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Einkauf: Lieferantensuche im Werkzeugbau

Einkauf
Lieferantensuche im Werkzeugbau

Die Lieferantensuche und -auditierung im Werkzeugbau ist zeitintensiv und fordernd. Die richtige Vorgehensweise ist entscheidend – und kann die Beziehung zu Wertschöpfungspartnern langfristig positiv beeinflussen.

Dr. Michael Salmen et al., Jan Wiese
Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen

Die Produkt- und Prozesskomplexität der Kleinserienfertigung bis hin zur Losgröße 1 stellt den Werkzeug- und Formenbau vor besondere Herausforderungen hinsichtlich der Auslegung der eigenen Wertschöpfungskette. Um Kompetenzdefizite auszugleichen und Kapazitätsengpässe zu vermeiden, ist es wichtig, externe Lieferanten und Partner effizient in die eigene Wertschöpfung zu integrieren. Demnach agieren Lieferanten als feste und langfristige Wertschöpfungspartner erfolgreicher Unternehmen. Nicht zuletzt ist die Notwendigkeit des Zugriffs auf externe Lieferanten auch häufig kostengetrieben. So bedarf es einem strukturierten und zugleich kosteneffizienten Vorgehen zur Lieferantensuche und -auditierung. Die Ergebnisse des jährlich stattfindenden Wettbewerbs Excellence in Production des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT, bei dem der beste Werkzeugbau des deutschsprachigen Raums gekürt wird, verdeutlichen den Einfluss von externen Lieferanten. So ist die dort zu beobachtende stetig sinkende Wertschöpfungstiefe in Werkzeug- und Formenbaubetrieben – aktuell liegt der Wert bei durchschnittlich 70 % interner Wertschöpfungstiefe – ein eindeutiges Indiz für die zunehmende Bedeutung von externen Lieferanten als Wertschöpfungspartner für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen.

Repräsentative Auswertungen zeigen, dass 75 % aller Lieferanten des deutschen Werkzeugbaus in einem Umkreis von 300 km um das jeweilige Unternehmen liegen. Dabei gibt es alleine innerhalb von Deutschland einen Preisunterschied von durchschnittlich 42 % zwischen Ost und Süd für den Zukauf von Gussteilen, Platten, Normteilen und rotationssymmetrischen Teilen. Doch was sind erfolgsversprechende Voraussetzungen für die Zusammenarbeit mit Wertschöpfungspartnern? Wie läuft eine erfolgreiche Lieferantensuche ab und wie lassen sich Lieferanten für den Werkzeug- und Formenbau auditieren?

Lieferantenmanagement im Werkzeugbau ist besonders komplex

Die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit mit Wertschöpfungspartnern in der Branche Werkzeug- und Formenbau werden entscheidend durch die Kundenanforderungen mitbestimmt (Abbildung links). So müssen beispielsweise die hohen Qualitätsstandards der Kundenanforderungen durch identische Qualitätsstandards in der Zusammenarbeit mit den Lieferanten erfüllt werden. Der Wunsch nach kundenspezifischen und hochkomplexen Produkten kann nur durch eine hohe Prozesstransparenz und strategische, langfristige Beziehungen gewährleistet werden. Darüber hinaus ist es zwingend im Interesse des eigenen Unternehmens, die Liefertermintreue und Produkteinführungszeit gegenüber dem Kunden einzuhalten, welches eine verlässliche Liefertermintreue der Wertschöpfungspartner voraussetzt. Um weiter den oftmals hohen Anteil an Eilaufträgen, ausgelöst durch den Kunden, zu erfüllen, bedarf es zudem einem hohen Maß an Flexibilität auf Seiten der Wertschöpfungspartner. All diese Voraussetzungen, ausgelöst durch die hohen Kundenanforderungen, machen das Lieferantenmanagement im Werkzeugbau besonders komplex. Zeitgleich steigt die Bedeutung eines effektiven Vorgehens zur Lieferantensuche und -auditierung.

Als ein erfolgversprechendes Vorgehen für die Lieferantensuche und -auditierung hat sich ein fünfschrittiger Prozess, bestehend aus Anforderungsdefinition, Marktscreening, Kandidatensuche und -bewertung, Vor-Ort Auditierung sowie Lieferantenauswahl, etabliert (Abbildung rechts). Zunächst werden die individuellen Anforderungen an den Lieferanten definiert. Neben entscheidenden Faktoren bezüglich der Lieferantenprozesse und -produktion erstrecken sich solche Anforderungen meist über ein breites Spektrum von grundlegenden organisatorischen Unternehmenseigenschaften, wie Führungs- und Personalfragen bis hin zu Umweltaspekten.

So entsteht ein spezifisches Anforderungsprofil, welches durch eine effektive Lieferantensuche abgedeckt und erfüllt werden soll. Hierbei gilt es, frühzeitig zu unterscheiden, welcher Lieferantentyp gesucht ist. Dabei kommen verschiedene Lieferantentypen in Frage, wie beispielsweise Hersteller von Normalien oder auch Lieferanten mit dem Fokus auf die Werkzeugkonstruktion. Durch das anschließend durchgeführte Marktscreening werden Zielmärkte definiert, in denen potenzielle Lieferanten identifiziert werden können. Politische und wirtschaftliche Stabilität, die herrschende Gesetzeslage, das Ausbildungsniveau der Mitarbeiter in der produzierenden Industrie und nicht zuletzt die allgemeine Werkzeugbaukompetenz spiegeln nur einige Faktoren wider, die es zu untersuchen gilt. Nachdem ein vielversprechender Zielmarkt definiert ist, werden potenzielle Lieferanten mit Hilfe einer intensiven Onlinerecherche bestimmt. Zertifizierungen und Referenzen sowie die vorhandene Maschinenausstattung geben Aufschluss über die potenzielle Leistungsfähigkeit der Unternehmen. Um jedoch die tatsächliche Eignung des Lieferanten für das eigene Unternehmen genauer in Erfahrung zu bringen, wird zusätzlich ein unternehmensspezifischer Fragebogen entwickelt und verschickt.

Vor-Ort-Auditierung ist ratsam

Ein solcher Fragebogen kann beispielsweise Fragen nach erzielbaren Genauigkeiten, Oberflächengüten und Konturradien in der Fertigung, aber auch Fragen hinsichtlich der Prozessleistungsfähigkeit beinhalten. Die anschließende Bewertung der Rückläufer nach dem Maßstab des zuvor erstellten spezifischen Anforderungsprofils gibt folglich einen weiteren detaillierteren Aufschluss über die Eignung des Unternehmens als Lieferant. Bevor die Entscheidung für ein oder mehrere Lieferanten schließlich getroffen wird, empfiehlt es sich, eine Vor-Ort-Auditierung durchzuführen. Bei einer Vor-Ort Auditierung können die Angaben aus dem Fragebogen noch einmal validiert werden und ein allgemeiner Gesamteindruck gewonnen werden. Die Begehung der Büro- und Fertigungsbereiche orientiert sich entlang der Auftragsabwicklung, d.h. von der Auftragsannahme bis hin zur Auslieferung, um eine effektive Auditierung zu gewährleisten. Durch eine erfolgreiche Vor-Ort-Auditierung kann zusätzlich zu einer fundierten Lieferantenauswahl der Prüfaufwand bezüglich der gelieferten Produkte reduziert und das Vertrauensverhältnis zwischen Lieferant und Werkzeugbetrieb gesteigert werden.

Das Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen hat gemeinsam mit der WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH bereits mehrere Projekte mit Industriepartnern zur gezielten Lieferantensuche und -auditierung durchgeführt und den vorgestellten Prozess erfolgreich validiert und optimiert.

Industrieanzeiger
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17.2021
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