Leichtbau-Challenge: Nur zwei Monate bis zur Fördermittelvergabe

Leichtbau-Challenge

Nur zwei Monate bis zur Fördermittelvergabe

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Steht ein Unternehmen vor einer F+E-Herausforderung, sollte es schnell gehen. Im Leichtbau hat Baden-Württemberg dafür eine neuartige Fördermittelvergabe mit Modellcharakter entwickelt. Die Projektpartner finden im Vergabeprozess zueinander. Bereits zwei Monate nach Antragstellung können sie loslegen.

Olaf Stauß

Am Mittwochabend des 12. Dezember 2018 war es so weit: In rund einer Stunde gingen in Stuttgart insgesamt 637.000 Euro Fördergelder des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst über den Tisch – im Bieterverfahren. Vorausgegangen war eine kurze Zeitspanne mit eng getakteten Arbeitsaufgaben: Zwischen Ende der Bewerbungsfrist und der Förderzusage lagen gerade einmal zwei knappe Monate. „Bei der Umsetzung von guten Ideen in die Praxis kommt es neben der Qualität auf zwei Faktoren an: Zeit und Geld“, erklärt dazu Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. „Mit der Leichtbau Innovation Challenge haben wir ein neues Förderinstrument entwickelt, das besonders schnell ist beim Bewilligen von Ressourcen. Es vergehen weniger als zehn Tage von der Antragstellung bis zur Förderzusage.“

Dabei sei Wert darauf gelegt worden, dass Qualität und Praxisrelevanz einen mindestens so hohen Stellenwert haben wie bei klassischen Förderprogrammen für Projekte zwischen Instituten und Unternehmen. Das Ministerium arbeitete bei dem Pilot-Instrument mit der Landesagentur Leichtbau BW zusammen, die mit den Bedürfnissen und Schwierigkeiten von KMU bei der Entwicklung von neuen Technologien vertraut ist.

Kleinen und mittleren Unternehmen
fehlt die Zeit für aufwendige Förderanträge

Gerade der Faktor Zeit sei für Forschungsprojekte in klassischen Ausschreibungsverfahren inklusive Begutachtung eine Hürde, betont Dr. Wolfgang Seeliger, Geschäftsführer der Leichtbau BW. „Besonders KMU haben oft nicht die notwendigen personellen und zeitlichen Kapazitäten für umfangreiche Förderanträge.“ Genau auf diesen Aspekt zielte die Leichtbau Innovation Challenge.

Höhepunkt und Abschluss der „Challenge“ am 12. Dezember war das Bieten. Die dafür notwendige Detailarbeit war zu diesem Zeitpunkt erledigt: Die Problemstellungen für die avisierten F+E-Projekte waren formuliert, begutachtet, ausgeschrieben und Konsortien aus Unternehmen und Forschungsinstituten hatten sich gebildet – alles nach klar definierten Regularien und innerhalb von zwei Monaten.

Zehn Firmen und 15 Hochschulinstitute hatten an dem Procedere teilgenommen. Dabei wurden mit den in Gesamthöhe von 637.000 Euro vergebenen Geldern nicht die Unternehmen direkt gefördert. Sie flossen an die Institute für ihre Forschungsleistung, mit der sie die Firmen unterstützen.

Das Feedback der teilnehmenden KMU ist sehr gut: „Das Projekt ist eine tolle Initiative, um Unternehmen mit Forschungseinrichtungen zusammenzubringen, die gemeinsam ein Problem lösen und Innovationen auf den Markt bringen wollen“, sagt Max Riedel von der Emm! Solutions GmbH aus Weil der Stadt. „Die Challenge ist genau das Richtige, was kleine Unternehmen brauchen, um eigene Entwicklungen weiterzubringen und die Geschwindigkeit bei der Vergabe zu erhöhen“, bekräftigt Rainer Puls, Geschäftsführer der Dipl.-Ingenieure Rainer & Oliver Puls GmbH, Karlsruhe.

Und Moritz Dörstelmann, Geschäftsführer der FibR GmbH aus Stuttgart, ergänzt: „Es ist toll, dass man hier im Land den Mut hat, die Vergabe auf den Kopf zu stellen.“ Er sieht die Leichtbau-Challenge als ein innovatives Format, nicht nur um Fördermittel auszuschreiben, sondern auch‚ „um direkt bei den Unternehmen zu fragen, was die Herausforderungen sind, die angepackt werden müssen.“

Forschungspartner aus dem Leichtbau finden sich an einem einzigen Tag

Woher kommt diese Begeisterung innovativer Unternehmer für die neue Fördermittelvergabe in Baden-Württemberg? Wie ist der Ablauf des Verfahrens? Die Innovation Challenge wurde von Anfang an darauf ausgerichtet, den Aufwand für KMU mit ihren meist knappen Ressourcen zu reduzieren. Sie gliederte sich in drei Phasen, die jeweils zwischen ein und zwei Wochen dauerten. Und es gab zwei entscheidungsreiche Tage.

In der ersten Phase konnten sich Unternehmen aus dem Land mit ihrer „Challenge“ bewerben. In einem zweiseitigen Abstract schilderten sie ihre Herausforderung, für die sie eine innovative Lösung suchen und dazu Hilfe von externen Forschungspartnern benötigen. Die Einreichungsfrist endete am 15. Oktober 2018. Eine Jury begutachtete die Challenges.

In der zweiten Phase konnten baden-württembergische Forschungseinrichtungen dazu Ideen und Lösungsansätze entwickeln und ihre Teilnahme anmelden. Es folgte ein „Hackathon“ am 22. November, auf dem die Forscher ihre Vorschläge den Unternehmen vorstellten – der erste Tag, der zu Entscheidungen drängte. Insgesamt gab es über 50 Präsentationen der 15 Institute für die zehn Unternehmen mit insgesamt 1880 Minuten Gesprächszeit.

Im Nachgang, Phase drei, konnten sich die zehn teilnehmenden Firmen für diejenige Forschungseinrichtung entscheiden, die sie mit ihrem Lösungsansatz am meisten überzeugte. Das Unternehmen bildete mit dem ausgewählten Institut ein Konsortium, das mitbieten konnte. Für diese dritte Phase waren nur elf Tage veranschlagt. Die Frist für die Einreichung endete am 3. Dezember. Am 12. Dezember kam es dann zum Show Down, dem Bieterverfahren um die Fördergelder.

Das Bieten: Höhere Gebote für den Eigenanteil steigern die Förderchancen

Die Unternehmen mussten ihren Einsatz nennen – den finanziellen Eigenanteil, den sie für das Projekt übernehmen wollten. Indem sie ihn erhöhten, verbesserten sie ihre Chancen. Je kleiner die Firma, desto höher wurde der Eigenanteil gewichtet. Welchen Rang das Unternehmen damit in der Förderliste erreichte, ermittelte der Auktionator mit einer speziellen Formel. Die Entscheidung fiel innerhalb einer Stunde. Ergebnis: Sechs der acht Projekte der Challenge konnten gefördert werden.

Dietmar Dieterle gehört zu jenen Unternehmern, die einen Förderzuschlag erhalten haben. Er ist Geschäftsführer der 110 Mitarbeiter umfassenden M & A Dieterle GmbH in Ottenbach – einem Sondermaschinenbauer, der in verschiedenen Branchen unterwegs ist. „Dieses neue Förderformat kann ich nur mit sehr gut bewerten“, sagt er. „Es hat eine Bewilligungszeitspanne von nur acht Wochen. Nach maximal zehn Wochen weiß ich also, wie es mit meiner Technologieinnovation weiter geht – das ist eine perfekte Lösung.“

Wie wichtig dieser Zeitvorteil ist, wird an Dieterles aktuellem Projekt klar. Auf der Composites-Messe JEC World 2019 in Paris präsentierte er kürzlich zusammen mit Firmenpartnern eine maschinenbauliche Innovation, die das Fertigen von Composite-Bauteilen für kleinere Firmen mit kleineren Stückzahlen rentabler macht: eine Prozesskette zum Herstellen von textilen Halbzeugen und zum Ablegen dieser Bändchen mit einem neuen Tapeleger. Flexible Module mit einfachen Prozessen kennzeichnen diese Prozesskette und nicht eine aufwändige, hochautomatisierte Gesamtanlage. Für 3D-Bauteile werden 2D-Preforms bedarfsgerecht produziert.

Ihre jüngste und fortschrittlichste Option ist es, den produzierten Preform mitsamt Fertigungsrahmen in eine Stickanlage zu transferieren und dort lokale Verstärkungselemente aufzusticken. Das könnten Lochverstärkungen oder Lastpfade sein. Diese Option wurde in Paris schon prototypisch vorgestellt. Jetzt gilt es, sie noch wissenschaftlich zu fundieren und gegenüber diversen Eventualitäten abzusichern und auszubauen – das Thema des Challenge-Projektes von M&A Dieterle. „Es geht uns darum, die Kombinationsmöglichkeiten zu verifizieren, zu erweitern und dafür Demonstratoren zu bauen. Wir wollen belastbare Ergebnisse präsentieren und brauchen dafür einen Forschungspartner.“ Da die Grundidee bereits vorgestellt ist, kann sich das Unternehmen keinen Zeitverzug leisten.

Nach dem Hackathon hatte Dieterle dem Institut für Flugzeugbau (IFB) der Uni Stuttgart den Zuschlag erteilt. Das IFB erstellte einen Kostenplan in Höhe von rund 200.000 Euro und legte das Projekt auf zwei Jahre Laufzeit aus. Die F+E-Arbeiten sind schon angelaufen. „Bei einem normalen Antrag dauert es ein Jahr bis zum Bescheid“, sagt Dieterle – ein Verzug, der jetzt schmerzen würde und den Erfolg gefährden könnte.

Der Förderantrag beschränkt sich auf zwei DIN-A4-Seiten

Dietmar Dieterle hat genügend Projekterfahrung, um die Challenge mit konventionellen Förderinstrumenten vergleichen zu können. „Die Antragstellung war bisher immer mit einem riesigen bürokratischen Aufwand verbunden, wie bei einer umfangreichen Steuererklärung. Das hemmt die Innovation eher. Aber bei der Leichtbau-Challenge mussten wir nur zwei DIN-A4-Seiten ausfüllen. Das war sehr unkompliziert.“

Der Zeitvorteil ist das eine. Als ein weiteres großes Plus sieht der Firmenchef den verbesserten Zugang zur Wissenschaft. Beim Hackathon bekam er Kontakt zu insgesamt fünf Instituten, die Vorschläge machten. „Dabei habe ich sehr gute Forscher kennengelernt. Mit ihnen kann ich mich austauschen und an anderer Stelle zusammenarbeiten, auch wenn es jetzt nicht geklappt hat. Das dient der Netzwerkbildung.“

In der anderen Art der Vernetzung sieht er ebenfalls etwas Innovatives – auch wenn die Forscher dafür eine Kröte zu schlucken hatten. „Zum ersten Mal müssen die Institute gezielt auf unsere Problemstellung eingehen und sich für unser Projekt bewerben. Sie müssen aus der Komfortzone raus – und das ist gut für uns, wenn auch unbequem für sie.“

Dieterle räumt ein, dass die Hochschulen dafür Wissen preisgeben müssen und ein gewisses Risiko eingehen. Es könnte ja benutzt werden, ohne dass sie partizipieren. Aber das kennt er von sich selbst. „Dieses Geschäftsrisiko gehe ich täglich ein. Es ist mein Alltag in der Wirtschaft.“

Was dem „alten Hasen“ in der Technologieentwicklung spannender erschien – der Hackathon oder das Bieten, das alles entscheidet? Dieterles Antwort ist eindeutig: der Hackathon. Beim Bieterverfahren blieb er ruhig. „Wenn ich ein Projekt machen will, dann bringe ich auch meinen notwendigen Einsatz. Dazu war ich fest entschlossen. Der Staat hilft bei Innovationen, aber als Unternehmer bin ich auch gefordert. Fördern und Fordern – dahinter stehe ich voll und ganz.“

www.leichtbau-bw.de
FAQs zur Challenge: https://bit.ly/2Jk8YrU

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