Betriebliche Altersversorgung: Unternehmer haben mehrere Möglichkeiten, das Problem zu lösen Wer jetzt nicht handelt, muss das tun, was Riester sagt

Betriebliche Altersversorgung: Unternehmer haben mehrere Möglichkeiten, das Problem zu lösen

Wer jetzt nicht handelt, muss das tun, was Riester sagt

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Seit Beginn dieses Jahres darf jeder sozialversicherungs-pflichtige Mitarbeiter von seinem Chef verlangen, einen bestimmten Teil seines Lohns oder Gehalts für die Alterssicherung einzuzahlen. Doch viele Unternehmer, so vermuten Experten, haben nur eine vage Ahnung davon, was jetzt genau auf sie zukommt. Es gilt, Informationslücken zu schließen, sich auf die neuen Rahmenbedingungen einzu-stellen und nichts dem Zufall zu überlassen.

Von unserem Redaktionsmitglied Jens-Peter Knauer – jens-peter.knauer@konradin.de

Nichts dem Zufall überlassen hat die Geschäftsleitung der Friedrich Zufall GmbH & Co. KG aus Friedland: Als eine der ersten ihrer Branche hat die internationale Spedition ein betriebliches Altersversorgungswerk in Form einer Pensionskasse eingerichtet.
Finanziert wird diese zum einen durch Einlagen der Unternehmensgruppe aus dem Gewinn und zum anderen durch Entgeltumwandlung der Arbeitnehmer. Im Rahmen des Gesamtkonzepts können die mehr als 1100 Mitarbeiter ihre Beiträge in Direktversicherungen oder die sogenannte Riester-Rente einbringen.
„Um künftige Versorgungslücken zu kompensieren, entstand schon vor zwei Jahren in der Zufall-Geschäftsleitung die Überlegung, ein Altersvorsorgekonzept für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorzubereiten“, begründet Geschäftsführer Kurt-Dieter Schröder die Unternehmensinitiative. Nach intensiver Prüfung verschiedener Anbieter und Anlageformen hat sich das Unternehmen entschieden, dem Versorgungswerk Transport, Spedi-tion & Logistik (TSL) Deutschland e. V. beizutreten.
Seit 1. Juli fließt der Zufall-Anteil direkt in die Vorsorgekassen ein. Um die Mitarbeiter ausführlich zu informieren, bietet die Lohnbuchhaltung gesonderte Sprechstunden an, und die Geschäftsführung hat eine ausführliche Broschüre mit den wichtigsten Regelungen herausgegeben.
Die Spedition Zufall hat ihre Hausaufgaben gemacht, einem Großteil der Klein- und Mittelbetriebe steht das noch bevor. Eine aktuelle Studie der Mercer Management Consulting GmbH, München, und der Universität Leipzig hat ergeben, dass 38 % der deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern noch keine betriebliche Altersversorgung (BAV) ermöglichen. Insgesamt sehen 60 % für die Zukunft keine Veränderungen vor. Bei einem Drittel der befragten Unternehmen ist die Entscheidungsphase, in welcher Form die betriebliche Altersversorgung künftig gestaltet werden soll, noch nicht abgeschlossen.
Wie Mercer betont, zeige sich insbesondere bei mittleren und kleinen Unternehmen ein Informationsdefizit. In diesen Gruppen gab jeweils etwa die Hälfte der Befragten an, wenig oder noch nicht über die neuen Regelungen informiert zu sein.
Dafür wird es jetzt höchste Zeit. Denn der Gesetzgeber hat vorgeschrieben, dass Unternehmer ihren Mitarbeitern innerhalb dieses Jahres Riester-konforme Durchführungswege der betrieblichen Altersversorgung ermöglichen müssen.
Unternehmern bleiben nur noch fünf Monate
Mit der im Mai vergangenen Jahres verabschiedeten Rentenreform und Walter Riesters Plan für die private Altersvorsorge hat erstmals eine deutsche Bundesregierung eingestanden, dass die gesetzliche Rente in Zukunft den Lebensstandard nicht mehr sichern kann. Die betriebliche Altersversorgung – die übrigens bereits seit dem 19. Jahrhundert als freiwillige Leistung der Arbeitgeber in Deutschland existiert – ist neben der staatlichen und der privaten Vorsorge als eine der drei maßgeblichen Säulen der Alterssicherung verankert worden.
Das sind die wichtigsten Neuerungen, die zu Jahresbeginn in Kraft getreten sind:
– Anspruch auf Entgeltumwandlung: Jeder sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer kann von seinem Chef verlangen, bis zu 4 % seines Gehalts im Zuge der Entgeltumwandlung für die Alterssicherung einzuzahlen. Der Arbeitgeber muss entsprechende Konzepte anbieten.
– Neue Fristen: Die Unverfallbarkeitsfrist, das heißt die Frist, innerhalb derer ein Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf Leistungen aus der BAV erwirbt, wurde von 10 auf 5 Jahre verkürzt. Die Altersgrenze wurde von 35 auf 30 Jahre herabgesetzt.
– Wegfall der Sozialversicherungsbeitragsfreiheit: Ab 2009 ist die BAV im Rahmen der Entgeltumwandlung bis zur Beitragsbemessungsgrenze in allen Durchführungswegen sozialversicherungspflichtig.
– Einführung von Beitragszusagen mit Mindestleistung: Der Arbeitgeber kann sich zur Zahlung eines bestimmten Beitrags an einen Versorgungsträger verpflichten. Der Arbeitnehmer erhält sämtliche Leistungen, die der Versorgungsträger mit diesen Leistungen erwirtschaftet. Das Risiko trägt der Arbeitnehmer. Für den Fall, dass weniger erwirtschaftet als eingezahlt wird, haftet der Arbeitgeber nicht.
– Einführung eines Pensionsfonds: Als fünfter Durchführungsweg wurde der international bereits etablierte Pensionsfonds zugelassen.
Um sich den neuen gesetzlichen Anforderungen anzupassen, müssen Arbeitgeber, die sich noch nicht oder nur unzureichend mit der Materie beschäftigt haben, ihre Informationslücken schließen. Ein alteingesessener Ansprechpartner in diesen Fragen ist der Industrie-Pensions-Verein e. V. (IPV), Varel, der 1925 von den Vorgängerverbänden des BDI und der BDA gegründet wurde. Im vergangenen Jahr hat der IPV seinen Verbands- und Unternehmens-Service weiter ausgebaut. „2001 stand ganz im Zeichen des Altersvermögensgesetzes“, weiß Vorstandsmitglied Dieter Joeres zu berichten. Der VUS betreut vor allem Verbände und Unternehmen in Fragen ihrer Versorgung, insbesondere der BAV, und arbeitet mit ihnen gemeinsam Konzepte aus. Weitere Schwerpunkte bilden Seminare und Informationsveranstaltungen, um die Unternehmen für Fragen der BAV zu sensibilisieren.
Fünf Wege stehen dem Unternehmer offen, um die betriebliche Altersversorgung in seiner Firma durchzuführen:
1. Die Direktzusage
Bei der Direkt- oder Pensionszusage sichert der Arbeitgeber dem Beschäftigten Versorgungsleistungen zu. In der derzeit verbreitetsten Form der Durchführung der BAV bilden Unternehmen für künftig zu erbringende Betriebsrenten Pensionsrückstellungen. Diese mindern den zu versteuernden Gewinn, ohne die Liquidität zu beeinträchtigen. Im Gegensatz zu Fonds-Systemen wird das Kapital nicht extern angespart, sondern es verbleibt im Unternehmen, das im Eintrittsfall die Leistungen aus dem Betriebsvermögen erbringt.
2. Die Unterstützungskasse
Unterstützungskassen sind rechtlich selbstständige Versorgungseinrichtungen, die von einem oder mehreren Unternehmen getragen werden und die Rücklagen für spätere Rentenzahlung verwalten. Der Arbeitgeber sagt den Beschäftigten zu, nach Eintritt des Versorgungsfalles eine Rente zu zahlen. Da die Unterstützungskasse nicht der Versicherungsaufsicht unterliegt, entfällt der Rechtsanspruch auf ihre Leistungen. Zuwendungen des Arbeitgebers an rückgedeckte Unterstützungskassen während der Ansparphase können als Betriebsausgaben steuerlich geltend gemacht werden, bei normalen Unterstützungskassen nur bedingt.
3. Die Direktversicherung
Bei der Direktversicherung schließt der Unternehmer eine Lebens- oder Rentenversicherung zugunsten seiner Beschäftigten ab und zahlt auch die Beiträge. Die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, sich durch Entgeltumwandlung an der Finanzierung bis zu 100 % zu beteiligen. Bis zu einer Höchstgrenze von derzeit 1752 Euro unterliegen die Beiträge nur einem Pauschalsteuersatz von 20 %, zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer (gilt noch bis Ende 2008). Bei einem Arbeitgeberwechsel können Mitarbeiter die Direktversicherung privat fortführen oder auf den neuen Brötchengeber übertragen.
4. Die Pensionskasse
Ähnlich wie die Unterstützungskassen sind auch Pensionskassen rechtlich selbstständige Versorgungseinrichtungen, die von einem oder mehreren Unternehmen getragen werden. Im Wesentlichen sind sie nichts anderes als Lebensversicherungsunternehmen und unterliegen deren Richtlinien. Die Einzahlungen darf die Pensionskasse nur bis zu 35 % des Buchwertes in Aktien investieren. Arbeitnehmer haben einen Rechtsanspruch auf Leistungen, deren Höhe zum Zeitpunkt der Beitragszahlung allerdings noch nicht bestimmt ist. Die Beiträge zur Lebensversicherung sind steuerlich voll abzugsfähige Betriebsausgaben.
5. Der Pensionsfonds
Mit dem Altersvermögensgesetz hat die Bundesregierung den international bereits etablierten Pensionsfonds als fünften Durchführungsweg der BAV zugelassen. Bei der Kapitalanlage dürfen Aktien stärker berücksichtigt werden, als dies Unterstützungs- oder Pensionskassen erlaubt ist. Dadurch besteht die Chance, höhere Erträge zu erzielen, aber auch das börsenübliche Risiko. Dieses trägt je nach Zusageart der Arbeitgeber oder der Arbeitnehmer. Der Arbeitgeber muss Beiträge zur gesetzlichen Insolvenzsicherung entrichten.
Für welchen dieser fünf Durchführungswege sich ein Unternehmer entscheidet, bleibt ihm selbst überlassen. Auch Kombinationen sind möglich. Wer von sich aus nicht aktiv wird, dem gibt der Gesetzgeber den Weg der Direktversicherung zwingend vor. Diesem Automatismus sollte sich jedoch kein Unternehmer ohne Not unterwerfen.
„Arbeitgeber müssen sich jetzt der Frage stellen, was sie tun wollen, wenn Mitarbeiter auf ihr Recht der Entgeltumwandlung pochen“, meint auch Wolfgang Peters, Leiter Vertriebsmarketing beim IPV. Der Experte weiß aus der Erfahrung vieler Beratungsgespräche bei kleinen und mittleren Betrieben, dass die Nachfrage der Beschäftigten im Moment noch eher gering ist. Dennoch komme es darauf an, eine Strategie zu entwickeln, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.
„Bei der Durchführung der betrieblichen Altersversorgung gibt es keinen Königsweg“, führt Peters weiter aus. „Entscheidend sind die Größe des Unternehmens, seine finanziellen Möglichkeiten oder auch, ob es an Tarifverträge gebunden ist.“ Und was rät der Experte? „Das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen!“
Vogel-Strauß-Taktik hilft nicht weiter
Die Zahlen sind alarmierend: Knapp 40 % der deutschen Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern noch keine Konzepte zur betrieblichen Altersversorgung an. Dabei schreibt der Gesetzgeber vor, genau dies zu tun, und zwar innerhalb dieses Jahres.
Augenfällig ist, dass insbesondere kleine und mittlere Betriebe unzureichend informiert sind. Zu unübersichtlich erscheint die Flut an Gesetzen, Verordnungen, Durchführungswegen und Sonderregelungen, die aus dem Hause Riester über das Land hereingebrochen ist. Begriffe wie Unverfallbarkeitsfrist, Anwartschaftsphase oder Sozialversicherungsbeitragsfreiheit leisten der Verwirrung weiteren Vorschub.
Aber die Vogel-Strauß-Taktik hat noch keinem weitergeholfen, und sie wird es auch in diesem Fall nicht tun. Zugegeben, die Rentenreform ist eine schwierige Materie, doch Unternehmer sollten auch die eigenen Vorteile sehen, die das neue Regelwerk mit sich bringt: Eine attraktive betriebliche Altersversorgung motiviert die Mitarbeiter, bindet die Fachkräfte an das Unternehmen und sorgt für steuerliche Entlastung.
Darauf sollte wirklich niemand ernsthaft verzichten wollen.
Jens-Peter Knauer
Betriebliche Altersversorgung im Netz: Hier naht Hilfe
Der Industrieanzeiger hat im World Wide Web recherchiert und nützliche Internet-Adressen herausgefiltert.
– Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung e. V., Heidelberg
Neutraler Verband, der auf seiner Homepage über Grundlagen der BAV informiert; sehr nützliches Glossar
– Wissenschaftliches Institut für Marktentwicklung und Management in der betrieblichen Altersversorgung GmbH (Wimmbav), Hamburg
Beratung von Unternehmen, die ein betriebliches Versorgungswerk einrichten oder neu ordnen wollen; aktuelle Gesetzestexte; umfangreiches Download-Angebot inklusive Checklisten
– Industrie-Pensions-Verein e. V. (IPV), Varel
Ratgeber für über 325 000 Unternehmen und Führungskräfte in Sachen privater und betrieblicher Altersversorgung; übersichtliches Informationsangebot; Lexikon mit auch für Laien verständlichen Erläuterungen
– Höfer Vorsorge-Management GmbH & Co. KG, Mülheim an der Ruhr
Gutachter für betriebliche Altersversorgung; bietet unter anderem laufende Betreuung von Versorgungswerken, Renten- und Finanzierungsservice sowie Unternehmerversorgung
– Pensions-Sicherungs-Verein VVag, Köln
gesetzlich bestimmter Träger der Insolvenzsicherung der betrieblichen Altersversorgung in Deutschland; mit Merkblättern zum Downloaden und interessanten Beiträgen aus der Geschichte des Vereins
– Forum Betriebliche Altersversorgung in Europa e. V., München
Wegen Vereinsauflösung bietet die Site leider nur noch bis Ende 2002 vielfältige Informationen für ganz Europa
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