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Chinas Weg in Richtung Industrie 4.0

Chinas Weg zu Industrie 4.0
Made in China 2025

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Made in China 2025 ist die chinesische Antwort auf Industrie 4.0. Der Ansatz orientiert sich am deutschen Vorbild, ist aber weiter gespannt – und wird immer wichtiger für das Land der Mitte.

Michael Grupp
Freier Journalist in Stuttgart

In der chinesischen Maschinenbau-, Automobil- und Zuliefererindustrie laufen die Bänder nach der Corona-Pandemie sukzessive wieder an. Digitalisierte Unternehmen beenden vergleichsweise schnell die Zwangspause. Das hat zweierlei Gründe: Je weniger Menschen in einer Produktionshalle arbeiten, desto einfacher können Hygiene-Vorgaben eingehalten werden. Und zweitens sind in internationale Lieferketten eingebundene Hersteller technologisch weiter entwickelt als national agierende Unternehmen. Das hat in der Krisenzeit geholfen, Produktionslinien flexibel neu auszurichten. So haben beispielsweise asiatische Werkzeugmaschinenhersteller kurzfristig Produktionskapazitäten für die Fertigung von Atemmasken genutzt und die sonst übliche Vorlaufzeit von 60 Tagen auf die Schnelle halbiert.

China geht einen eigenen Weg

2015 hat China das Zehn-Jahres-Programm „Made in China 2025“ vorgestellt. Das Center for Strategic and International Studies bezeichnet das Programm als eine „Initiative zur umfassenden Aufwertung der chinesischen Industrie, welche direkt von der deutschen Industrie 4.0 inspiriert ist.“ Der Hauptunterschied ist allerdings, dass beim europäischen Ansatz der technische Fortschritt eines Unternehmens oder eines Workflows im Vordergrund steht. Beim chinesischen Pendant geht es vor allem darum, die gesamte Industrielandschaft zu restrukturieren, um international wettbewerbsfähiger zu werden. Fortschritte in der Produktionstechnologie sind dabei nur einige von vielen Puzzlesteinen.

In diesem Sinne basiert „Made in China 2025“ auf fünf landesweiten Projektstufen. Die erste sieht den Aufbau von 40 Pilot-Entwicklungszentren bis 2025 vor. Die zweite Stufe umfasst konkrete industrielle Hightech- Projekte in Schlüsselindustrien. Die beiden folgenden Stufen konzentrieren sich auf Green wie auch Smart Factoring. Die letzte Ausbaustufe plant vier Forschungszentren, um die Entwicklung von Materialien, industriellen Kernkomponenten und Techniken zu beschleunigen. Die Ausbaustufen werden konzentriert in ausgewählten Provinzen realisiert. Erste Pilotstadt war die Küstenstadt Ningbo im Südosten der Zhejiang Provinz, weitere liegen in den Provinzen Sichuan, Chengdu, Guangdong und dem Corona-Epizentrum Wuhan.

Das erklärte Ziel dieser Maßnahmen: Bis 2025 will China zum Weltmarktführer in den Bereichen Telekommunikation, Bahn- und Stromerzeugungsanlagen werden – und in den Branchen Chemie, Maschinenbau sowie Halbleiter- und Automobilindustrie zumindest mit den Global Players gleichziehen. Ein zweischneidiges Schwert, denn in der Vergangenheit waren die günstigen Lohnarbeitskosten ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil für das Land der Mitte. In einer Industrie-4.0-Umgebung spielt der Faktor Mensch aber eine immer kleinere Rolle. Dann zählt nur ein qualitativ gleiches Qualitätsniveau wie in den „alten“ Industrieländern. Das ist den Akteuren durchaus bewusst. Premier Li Keqiang gibt sich selbstbewusst: „Wir wollen nicht mehr Werkbank, sondern Weltmarktführer sein.“ Dabei haben die Chinesen nicht allein den Westen im Blick. Bisher gehen nur 20 % der Wirtschaftsleistung in den Export, die Hälfte davon in asiatische Nachbarländer; nur ein Zehntel erreicht also europäische und amerikanische Abnehmer.

Die Ausgangssituation im Land der Mitte

Während in Europa beispielsweise die Automobil- und Luftfahrtbranche Industrie-4.0-Konzepte zumindest in Teilbereichen umgesetzt haben, muss China das produzierende Gewerbe vielerorts erst auf das 3.0-Niveau heben, sprich automatisierte Fertigungsstrukturen einführen. Experten vergleichen die Produktionsstrukturen mit denen in Deutschland ungefähr zur Mitte der 90er-Jahre. Bei der Modernisierung bauen die Chinesen auch auf deutsche Hilfe. Die ist im Fall von Firmenübernahmen und Beteiligungen nicht immer freiwillig und unumstritten. Die Asiaten entscheiden dabei nicht nach wirtschaftlichen, sondern offensichtlich vor allem nach technologischen Aspekten und sichern sich gezielt Know-how. Die Einkaufsliste reichte von Spritzguss-maschinen (Krauss Maffei) und Lampentechnologie (Osram) über Müllverbrennungsanlagen (Eon) bis hin zu Robotertechnologie (Kuka) und Datenerfassungs-systemen (Ista). 39 Übernahmen zählte die Beratungs-gesellschaft EY im Jahr 2019 – vier mehr als im Vorjahr. 4,6 Mrd. US-Dollar haben sich chinesische Firmen ihre Übernahmen in Deutschland kosten lassen, das ist weniger als die Hälfte des Vorjahres – inzwischen sind nicht mehr Konzerne, sondern Mittelständler im Visier. Was auch daran liegen könnte, dass die Bundesregierung nach der Kuka-Übernahme 2017 eine Verordnung erlassen hat, die ihr erweiterte Vetorechte beim Verkauf deutscher Firmen an nichteuropäische Käufer einräumt. Allerdings hat sich China in den letzten Jahren auch vom Aufkäufer und Kopierer zum Innovationstreiber weiterentwickelt.

Diese Entwicklung ist von langer Hand vorbereitet. Das Regime von Xi Jinping unterstützt chinesische Firmen massiv bei der Einführung von 4.0-Technologien – angefangen von staatlichen Subventionen, einer zielführenden Gesetzgebung bis hin zu bildungspolitischen Aktivitäten. Auf jeden deutschen MINT-Hochschulabsolventen kommen aktuell 25 chinesische Diplomanden.

China holt bei Patentanmeldungen weltweit auf

Diese Strategie zahlt sich aus: 2019 wurde China erstmals weltweit die Nummer eins bei der Anmeldung von Patenten. Die Asiaten haben damit die USA in der Rangliste der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) abgelöst, die sie seit 1978 ununterbrochen angeführt haben. Aus China kamen letztes Jahr 58.990 Anmeldungen, aus den USA 57.840. Deutschland liegt mit 19.350 Anmeldungen auf Platz vier hinter Japan und ist neben den Niederlanden das einzige Industrieland mit einem Rückgang. Die meisten Patente melden die Chinesen in den Bereichen Computertechnologie und digitaler Kommunikation.

Bei der Digitalisierung im Alltag ist China Deutschland um Jahre voraus. Das betrifft etwa die Telekommunikation, aber auch Cloud-Technologien, Big Data oder Anwendungen rund um künstliche Intelligenz. Nicht umsonst ist Huawei beim 5G-Infrastrukturausbau ein gefragter, wenn auch umstrittener Partner. Zur Innovationskraft kommt die Technikaffinität der Chinesen, die deutlich weniger Berührungsängste vor Zukunftstechnologien haben als ihre europäischen Kollegen. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey ist für neun von zehn chinesischen Vorstandsmitgliedern das wichtigste Thema die Digitalisierung ihrer Produktion. In Deutschland sehen dies nur zwei von drei Managern so. Laut einer Umfrage der Europäischen Handelskammer in Peking nehmen 60 % der von ihr vertretenen Unternehmen ihre chinesischen Konkurrenten heute als ebenso innovativ oder sogar innovativer wahr.

Vom Kauf zur Kooperation

Da Übernahmen und Kapitalbeteiligungen durch staatliche Schutzmaßnahmen in den letzten Jahren schwieriger geworden sind, verstärken chinesische Firmen gezielt ihre Forschungs- und Entwicklungszusammen-arbeit mit europäischen Regierungen, Universitäten und Firmen. So haben das Bundesforschungsministerium BMBF und das chinesische Wissenschaftsministerium 2019 das „Deutsch Chinesische Kooperationsnetzwerk für Industrie 4.0“ aus der Taufe gehoben. In diesem Rahmen sind zahlreiche Kooperationen und Projekte realisiert worden: von der Lernfabrik im Industriepark in Huai’an bis hin zu Unternehmens-Kooperationen. Dabei zeigen sich offensichtliche Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten: Mit ihrer Technikbegeisterung sind Chinesen eher bereit, Technologien probeweise einzuführen, während deutsche Manager noch rechnen und diskutieren. Und mit den vor allem in den Küstenstädten steigenden Löhnen wird Industrie 4.0 auch in den chinesischen Industriezentren immer mehr zum erfolgskritischen Faktor.


Serie Industrie 4.0

Wir begleiten Sie mit unserer Serie auf dem Weg zur Digitalisierung. In dieser Ausgabe beleuchten wir den chinesischen Weg „Made in China 2025“. Alle Beiträge finden Sie auch online auf www.industrieanzeiger.de.

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