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Wenn Design dem Menschen dient, hat auch der Unternehmer Erfolg

Heutige Schweißgeräte unterscheiden sich kaum
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Die Industrie entdeckt neue Reserven im Design ihrer Produkte. Industriedesigner wissen, worauf es ankommt. Als kreative Dienstleister für die mittelständische Industrie entwerfen sie nicht nur anmutige Hüllen und visualisieren den Wertgehalt. Mit ihren Entwürfen sorgen sie auch für einfachere und sichere Bedienmöglichkeiten.

Von unserem Redaktionsmitglied Dietmar Kieser dietmar.kieser@konradin.d

Mit technisch ausgereiften Produkten schnell zu wachsen, ist kein einfaches Geschäft. Der Uhinger Schweißgerätehersteller Rehm hat dieses Kunststück fertig gebracht. Vor sechs Jahren verpassten die Schwaben ihren fahrbaren Geräten einen tragbaren Zuschnitt. Ergebnis: Dank der leichten Mobilgeräte schnellte der Absatz empor. Um weiter zulegen zu können, zündete der 100-Mitarbeiter-Betrieb mit pfiffiger Produktgestaltung kürzlich die nächste Stufe seiner Wachstumsstrategie: „Wer aufgrund seiner Größe nicht als Weltmarktführer auftreten kann, muss Produkte bieten, die ein echter Hingucker sind“, weiß Volker Schiek. Heute besticht das Tiger 170 genannte Gerät „durch schnittiges Design, das zugleich die Basis für einfachste Bedienung geschaffen hat“, lobt der technische Leiter das Styling-Konzept.
Im Buhlen um die Gunst der Käufer setzen immer mehr Investitionsgüterhersteller auf unkonventionelles Design ihrer Produkte. Welchen Wert sie dem beimessen, zeigt sich auch beim Einstieg in ein neues, aber besetztes Marktsegment. Ein solches hat sich der Bearbeitungszentren-Hersteller Hüller Hille mit den Standard-Horizontalzentren ausgesucht. Im Markt der Lohnfertiger und Zulieferer „sind die technischen Parameter vergleichbar, Preis und Verfügbarkeit stellen die entscheidenden Kenngrößen dar“, weiß Holger Tumat um die Schwierigkeiten, dort Fuß zu fassen. Der Leiter des Zentralen Marketing von Thyssen Krupp Metal Cutting, der auch für die Tochter Hüller Hille GmbH in Ludwigsburg zuständig ist, hält deshalb das Design für entscheidend. Die Qualität, für die Hüller Hille steht, müsse sich auch in den preiswerteren Standardmaschinen widerspiegeln. Das Licht der Öffentlichkeit sollen zwei Maschinen dieser neuen Baureihe auf der Metav München Ende April erblicken.
Gemäß dem Motto „innovativer Aufbau und neue Formensprache“ als Alleinstellungskriterium haben die Index-Werke vor zehn Jahren ein Werkzeugmaschinenkonzept erdacht, mit welchem dem Esslinger Hersteller ein echter Innovationssprung gelang. Ohne Rückgriff auf bestehende Lösungen entwickelte er zusammen mit dem Forschungs- und Lehrgebiet Technisches Design der Universität Stuttgart einen Baukasten von Komponenten, aus dem sich CNC-Dreh-Fräszentren ganz nach Fertigungsaufgaben zusammenstellen lassen. Durch konsequente Umstellung auf das Baukastensystem, verbunden mit einem völlig neuen Design, avancierte die Ratioline genannte Linie für die Esslinger bald zum Renner.
Drei Unternehmen, drei Erfolgsgeschichten. Gewiss keine Einzelfälle. Immer mehr mittelständische Firmenchefs verankern das Thema Design in den Zielvereinbarungen ihrer Produktentwickler. Seit zwei Jahren beobachte er diesen Trend, weiß Jürgen R. Schmid um den Bewusstseinswandel in der Industrie. Die Befindlichkeiten der Entscheider kennt der diplomierte Designer, der seit 20 Jahren selbstständig ist, genau. Unter den 2425 Designbüros, die das Statistische Bundesamt aktuell ausweist, zählt Schmid mit seiner achtköpfigen Crew zu den größten im Land. Der Inhaber der Designfirma Design Tech im schwäbischen Ammerbuch betreut jährlich rund 30 mittelständische Industriekunden. Rehm und Hüller Hille, deren jüngsten Produkte er geformt hat, zählen dazu, aber auch Liebherr, Metabo, Homag oder Donau. Deren Erfolge sind kein kreatives Zufallsprodukt. Während viele Firmen eine Maschine mit der Maßgabe entwickeln, sie möglichst oft verkaufen zu können, geht Schmid umgekehrt vor: „Wir gestalten ein Produkt so, dass es die Wünsche der Menschen erfüllt, dann hat der Unternehmer automatisch Erfolg.“ Abgeleitet hat er seine Maxime von Anton Stankowski. Wie der Altmeister des Grafikdesigns lässt er sich von den Gestaltungsprinzipien „Versachlichen, Vereinfachen,Vermenschlichen“ leiten.
Über das Interface-Design finden die Produktgestalter zu besseren Lösungen, die Bedienaufgaben erleichtern sollen. An der Universität Stuttgart beispielsweise arbeiten Ingenieurwissenschaftler des Forschungs- und Lehrgebietes Technisches Design daran, die Bedienabfolgen zu optimieren, etwa beim Einrichten einer Werkzeugmaschine. „Mit grafischer Darstellung am Bildschirm sind derartige Probleme aber nicht vollständig zu erfassen“, weiß Prof. Dr.-Ing. Thomas Maier. Deshalb geht der Leiter des Forschungs- und Lehrgebiets mit seinem Team das Interface-Design unter dem Gesichtspunkt Mensch-Maschine-Kommunikation an. Zum Zuge kommt ein neuartiger Bewertungsansatz, der später durch Virtual-Reality-Simulation ergänzt werden soll.
Die Umsetzung in die Praxis sei anspruchsvoll, weil mit Informationsaustausch- und -verarbeitung gekoppelt, räumt der Lehrstuhlinhaber ein. Mit Feuereifer arbeiten die Ingenieur-Designer an der Umsetzung der Idee, „dem Werker an der Maschine neue effiziente und bedeutungskompatible Interface-Konzepte zur Verfügung zu stellen“ – weiter will sich der Professor nicht in die Karten schauen lassen.
Interface-Design trimmt aber auch eher klassische Benutzeroberflächen wie das elektronische Handrad einer Werkzeugmaschine mit Blick auf die so wichtige Sinnfälligkeit. Weil die Stellrichtung mit der Richtung der bewirkten Bewegung nicht übereinstimmt, sind diese widersprüchlichen Bewegungen für den Anwender problematisch. Die Folge: Die Sicherheit leidet, der Trainingsaufwand steigt. Mit Ergonomie- und Funktionsmodellen haben die Stuttgarter der Boehringer-Drehmaschine VDF DUS 560 ein Steuerpult maßgeschneidert. Jetzt bilden zwei zueinander senkrecht angeordneten Stellräder ein sinnfälliges Zuordnungsprinzip.
Wird Design-Know-how besonders eng mit Ingenieursleistung verwoben, sind die Stuttgarter ein gefragter Partner. Vor allem, wenn es um das Gestalten ganzer Produktprogramme und -systeme geht: So wurde die Modularisierung bei Index am Lehrstuhl von Maier-Vorgänger Prof. Hartmut Seeger in die Wege geleitet. Deshalb wollen sie auch weniger über die ästhetische Schönheit ihrer Produkte überzeugen als durch methodischen, ingenieurgeprägten Designansatz. Als Kür empfindet es Prof. Maier, wenn sich Forschungsergebnisse wie bei Boehringer in die Praxis umsetzen lassen.
Bei alledem gehe es darum, „den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und den Kundennutzen zu steigern“, betont Maier, der nicht nur erfolgreich forscht und Maschinenbauingenieure mit fundierten Designkenntnissen ausbildet. Wenn sie die Industrie unterstützen, kommt ihnen zugute, dass sie „organisiert sind wie ein Designbüro“, hebt Prof. Maier den Vorteil seiner Beratungssparte hervor. Neben den Werkzeugmaschinenherstellern Index und Boehringer stehen beispielsweise Traub, TBT Tiefbohrtechnik, Trumpf Grüsch, Robert Bosch und Mafi auf der Referenzliste. Sie belegt, dass das 1966 gegründete und im Jahr 1980 dem Institut für Maschinenkonstruktionen und Getriebebau der Universität zugeordnete Forschungs- und Lehrgebiet Technisches Design ein erfolgreiches Standbein in der Industrieberatung hat.
Um Kosten und Zeit beim Produktdesign im Zaum zu halten, drängen die Designer darauf, sehr früh in das Geschehen einbezogen zu werden. „Spätestens in der Konzeptphase sind wir dabei“, sagt Prof. Maier. Jürgen Schmid nennt seine auf Zielorientierung und Kostenreduktion getrimmte Methode „Design to success“. Die Grundlage bildet ein aus 120 Fragen bestehender Katalog. Leicht könne ein Kunde die Checkliste in zwei Stunden durcharbeiten, rechnet er hoch. Vorteil für den Designer: Bereits in der Startphase hat er alle Informationen, um ein erfolgsbezogenes Design zu realisieren. Allein die Antwort auf die Frage, wer über das Design im Unternehmen entscheide, könne die Dauer des Gestaltprozesses mitunter halbieren, weiß Schmid. Seiner Meinung nach lässt sich die Zeit verkürzen, wenn Entscheidungen schnell getroffen würden. Allerdings ist dieses zielorientierte Gestalten aufwendiger. Restriktionen wie die Vorgabe von Preis, Material oder Größe schränken den Designer ein. Doch dann geht es Schlag auf Schlag. „Weil alle präsentierten Entwürfe in das Anforderungsraster des Kunden passen, kann er Fehlentscheidung ausschließen“, weiß Jürgen Schmid.
Produktstylisten ficht es an, wenn der Kunde die Designfläche nochmals verändert. „Ein Entwurf ist nichts wert, wenn das Produkt diesem nicht entspricht“, kritisiert der Design-Tech-Chef, „denn entscheidend ist letztendlich das Produkt selbst.“ Um solchen Eingriffen einen Riegel vorzuschieben, hat er kürzlich das Projekt Umsetzungsgarantie gestartet. Ein Baustein ist das 3D-System Catia V5 zur computerunterstützten Konstruktion. Jürgen Schmid sieht sich bundesweit als erster Designdienstleister, der mit Catia räumliche Designdaten für Volumen- und Flächenmodelle erstellt.
Das Styling des Bohr- und Fräszentrums Danusys 2910S des Ulmer Herstellers Donau ist noch ohne Umsetzungsgarantie entstanden. Der erste Entwurf und das Endprodukt sind nahezu identisch. Aus drei Vorschlägen begeisterte sich Firmenchef Helmut K. Mayer für den aufwendigsten. „Dieser transportierte exakt das, was ich wollte“, begründet Mayer die Wahl. Das Beispiel zeigt, was entstehen kann, wenn Design zur Chefsache erklärt wird. Die Fachwelt hat die mutige Entscheidung honoriert und dem Entwurf im Vorjahr den Designpreis iF design award zugesprochen.
Interface-Design trimmt klassische Bedienflächen auf Sinnfälligkeit
Bereits in der Startphase alle Informationen für erfolgsbezogenes Design
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