe des Schkeuditzer Kreuzes, wo sich die Autobahnen A 9 und A 14 treffen, und verfügt über eine Eisenbahn-Anbindung. Der Flughafen mit seiner neuen Start- und Landebahn ist in Sichtweite. Wiedeking kündigte deshalb bereits weitere Investitionen an dem Standort an: „Leipzig wird die Zukunft des Unternehmens. Hier können wir wachsen.“ Im Gegensatz zum beengten Stamm-Werk in Stuttgart verfüge man hier über genügend Erweiterungsflächen. „Das Werk wird zu einem Magneten für die Zulieferindustrie werden“, hofft Tiefensee. Während sich der Automobilbau in Sachsen bisher auf die Region Chemnitz/Zwickau konzentrierte, wo heute zwei VW-Werke in Betrieb sind, kommen nun die anderen sächsischen Ballungszentren Leipzig und Dresden mit der Gläsernen Manufaktur ins Spiel.
Eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Landes spielen die vier sächsischen Universitäten und fünf Fachhochschulen. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle bescheinigte Sachsen unlängst, dass es unter den Ost-Ländern am besten mit Humankapital ausgestattet ist. Und Wirtschaftsminister Kajo Schommer verweist gern darauf, dass rund 40 % aller ostdeutschen Beschäftigten in F&E ihren Arbeitsplatz in Sachsen haben. Andererseits gibt es im Land auch abgelegene Regionen wie Görlitz, Hoyerswerda und Riesa-Großenhain. Dorthin will Schommer künftig die Fördergelder lenken. Was die Branchen betrifft, soll künftig der Biotechnologie mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.
Thüringen ist auf diesem Gebiet schon weiter. Im vorigen Herbst sorgte die Jenaer Cybio AG mit einem erfolgreichen Börsengang für Aufsehen – eine Tochter des Technologiekonzerns Jenoptik AG. Sie versorgt die Biotechnologie-Branche und etablierte Pharma-Hersteller weltweit mit automatisierten Analysegeräten. Mit vielen weiteren aufstrebenden Biotechnologie-Firmen ist Jena auf dem besten Weg, zu einem Zentrum dieser Zukunftsbranche aufzusteigen. Das Institut für Mikrobiologie bietet die wissenschaftliche Basis dafür.
Jena ist auch der Sitz der Software-Firma Intershop, die Programme für den Handel im Internet entwickelt. Das Unternehmen, das vor drei Jahren mit drei Gründern startete, beschäftigt inzwischen 600 Menschen. Auf die Frage nach der am schnellsten wachsenden Branche nennt das Wirtschaftsministerium die Computer-Fertigung, die von 1989 bis heute um 840 % gewachsen ist. Dafür steht vor allem das Werk von Fujitsu Siemens Computers in Sömmerda, wo Notebooks und PC hergestellt werden. Zu DDR-Zeiten war Sömmerda als Produzent von Schreibmaschinen ein Begriff.
Auch in Thüringen gelang es, den Automobilstandort Eisenach zu erhalten. Wo früher der jahrzehntelang nahezu unveränderte Wartburg vom Band lief, werden heute moderne Opel-Modelle gefertigt. Auch Thüringen hat aber Regionen, wo die frühere Monostruktur nicht aufgefangen werden konnte. In den stillgelegten Kali-Bergbaugebieten Nord- und Südthüringens sowie in den früheren Textil-Hochburgen Apolda, Worbis und Greiz ist die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch.
Wie Sachsen verweist auch Thüringen auf eine leistungsfähige technologische Infrastruktur. Sie ist laut Wirtschaftsministerium auf die Bedürfnisse kleiner und mittlerer Unternehmen zugeschnitten. Inzwischen beobachtet das Ministerium wieder einen Trend zu größeren Wirtschaftsstrukturen, gleichzeitig misst man dem Wachstum durch Innovationen einen höheren Stellenwert bei. Dem soll sich nun auch zunehmend das Forschungs- und Entwicklungspotential anpassen. Den relativen Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik können die Thüringer unter anderem an den letzten statistischen Vergleichen messen: 1999 verbuchten Thüringen unter den ostdeutschen Ländern mit 1,7 % das größte Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt. Damit platzierte es sich vor Sachsen, das um 1,3 % zulegt.
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