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„Wir werden nicht nur besser, sondern auch kostengünstiger sein”

Bitkom-Präsident Dr. Volker Jung zu den Zielen des neuen Branchenverbandes
„Wir werden nicht nur besser, sondern auch kostengünstiger sein”

Dr. Volker Jung, Präsident des Bitkom – Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V, Frankfurt/M. und Berlin, sagt, wo er die Aufgaben der neuen Interessenvertretung für die Informations- und Telekommunikationsbranche sieht.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Iris Frick

?Herr Dr. Jung, war die Gründung noch eines Verbandes wirklich nötig?
!Wäre sie es nicht, hätten wir uns die Mühe gespart. Wir haben den Bitkom nicht gegründet, um der zersplitterten Verbandslandschaft eine weitere Organisation hinzuzufügen, sondern um sie zu konsolidieren. ITK-Verbände gibt es in Deutschland wahrlich genug. Der Bitkom stellt eine Plattform für die Branche insgesamt, und Sie können davon ausgehen, dass sich nach Ende einer zwölfmonatigen Übergangsphase eine ganze Reihe von Verbänden mit dem Bitcom verschmelzen. Der Bitkom wird eine Sogwirkung ohnegleichen auslösen. Schon heute sprechen wir für mehr als 90 Prozent der ITK-Wirtschaft. In Kürze haben wir dann nicht einen Verband mehr, sondern eine ganze Reihe Verbände weniger.
?Hätte es nicht auch ein neuer Fachverband im VDMA oder ZVEI getan?
!Die Branche hat inzwischen eine Größe und ein Selbstbewusstsein erreicht, die sich über einen Fachverband nicht mehr abbilden lassen. Die ITK-Branche erzielte im vergangenen Jahr allein in Deutschland Umsätze von 205 Milliarden Mark. Bereits in wenigen Jahren werden 300 Milliarden Mark umgesetzt. Hiermit ist die ITK-Industrie der bei weitem größte Wirtschaftssektor, größer als die Elektroindustrie oder der Maschinenbau. Die Deutsche Messe AG hat diese Entwicklung bereits vor vierzehn Jahren umgesetzt und die Cebit aus der Industriemesse ausgegliedert. Heute ist die Cebit die weltweit größte Messe überhaupt. Jetzt sind die Verbände dran. Die ITK-Branche braucht einen eigenständigen, starken Verband, der ihre Interessen fokussiert und mit Nachdruck vertritt. Das ist nur in einer Struktur möglich, wie sie der Bitkom bietet.
?Die Gründungsverbände sind der BVB, BVIT, VDMA und ZVEI. Wo bleiben die Unternehmen?
!Der Bitkom ist zur Zeit ein reiner Verbändeverband, das ist richtig. Doch hierbei handelt es sich lediglich um einen notwendigen Zwischenschritt. So gibt es in VDMA und ZVEI zum Beispiel Kündigungsfristen, die die Firmen bis Ende 2000 binden. Mitgliedsfirmen der Gründungsverbände können auch aus diesem Grund erst ab 1.1.2001 eine direkte Mitgliedschaft im Bitkom einrichten. Alle anderen Firmen aber können ab sofort als assoziierte Mitglieder beitreten und an allen Aktivitäten teilnehmen. Hierbei sparen sie im Übrigen sogar 50 Prozent der Beiträge. Im Januar 2001 wird der Verband dann eine ganz neue Qualität gewinnen.
Von diesem Zeitpunkt an wird er sich im Wesentlichen auf Mitgliedsunternehmen und weniger auf Mitgliedsverbände stützen. Die Mitgliedsverbände sollten bis dahin mit dem Bitkom verschmolzen werden, so dass sich die Frage ohnehin nicht mehr stellt.
?Sie haben ja nun reichlich Verbandserfahrung insbesondere durch Ihre Zeit als ZVEI-Präsident. Ein neu gegründeter Verband bietet die Gelegenheit, Dinge besser oder zumindest anders zu machen. Welche Punkte fallen Ihnen hierzu spontan ein?
!Wir haben mit dem Bitkom die einmalige Chance, losgelöst von historischem Ballast einen idealtypischen Verband zu entwickeln, der auf die Belange seiner Mitglieder optimal zugeschnitten ist. Wir werden also schneller, flexibler und dienstleistungsorientierter, internationaler und gleichzeitig kostengünstiger sein. Die Aussage, dass nicht die Guten die Schlechten, sondern dass die Schnellen die Langsamen fressen, kommt aus unserer Branche. Und sie gilt für Verbände ebenso wie für Unternehmen. Die Frage, „was habe ich vom Verband außer viel Papier“, wird dem Bitkom nicht gestellt werden. Und schließlich werden wir nicht nur besser sein, wir werden auch kostengünstiger sein. Zur Zeit zahlt die deutsche ITK-Branche etwa 20 Millionen Mark Beiträge an ihre Verbände. Mehr als die Hälfte davon geht an VDMA und ZVEI. Der Bitkom wird mit Beiträgen auskommen, die durchschnittlich unter 50 Prozent der VDMA/ZVEI-Beiträge liegen.
?Welche Unternehmen und Branchen will der neue Verband vertreten?
!Der Bitkom vertritt Unternehmen aus den Bereichen Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, wie der Name schon sagt. Das ist das volle Spektrum der konvergierenden Branchen des Informations-, Kommunikations- und Medienzeitalters. Wir vertreten sowohl Anbieter von Hardware, als auch von Software, Dienstleistungen und Inhalten. Kleine und mittelständische Unternehmen finden bei uns ebenso eine Heimat wie Global Player. Mit einem Wort: Der Vertretungsanspruch des Bitkom ist umfassend. Daran sind keine Abstriche zu machen.
?Wie groß ist das Marktpotential, das hinter den Unternehmen steckt?
!Schon heute repräsentieren die Bitkom-Mitglieder mehr als 90 Prozent des Branchenumsatzes von 205 Milliarden Mark. Die Bitkom-Firmen stellen rund 700 000 Arbeitsplätze, die meisten hiervon für hoch qualifizierte Beschäftigte. Unsere Branche wächst im Durchschnitt etwa viermal schneller als die Wirtschaft insgesamt. Das heißt, wir werden bereits in vierJahren die Umsatzgrenze von 300 Milliarden Mark knacken. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, werden wir im Jahr 2005 ein Beschäftigungsvolumen von über einer Million Arbeitsplätzen erreichen.
?In welche wirtschaftspolitischen Fragen will sich der Bitkom einmischen?
!Die ITK-Branche bietet Querschnittstechnologien an. Entsprechend wird es kaum ein Feld der Wirtschaftspolitik geben, das für den Bitkom nicht relevant ist. In erster Linie geht es darum, in Deutschland optimale Bedingungen für die Entfaltung von Informationswirtschaft und Informationsgesellschaft zu schaffen und zu sichern. Ganz oben auf unserer Agenda stehen die Themen Electronic Business und Electronic Commerce. Hier müssen wir für eine internationale Harmonisierung des Zivil- und Steuerrechts, des Verbraucher- und Datenschutzes und der Wettbewerbsordnungen drängen. Hohe Priorität genießen Bildungspolitik, Schule und Arbeitsmarkt. Der Bitkom hat sich zum Ziel gesetzt, ein echtes Servicecenter für seine Mitglieder zu sein. Wir betreiben also auch Marktforschung, organisieren Gemeinschaftsstände auf Messen, beteiligen uns an Standardisierungsvorhaben und bieten Workshops und Seminare an.
?Wie wollen Sie sich bei den entsprechenden Stellen Gehör verschaffen?
!Glücklicherweise ist es nicht notwendig, dass wir allzu laut auf die Pauke hauen. Bei den meisten Politikern laufen wir offene Türen ein. Denn schließlich haben wir einiges im Gepäck: Unsere Branche lamentiert nicht, und wir wollen keine Subventionen. Stattdessen bringen wir Arbeitsplätze und einen Wachstumsmotor für unsere Wirtschaft. An der einen oder anderen Stelle müssen wir dann mit sanftem Druck etwas nachhelfen, so zuletzt bei der Änderung der deutschen Position zur Electronic Commerce Richtlinie der EU. Einige Beamte hatten sich in einer Ecke verbarrikadiert, aus der sie allein nicht mehr hinausfanden. Mit Hilfe der Presse konnte der Bitkom dann letztlich doch die Einsicht herstellen, dass das deutsche Rabattgesetz aus den 30er Jahren nicht der Maßstab der internationalen Online-Wirtschaft des neuen Jahrtausends sein kann.
?Welche Rolle spielt dabei der neue europäische Verband EICTA?
!Im November 1999 haben wir einen europäischen ITK-Verband gegründet, die European Information and Communications Technology Industry Association EICTA. Damit steht in Brüssel erstmals eine einheitliche Vertretung für die Branchen der Information und der Kommunikation zu Verfügung. Deutschland und Europa befinden sich also auch zeitlich in einem harmonischen Gleichschritt. Der Bitkom wird eine ausgesprochen enge Beziehung zum europäischen Verband unterhalten. Der Generaldirektor von EICTA, Dr. Oliver Blank, kommt von einem der Bitkom-Verbände. Und ich selbst wurde zum Vizepräsidenten gewählt. EICTA wird die Stimme des Bitkom international verstärken.
?Zu guter Letzt ein Blick in die Zukunft: Wie werden sich die Bitcom-Branchen in den nächsten Jahren entwickeln?
!Sie wissen ja, dass unsere Industrie in Hundejahren rechnet. Man kann auch von Web Years sprechen. Unsere Märkte und Technologien entwickeln sich so dynamisch, dass wir für einen Blick ins Jahr 2005 fast schon zur Glaskugel greifen müssen. Als sicher darf aber gelten, dass die ITK-Branche auch zukünftig deutlich stärker wachsen wird, als die Wirtschaft insgesamt. Ob das jetzt ein dauerhaftes Plus von sechs Prozent oder zehn Prozent bedeutet, sei dahingestellt. Noch wichtiger erscheint mir jedoch, dass sich ITK zum integralen Bestandteil praktisch aller anderen Sektoren entwickelt, von der Automobilindustrie über die Medizintechnik bis hin zum Handwerk. Es handelt sich um die Querschnittstechnologie des kommenden Jahrhunderts schlechthin. Als solche verdient sie all unsere Aufmerksamkeit.
Industrieanzeiger
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