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Gründer und CEO von Inclusify Marco Richardson im Gespräch

Interview mit Marco Richardson, CEO und Gründer von Inclusify
Durch digitalen Wandel mehr Inklusion in Unternehmen bringen

Durch digitalen Wandel mehr Inklusion in Unternehmen bringen
Marco Richardson, CEO und Gründer von Inclusify. Bild: Inclusify
Eine Chance, die der digitale Wandel in der Industrie mit sich bringt, ist die Inklusion beeinträchtigter Menschen und der barrierefreie Zugang zu Wissen und Informationen für alle. Das ist die Vision von Inclusify, einem IT- und Beratungsunternehmen, das neuartige Produkte im Bereich Augmented- und Mixed-Reality bietet.

» Alexander Gölz, Chefredakteur Industrieanzeiger

Wie kam es zur Gründung von Inclusify?

In meiner Zeit, bei Microsoft Deutschland, durfte ich eine Veranstaltung in Kooperation mit Aktion Mensch ausrichten. Die Idee war, Menschen mit Behinderung mit Technologen und Entwicklern zusammenzubringen. Ein Teilnehmer hatte eine starke körperliche Behinderung und das Verwenden von Alltagsgegenständen war nicht möglich. Das Sprachzentrum war ebenfalls betroffen. Der Teilnehmer konnte, für mich als Laien, nur Laute ausgeben. In einer Pause beobachtete ich, dass seine Mutter, die als Betreuerin dabei war, in der Lage gewesen ist, seine sprachlichen Äußerungen zu verstehen und mit ihrem Sohn zu kommunizieren. Dieser Moment und das Brainstorming danach, hat mich nicht losgelassen. Künstliche Intelligenz ermöglicht es all diese Laute in Wörter oder Sätze zu formen. Sogar die Steuerung von alltäglichen Gegenständen wie Heizung, Licht, TV ist möglich. Ich bin davon überzeugt, dass die digitale Transformation die reale Umgebung für so viele Menschen zu einem besseren Ort macht. Diese Erkenntnisse führten zu meiner Gründung von Inclusify.

Sie sprechen bei einem digitalen Projekt von einem 3-Phasen-Modell.

Was verbirgt sich dahinter?

Um unsere Mission eine Welt zu gestalten, in der kein Mensch ausgegrenzt wird, erfolgreich auszuführen, ist eine Fokussierung unerlässlich. Deshalb entwickeln wir digital gestützte Lösungen, um den barrierearmen Zugang zu Wissen und Informationen für alle Menschen möglich zu machen. Für uns ist eine Behinderung generell der Ausschluss an Teilhabe. Dies geschieht auch über Sprachbarrieren oder unterschiedliche Bildungsstände. Die Kombination aus allen Eventualitäten ist in der Berufswelt, gerade am Industrie-Standort Deutschland, ein Schlüsselproblem der Zukunft des Fachkräftemarktes, aber auch bei der Skalierung von neuen und bestehenden Geschäftsmodellen. Unsere Kunden kämpfen mit den Herausforderungen des Generationswechsels, den Effekten der Globalisierung und dem rasenden Fortschritt des technologischen Wandels. Deshalb haben wir ein 3-stufiges Phasenmodell „Learn-Prove-Adopt“ entwickelt. In dem wir ganzheitlich Technologie mit Menschen auf eine Art zusammenbringen, die auf Akzeptanz in der Belegschaft unserer Kunden stößt. In vielen Unternehmen sind essenzielle Aufgaben noch nicht umgesetzt worden, um das Potenzial von neuer Technologie auszuschöpfen. Dies kann zum Beispiel die zögerliche Umsetzung der Digitalisierung im Unternehmen sein, wie auch die Vorbereitung der Belegschaft auf neue Werkzeuge und Technologien. Beides schafft Unsicherheit. Das „Warum“ wird oft nicht verstanden. Wir als Inclusify schaffen Vertrauen im Unternehmen des Kunden, in dem wir uns auf menschenzentrierte Lösungsentwicklung fokussieren. Das ist die Grundvoraussetzung für unsere LEARN-Formate, in denen wir technisches Wissen vermitteln und Berührungsängste abbauen. Auch in der folgenden Prove-Phase, in der wir die zukünftigen Lösungen greifbar machen, treffen wir dadurch ins Schwarze, was menschliche Bedürfnisse angeht. Mit der fertig entwickelten Lösung ist das Projekt noch nicht abgeschlossen, denn beim Ausrollen von neuen technologischen Lösungen und der Eingewöhnung bringt es einen Vorteil, wenn der Mensch Teil des Ausprobierens und der Lösungsfindung gewesen ist. Dies ist essenziell für den nachhaltigen Erfolg, der getätigten Investition.

Wie läuft ein klassisches Projekt mit einem Industrie-Kunden ab?

Das klassische Projekt gibt es nicht.
Zu unterschiedlich sind die Fortschritte, was Digitalisierung, Culture und People Empowerment angeht. Zunächst lernen wir die Kunden in ihrem Alltag kennen. Es ist hier schon wichtig, Technologie in geeigneter Form und Dosierung zu vermitteln. Danach binden wir die Endanwender ein. Im engen Austausch schneiden wir dann die Technik auf die identifizierte Herausforderung zu. In der nächsten Phase geht es in das Ausrollen einer erarbeiteten Lösung. Hier arbeiten wir eng mit den Fachabteilungen zusammen, um alle betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Einführung zu unterstützen. Neben technischen Fähigkeiten, die oft auf stark unterschiedlichem Level sind, kümmern wir uns auch um Vorbehalte, Bedenken, Sorgen und Ängste. Oft verbinden Fachkräfte die Digitalisierung mit der Streichung von Arbeitsplätzen. Es wird angenommen, dass die digitale Technik den Menschen einfach ersetzen würde. Wir zeigen dann auf, wie die eingesetzte Technik dazu führt, den Arbeitsplatz effektiver zu gestalten und den Spaß im Berufsalltag fördert.

Inclusify bietet Workshops zu den Themen AR, VR und MR an. Wie laufen diese ab und an wen sind sie gerichtet?

Wenn es um die Zielgruppen geht, sind wir offen. In unseren Workshops rund um Extended Reality nehmen wir uns in der Vorbereitung immer Zeit, die Vorteile und Möglichkeiten der Technik auf Aufgabenstellungen der Zielgruppe zu mappen. Würden wir das nicht tun, überfordert die Komplexität den Teilnehmer und lässt ihn unzufrieden zurück. Extended Reality ist der größte Paradigmen-Wechsel in der Mensch-Computer-Interaktion der letzten Jahrzehnte. Digitale Inhalte verschmelzen beliebig stark mit der Realität. Interaktion findet über alles, aber nicht über Maus und Tastatur, statt. Wir zeigen in unseren Workshops, wie sich die neue Form von Interaktion für ganz neue Aufgabenstellungen anbieten, für die wir vorher mit bestehender digitaler Technik keine sinnvollen Ansatzpunkte hatten. Ein Beispiel: In der Industrie ist das „Retro Fitting“ ein Begriff, welcher bestehende Maschinen einer Produktion nachträglich mit Sensorik ausstattet, um digitale Daten zu sammeln. Diese werden dann oft für die Optimierung von Abläufen, oder zur Vorhersage von Ausfällen verwendet. Damit man die verwendete Software an der Maschine bedienen kann, wurde in der Vergangenheit oft ein Touch-Display an der Maschine angebracht. Es betrachtet selten jemand, dass in vielen Fertigungsprozessen Handschuhe getragen werden. Die Eingabe auf dem Touchdisplay ist dann meistens nur möglich, wenn die Handschuhe ausgezogen werden. Mit dem Einsatz einer Mixed-Reality-Brille ist es möglich, die digitalen Inhalte im realen Raum an eine beliebige Stelle zu pinnen. Es wird keine Hardware wie ein Touchscreen benötigt. Durch Gestensteuerung können diese auch mit Handschuhen bedient werden. Durch sogenanntes Eye Tracking können Inhalte ebenfalls gesteuert und Lesebereiche automatisch gescrollt werden. Eine Synergie, aus Inklusion, da die Handschuhe behindern, und Technologie wie Extended Reality. In unseren Workshops erarbeiten wir genau diese Konzepte mit unseren Teilnehmern. Wenn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus dem Workshop gehen, wissen sie neben echten Basics wie „Was ist der Unterschied zwischen AR, MR und VR eigentlich? Ist das nicht alles Metaverse?“ eben auch, wie dieser völlig neue Ansatz von Computing in ihrem Bereich bereits heute Impulse setzen kann.

Was sind ihre bisherigen Best Practices in diesem Bereich?

Die oben genannten Möglichkeiten gilt es auf bestehende Herausforderungen, aber auch neue Geschäftschancen zu mappen. Wir helfen beispielsweise unseren Kunden dabei, den barrierearmen Wissenstransfer zwischen allen Beteiligten in Prozessen zu ermöglichen. Im Bereich Service & Wartung ist der Begriff von „Augmented Reality“ am weitesten verbreitet. Auch der Einsatz von Datenbrillen ist hier in nennenswerter Frequenz festzustellen. Es ist aber eher so, dass es sich hier meistens um „Assistant Reality“ handelt, die Informationen als „gewöhnliche Daten“ wie PDFs und gewöhnliche Video-Anrufe auf Datenbrillen ermöglicht, die eher ein „kleiner Monitor an einem Haltearm“ ist. Die Möglichkeiten der Visualisierung von 3D-Modellen und Inhalten im Raum, sie zu umlaufen und von allen Seiten zu betrachten, Arbeitsschritte plastisch statt mit viel (einsprachigem) Text zu gestalten, drängen hier aber immer stärker in den Fokus. Die Vorteile liegen auf der Hand. Komplexe Informationen und Arbeitsschritte lassen sich leichter darstellen, bei weit weniger Text. Dieser muss dann auch nicht erst internationalisiert werden, wenn die Information global in mehreren Standorten oder bei internationalen Kunden ausgespielt werden soll. Dasselbe gilt bei der Wissensvermittlung und dem Training. Während das Video-Format oft noch die Brücke im Multimedia-Training schafft, ist es in XR-Lösungen möglich, am „echten 3D-Modell“ im Raum zu trainieren – Handgriffe, nicht nur die Theorie. Auch hier gelten die Vorteile der Reduktion von Komplexität in der Informationsdarstellung und Fokussierung auf das Wesentliche. Fachkräfte können viel schneller befähigt werden. Auch bietet das multisensorische Erlebnis viele neue Eindrücke, die dazu führen, dass das Gelernte schneller und nachhaltiger im Gehirn gespeichert wird. Sales & Marketing profitiert gerade bei der dezentralen Produktdarstellung. Maschinen oder große Produkte müssen nicht für eine Präsentation oder Messe um die halbe Welt geschickt werden. Sie müssen dafür nicht mal physikalisch produziert werden. Mit Mixed-Reality-Lösungen sind unsere Kunden in der Lage, ihrem Kunden Produkte in realer Abmessung vor Ort zu platzieren. So kann die komplette Anmutung erlebt und der Platzbedarf visuell sofort erfasst werden. Übrigens: Technologisch sind aktuelle Smartphones und Tablet so gut ausgestattet, dass sie für diesen Anwendungsfall völlig ausreichend sind und keine teure XR-Hardware angeschafft werden muss.

Ab welcher Unternehmensgröße lohnt sich eine Zusammenarbeit mit Inclusify?

Hauptsächlich sind wir bei Mittelstandsunternehmen ab 200 Mitarbeitern unterwegs. Das liegt vor allem daran, dass wir eben nicht nur digitale Lösungen bereitstellen, sondern auch eng mit den Fachabteilungen bzgl. Mitarbeiter:innen-Befähigung zusammenarbeiten wollen. Kleinere mittelständische Industrie-Unternehmen sind leider oft nicht bereit, hier zu investieren. Immer wieder werden Unternehmen Opfer von Cyberattacken. Vor der Pandemie hatten wir sehr viele schwierige Diskussionen mit dem industriellen Mittelstand in Deutschland. Das lag vor allem daran, dass wir uns als „Cloud-First“-Unternehmen aufgestellt haben – auch was unsere angebotenen Lösungen angeht. Oft kam kein Auftrag zustande, da wir nicht „den eigenen Server im Keller“ des Kunden bestücken konnten. Dies hat sich seit der Pandemie stark geändert. Dabei lagen die Argumente für die Cloud damals schon auf der Hand: die notwendige Rechenpower, um das Potential von XR-Anwendungen und der damit völlig neuen Art des Computings zu nutzen und die Sicherheit der verwendeten und erhobenen Daten. Aus unserer Sicht kann kein mittelständisches Unternehmen mehr mit den großen Cloud-Providern wie Microsoft mithalten, wenn es um Datenschutz geht. Egal ob es um Cyber-Attacken oder Recovery-Strategie bei Datenverlust geht. Und genau hier nutzen wir bei Inclusify alle Vorteile und Möglichkeiten der großen Cloud-Provider. Denn auch was das Hoheitsgebiet von Daten angeht, kann mittlerweile alles so aufgebaut und angeboten werden, dass es die Standards der Industrie erfüllt. Hier schöpfen wir die Möglichkeiten der aktuellen Zeit voll aus. Auch durch enge Zusammenarbeit mit den Providern selbst.

Was ist die Strategie/Vision für 2023?

Unsere Vision „Wir gestalten eine Welt, in der kein Mensch ausgegrenzt wird“ wird uns noch weit über 2023 hinaus beschäftigen. Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen im Markt bezüglich XR und Metaverse, tun wir alles, um unsere Kunden darüber aufzuklären und zu verstehen, welche welche Teile von diesem monströsen Bild, für sie und ihr Geschäft funktionieren kann. Es liegt nun an Unternehmen wie uns, Unternehmen dabei zu unterstützen die für sie richtigen Dinge zu adaptieren und zu nutzen. Metaverse ist eine Treppe – keine Tür, auch wenn Mark Zuckerberg das vielleicht gerne anders hätte. Aber Metaverse ist eben auch Culture Change. Daran glauben und arbeiten wir unentwegt.



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