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Auf dem Lehrplan: nachhaltiges Handeln

Energiescouts
Ausbildungsprojekt mit Vorbildfunktion

Die Energiescouts sind vor über zehn Jahren bei EBM-Papst in Mulfingen ls Idee gestartet und mittlerweile vielerorts umgesetzt: Über 10.000 Auszubildende in über 2.000 Unternehmen sind zurzeit als Energiescouts im Einsatz. Die DIHK möchte nun weitere 10.000 Auzubildende zu Energiescouts schulen. Auch in anderen europäischen Ländern wird das Projekt unter dem Namen „Young Energy Europe“ mittlerweile adaptiert. Markus Mettler ist der Initiator der Energiescouts und erzählt im Interview von dem Ausbildungsprojekt mit Vorbildfunktion.

» Hagen Wagner, Redaktion Industrieanzeiger

Sie sind der „Erfinder“ des Energiescout-Projekts. Wie kamen Sie auf die Idee beziehungsweise was waren die Beweggründe?

Die Idee ist mir vor über zehn Jahren nach einer Diskussion über Energieeffizienzmaßnahmen im Beirat des Klimaschutzfonds der Initiative „Modell Hohenlohe“ eingefallen, in welcher wir schon seit 1992 als Gründungsmitglied aktiv sind und Nachhaltigkeitsprojekte fördern. Als damaliger Technischer Betriebsleiter und Umweltbeauftragter war mein erster Impuls, mit der Idee auf die Hochschule zuzugehen. Diese konnte oder wollte seinerzeit leider nicht mit unserem Anspruch Schritt halten. Gleichzeitig gab es damals in Baden-Württemberg schon das Projekt „Energie-Detektiv EDe“ an den Grundschulen. Den Kindern wird dabei beispielsweise spielerisch vermittelt, was Energieverbrauch ist und wie sie schon von klein auf beim Energiesparen helfen können.
Diesen Gedanken habe ich dann auf die Lehre bei EBM-Papst adaptiert und zunächst betrachtet, wo und wie diese Themen bei uns oder auch in der Berufsschule bereits behandelt wurden. Die Antwort war relativ ernüchternd. Da Energieeffizienz aber schon seit jeher in unserer unternehmerischen DNA fest verankert ist und auch mein persönliches „Steckenpferd“ ist, bin ich bei der Geschäftsleitung offene Türen eingerannt.

Wie sieht die Arbeit der Energiescouts aus? Wieviel Zeit bleibt während der Ausbildung für so ein Projekt übrig?

Zunächst war die Idee, das Projekt nebenher laufen zu lassen, bspw. einen Tag in der Woche dafür zu verwenden. Das gestaltete sich jedoch etwas schwierig, vor allem auch in Verbindung mit der Berufsschule. Deshalb haben wir schnell auf ein Blockmodell umgestellt: Die Auszubildenden werden jährlich für vier Wochen ausschließlich für das Energiescout-Projekt freigestellt und können sich in dieser Zeit intensiv mit ihrer Aufgabenstellung beschäftigen. Bei komplexeren Projekten weiten wir die Projektphasen auch gerne aus, denn nicht jede Idee lässt sich innerhalb von ein paar Wochen umsetzen.
In dieser Zeit bearbeitet das in der Regel vierköpfige Team das Projekt dann sozusagen vom Start bis zum Schluss. Dazu gehören etwa die Recherche, Projektdefinition, Nutzenfeststellung, das Einholen von Angeboten und natürlich die praktische Umsetzung ihrer Idee. Diese selbstständige Projektverantwortung bringt ein hohes und in meinen Augen wichtiges Maß an Praxisbezug mit, was essenziell für eine gute Ausbildungszeit ist.

Welche entwickelten Konzepte wurden EBM-Papst intern umgesetzt und wie fruchtbar waren Sie? Bewegen Energiescouts wirklich etwas oder ist das nur ein Prestige-Projekt?

Nein, ein Prestige-Projekt sind die Energiescouts keinesfalls! Dennoch freut es mich natürlich, dass die Themen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz zunehmend Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erhalten. Insbesondere für die Auszubildenden ist das positive Feedback ein Zeichen großer Wertschätzung. Nicht zuletzt sorgt das auch intern für Aufmerksamkeit und das Bewusstsein zu einem nachhaltigeren Handeln. Ein gutes Beispiel ist der Erfolg des Teams von 2016. Damals begaben sich die Auszubildenden auf die Suche nach Leckagen in den Druckluftleitungen in den Werken an unserem Stammsitz in Mulfingen. Dort konnten jährliche Kosteneinsparungen im sechsstelligen Bereich erreicht werden. Die Leckagesuche geht heute weiter: Sobald die Auszubildenden in den Produktionshallen eine Leckage gefunden haben, berechnen sie mithilfe von Messtechnik die von der Leckage erzeugten Ultraschallwellen in Abhängigkeit von Entfernung und Druck. Anhand des Pegels und der bekannten Kosten für die Drucklufterzeugung lässt sich aus den Messwerten dann das Einsparungspotenzial errechnen. Die Leckagen werden dokumentiert und an die Fachabteilung weitergeleitet oder bestenfalls direkt repariert.

Was steht aktuell auf dem Plan der Energiescouts?

Die Leckagesuche steht eigentlich immer auf dem Plan und es ergeben sich jedes Mal Einsparpotenziale, auch wenn diese zunehmend kleiner werden. Das letzte Projektteam hat sich mit der alternativen Stromerzeugung durch Windräder auseinandergesetzt. Das aktuelle Team hat diesen Gedanken zunächst aufgegriffen, jedoch schnell gemerkt, dass die Einspeisung aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen als auch die Windsituation in Mulfingen noch einige Fragen aufwerfen. Deshalb haben sie selbstgebaute Anemometer gefertigt und aufgestellt, um langfristige Messreihen durchführen und so die Sinnhaftigkeit potenzieller Windräder auf dem Werksgelände beurteilen zu können. Diese Tests laufen nun erstmal bis zur nächsten Projektgruppe. Außerdem beschäftigen sie sich mit der Möglichkeit, den hieraus generierten Strom u.a. den Mitarbeitenden für das Laden von E-Bikes zur Verfügung zu stellen.

Wie sieht die Zukunft der Energiescouts aus? Soll das Projekt noch weiter ausgebaut werden?

Die Energiescouts sind ein wichtiges Angebot im Rahmen der Ausbildung auf die wir auch weiterhin ein großes Augenmerk legen möchten. Außerdem werden die Energiescouts beispielsweise unseren Messeauftritt bei der Hannover-Messe 2023 begleiten – die Messevorbereitung selbst geben wir dabei vollständig in die Hände unserer Auszubildenden.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag e.V. hat sich kürzlich verpflichtet, weitere 10.000 Auszubildende zum Energiescout zu qualifizieren. Dort unterstützen wir fortlaufend mit Vorträgen, bei den Schulungsunterlagen, im Praxisteil und als Teil der Jury im Bundeswettbewerb. Wir helfen aber auch anderen Unternehmen, die bei uns zum Beispiel anfragen, wie wir das Projekt aufgesetzt haben. Ich halte auch dort immer wieder Vorträge zu diesem Thema oder zu Energieeffizienzmaßnahmen und Mitarbeitersensibilisierung. Das Erfolgsmodell geht also weiter und wird von uns tatkräftig unterstützt.

In Anbetracht der Dringlichkeit des Themas Nachhaltigkeit, wäre es nicht Zeit, den Posten des Energiescouts als eigenständigen Ausbildungsberuf anzubieten?

Um diese Rolle als Ausbildungsberuf anbieten zu können, benötigt es neben den Unternehmen in erster Linie die Handwerkskammern oder Industrie- und Handelskammern. Ein erster Ansatz wäre es, diese Themen in die Lehrpläne verschiedener Ausbildungsberufe zu integrieren.
Unsere Auszubildenden übernehmen von Anfang an ein hohes Maß an Verantwortung, weshalb wir die Verantwortlichkeit bei ihnen nicht als Lösung von geringer Wertigkeit ansehen. Ganz im Gegenteil: Dadurch, dass die Teams jedes Mal interdisziplinär zusammengestellt werden, können wir die Idee der Energiescouts in die breite Masse des Unternehmens tragen. Viele Projekte enden längst nicht nach dem Projektzeitraum und gehen sogar nach Abschluss der Ausbildung weiter.
Nichtsdestotrotz treiben wir aktuell das Ziel der Klimaneutralität voran. Dazu haben wir ein internes Projektteam gebildet, das von einer spezialisierten Beratungsfirma unterstützt wird. Die eigens dafür gebildete Abteilung „Nachhaltigkeitsmanagement“ treibt das Thema intern breit voran.

Sie wurden vor nicht allzu langer Zeit vom Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz mit einer Ehrenurkunde geehrt. Hat diese Auszeichnung und die damit verbundene Publicity das Projekt noch weiter gepusht?

Letztendlich ist das für mich ein Ehrenamt und da ist immer das Ziel, der Gesellschaft etwas Gutes zu tun und dabei Spaß zu haben. Wir wollten das Projekt nie exklusiv betreiben, sondern schon immer in möglichst vielen Unternehmen einen ähnlichen Anstoß geben. Das haben wir erreicht – auch durch die viele positive Resonanz, die die Energiescouts ausgelöst haben. Natürlich sind wir froh, dass das Thema in der aktuellen Lage immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, was dann wiederum das Projekt positiv beeinflusst.

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