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Digitale Plattformen sind Hilfen für den Leichtbau

Interview: Dr. Adriana Neligan (IW) und Dr. Wolfgang Seeliger (Leichtbau BW)
„Plattformökonomie ist eine riesige Chance für den Leichtbau“

„Plattformen bieten die Chance, dreißig Prozent, vierzig Prozent oder noch mehr Masse durch Leichtbau einzusparen“, sagt Dr. Wolfgang Seeliger von Leichtbau BW. Dass die Unternehmen dafür „digital unterwegs“ sein müssen, betont Dr. Adriana Neligan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) – doch dazu gebe es ohnehin keine Alternative. Im Interview sprechen sie über Chancen und Risiken. Begleitende Zusatz-Infos von Dr. Nelligan zu den Leitfragen finden Sie hier.

» Olaf Stauß, Redakteur Konradin Industrie

Was verstehen Sie unter „Plattformökonomie“?

Dr. Adriana Neligan: Plattformen gibts ja schon immer – auch ein Wochenmarkt oder Zeitungsanzeigen sind Plattformen. Aber wir meinen den Akteur, der über das Web zwischen zwei oder mehreren Nutzergruppen eine Interaktion ermöglicht. Dieses Geschehen basiert auf detaillierten und präzisen Daten und macht die Wertschöpfungskette viel transparenter und besser.

Dr. Wolfgang Seeliger: Wobei die Vorteile in der Industrie noch viel weiter gehen, als wir das vom Consumer-Geschäft her kennen: Plattformen nehmen wesentliche Prozesse einer Beschaffung vorweg, die sonst sehr viel Zeit und Aufwand kosten würden. Will ich zum Beispiel eine Fräsleistung einkaufen, müsste ich sie ausschreiben, Angebote einholen, vergleichen, besprechen und bewerten – alle diese Vor-Prozesse sind auf Plattformen, wie wir sie uns vorstellen, bereits abgebildet. Plattformökonomie macht also Beschaffungsvorgänge massiv kostengünstiger und ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle.

Welche Vorteile bieten Plattformen speziell dem Leichtbau?

Dr. Seeliger: Für uns im Leichtbau ist die Plattformökonomie von besonderer Bedeutung, wenn wir zum Beispiel über die letzte Meile des Transportwegs sprechen: Für diese letzte Meile entwickeln Mittelständler spezielle Fahrzeuge, die bis zu siebzig oder achtzig Prozent Gewicht einsparen – aber natürlich nicht gedacht sind, um in den Urlaub zu fahren. Es geht also um kleine Stückzahlen. Mit klassischen Methoden lassen sie sich nicht wettbewerbsfähig produzieren, aber mithilfe von Plattformen durch Distributed Manufacturing schon: Durch Plattformen, die bereits heute bis zu 40 Prozent der anfallenden Kosten einsparen, werden solche Leichtbaufahrzeuge überhaupt erst marktfähig. Dahinter steckt ein ganz neues Mobilitätsprinzip: Für jeden Einsatzzweck bauen wir ein speziell zugeschnittenes Fahrzeug.

Plattformen eröffnen also auch überraschend neue Lösungen?

Dr. Neligan: Das kann gut passieren. Denn über Plattformen fließen sehr viele Informationen, wie Märkte sich weiterentwickeln und angepasst werden können. Plötzlich erfährt ein Unternehmen, welche neuartige Dienstleistung gefragt ist und bietet sie an. Wertschöpfungen entwickeln sich beispielsweise immer mehr vom Produkt hin zur Nutzung und machen Leistungen „as a Service“ lukrativ – und dies vermitteln Plattformen.

Das heißt, Dynamik ist im Spiel – Chance oder Risiko für kleine Unternehmen?

Dr. Seeliger: Veränderung ist immer eine Chance. Wir haben Projekte mit bis zu 20 Mittelständlern in der Pipeline, die sagen: Wir haben nur eine Chance, wenn wir über Plattformen zusammenarbeiten.

Dr. Neligan: Eine Gefahr können Plattformen für Unternehmen sein, die nicht digital unterwegs sind – weil sie irgendwann dem Preisdruck nicht mehr standhalten können. Plattformen können zum Wettbewerb werden für gewachsene Kunden-Lieferanten-Beziehungen – aber neue Konstellationen sind eben auch eine Chance für KMU. Noch sind nicht allzu viele Vorzeigeunternehmen unterwegs, die virtuell interagieren – aber es gibt sie.

Dr. Seeliger: Die Frage ist eben auch, wie lange man sich dem Trend entziehen kann ohne Folgen. Lieber Chancen jetzt nutzen. Und die sind enorm: Mittelständler können Dinge anbieten, die bisher für sie utopisch waren, indem sie Verfahren und Produktionsleistungen anderer nutzen über Plattformen, also etwa Investitionsgüter teilen. Sie müssen die Assets dazu nicht kaufen.

Entsteht so nicht eine Abhängigkeit vom Plattformbetreiber?

Dr. Neligan: Nein, Plattformökonomie basiert ja auf Datenanalyse mit Algorithmen und gehorcht somit den Regeln des Markts. Dazu wird eine Unmenge von Daten ausgewertet, Big Data. Man darf sich B2B-Plattformen nicht wie die im Consumer-Bereich vorstellen, sie sind viel fokussierter. Als Beispiel nenne ich mal den Markt für Sekundärrohstoffe: Wie kommt man an passende Rezyklate mit angemessener Qualität? Da liefert eine Plattform die Grundlage mit entsprechenden Standards und Nachweisen.

Dr. Seeliger: Das kann ich für ein Mitgliedsunternehmen unseres Netzwerks bestätigen, das technische Teile vermittelt: Es führt vorab eine Lieferantenqualifikation durch und schließt mit dem Lieferanten einen Vertrag. Gegenüber dem Kunden haftet es dann als Plattformbetreiber für Lieferzeit, Qualität und Preis. Die Plattform nimmt dem Kunden also einen großen Teil des Beschaffungsprozesses und des unternehmerischen Risikos ab.

Was empfehlen Sie Unternehmen für den Einstieg in Plattformökonomie?

Dr. Neligan: Die Grundvoraussetzung ist, digitalisiert und damit vernetzungsfähig zu sein. Es empfiehlt sich, frühzeitig zu überlegen, welche Vorteile das Unternehmen aus der Digitalisierung ziehen kann und welche Daten es dafür wie erfassen muss: Welche Kennzeichen braucht ein Unternehmen, um sich zu verbessern? Ein erster Vorteil könnte zum Beispiel sein, dass man mit digitalisierten Prozessen ganz schnell auf neue Nachfragen reagieren kann, sei es durch angepasste Produkte oder eine neue Dienstleistung. Eine Plattform ist ja etwas wirklich Großes: eine Steuerzentrale für dynamische Wertschöpfungsnetzwerke. Davon gilt es ein Teil zu werden. Und für diesen Weg gibt‘s auch Beratungsangebote.

Wie können Plattformen zum Klimaschutz beitragen?

Dr. Seeliger: Das ist der bereits anfangs erwähnte Punkt: Wir haben Mobilitätskonzepte, mit denen wir 60 Prozent an Gewicht und Material sowie analog CO2 einsparen können – aber für den Markt sind die Fahrzeuge zu teuer. Plattformen sind Enabler, um sie marktfähig zu machen. Andererseits verbrauchen sie auch Energie – und ich befürchte, dazu gibt es noch keine Zahlen, Frau Neligan?

Dr. Neligan: Ja klar, je mehr Datenströme, desto höher der Energieverbrauch – und noch gibt es dazu kein verlässliches Datenmaterial. Andererseits werden auch Server effizienter und digitale Plattformen bieten hohe Einspareffekte: Produkte werden leichter, lassen sich länger nutzen, auch mieten und reparieren. Insofern bin ich überzeugt davon, dass die Effekte für das Klima stark überwiegen.

Wie ist Ihre jeweils persönliche Sicht zu Chancen und Risiken?

Dr. Seeliger: Plattformen sind eine Riesenchance für KMU, in die Zukunft zu gehen. Und ich zitiere einen mir bekannten Unternehmer, der sagte: Ohne werden wir nicht überleben.

Dr. Neligan: Wir wollen klimaneutral werden. Und aus meiner Sicht können digitale Plattformen einen Beitrag dazu leisten, dass wir uns dematerialisieren.

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