Daimler-Bereichsvorstand Dr. Klaus Zehender und Marquardt-Chef Dr. Harald Marquardt

„Wir brauchen den aktiven, auch kritischen Lieferanten“

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Doppelinterview | Bereichsvorstand Dr. Klaus Zehender leitet bei Mercedes-Benz Cars den Einkauf, Dr. Harald Marquardt den gleichnamigen Autozulieferer. Der eine muss auf Innovation, Qualität und Kosten achten, der andere auf Erfüllung all dessen. Doch nicht nur deshalb ist die Marquardt GmbH aus dem schwäbischen Rietheim-Weilheim für den Premiumhersteller ein Vorbildlieferant. §

Autor: Dietmar Kieser

Bewundernd fährt Dr. Klaus Zehender mit der Fingerkuppe über das leicht geschwungene, mit Chromtasten durchzogene obere Bedienfeld der S-Klasse. Der auch für die Lieferantenqualität zuständige Bereichsvorstand der Daimler AG ist „hochzufrieden mit Marquardt“ und damit, wie der Tier1-Lieferant die neudeutsch Human Machine Interface genannten Systeme in dieser Qualität und Präzision hinbekommt. „90 Jahre Erfahrungswissen und Know-how spiegeln sich darin“, verweist Dr. Harald Marquardt, der Vorsitzende der Geschäftsführung, auf die feinmechanische Herkunft des Familienunternehmens, das sich vom Schalterhersteller zum Mechatronik-Systemspezialisten gewandelt hat. Seit 25 Jahren ist die Marquardt GmbH mit Daimler im Geschäft. Zunehmend mit qualitativ höchst sensitiven Komponenten. Im Vorjahr hat der Premiumhersteller seinem Zulieferer bereits zum zweiten Mal den „Daimler Supplier Award“ für herausragende Qualität, Innovation und Partnerschaft verliehen.

Herr Dr. Zehender, welche Anforderungen hat ein typischer Daimler-Lieferant zu erfüllen?
Dr. Zehender: Wir setzen auf den Dreiklang von Innovation, Spitzenqualität und Partnerschaft. Ein Mercedes muss immer Innovationsführer sein. Spitzenqualität bedeutet, dass die von uns eingesetzten Systeme und Komponenten bei Wertanmutung und Funktion ganz vorn sind und dazu unseren Ansprüchen an Dauerhaltbarkeit entsprechen. Partnerschaft schließlich heißt, vertrauensvoll gemeinsam an kontinuierlichen Verbesserungen zu arbeiten, wobei wir ganz stark den Ideen unserer Lieferanten zuhören wollen.
Herr Dr. Marquardt, bieten Sie einem OEM auch proaktiv Eigenentwicklungen an, die nicht unbedingt aus einer Kundenanforderung resultieren?
Dr. Marquardt: Durchaus, wobei der Hersteller eine solche Entwicklung engmaschig filtert. Jedenfalls ist ein Kunde daran interessiert, ein Differenzierungsmerkmal zu erhalten, also eine höhere Qualität und Wertanmutung oder einen günstigeren Preis. Wie Herr Dr. Zehender aber eben auch erwähnte, es handelt sich um eine Partnerschaft. Das bedeutet ein Geben und Nehmen. Einmal bieten wir eine Eigenentwicklung an, die wir nach Wünschen unseres Kunden dann weiterentwickeln. Ein anderes Mal kommt unser Kunde mit einer spezifischen Anfrage auf uns zu, und wir bringen dann unsere Kompetenzen ein, um am Ende ein erstklassiges und wettbewerbsfähiges Spitzenprodukt auf den Markt zu bringen.
Dr. Zehender: Das Haus Marquardt ist für uns Innovationsdifferenzierer und Ersteinführer. Diesen Sitzverstellschalter etwa (er wiegt die Baugruppe in der Hand) in dieser Qualität, Ausprägung, Funktionalität und Premiumanmutung, behaupte ich, gibt es derzeit nur bei uns. Zentral für uns ist: Das Kundenerlebnis muss bei uns das innovativste und wertigste sein. Hingegen sollen verbaute Subkomponenten wie etwa die Elektronik gerne standardisiert und auch anderweitig genutzt werden. Denn die daraus resultierenden Degressionspotenziale kommen auch uns zugute.
Gibt es auch eine regionalisierte Innovation in den Wachstumsmärkten?
Dr. Marquardt: Bei sicherheitsrelevanten Teilen beispielsweise gibt es so etwas wie regionale oder regional begrenzte Innovationen. Hier geht es im Wesentlichen um höchsten Know-how-Schutz beziehungsweise einen Innovations- und Inventionsschutz durch eine zuverlässige rechtliche Patentabsicherung, die nicht in allen Ländern auf die gleiche Weise gegeben ist. Schwerpunktmäßig richten wir uns da aber nach den Kundenerfordernissen, die sich natürlich wiederum meist an den Märkten orientieren. Dr. Zehender: Bisweilen kann es in der Tat zielführend sein, Know-how an nur einem Standort zu bündeln, wie bei unseren aktuellen Fahrberechtigungssystemen auf elektronischer Basis. Hier ist es in unserem Interesse, dass Marquardt diese nur in Deutschland und sonst nirgendwo auf der Welt baut. Ganz bewusst setzen wir einen Standard für höchste Diebstahlsicherheit, der heimatnah angesiedelt ist. Wir globalisieren nicht um des Globalisierens willen.
Wie definiert Ihr Einkauf die Qualitätswerte für Zulieferer – auch außerhalb Deutschlands?
Dr. Zehender: Unser mehrstufiger Qualitätssicherungsprozess baut sich entlang des Entwicklungsprozesses und des Fahrzeughochlaufs auf. Am Anfang steht ein ausgedehntes und detailliertes Lastenheft – bei uns hinsichtlich Präzision und Normentiefe sicherlich Benchmark in der Autoindustrie. Vor einer Vergabe auditieren wir die Fertigungsstätten des Lieferanten im In- und Ausland. Nach der Vergabe sichern wir den Reifegrad im Produktentwicklungsprozess nach der VDA-RGA-Methode standardisiert ab. Das reicht vom Entwicklungs- und Projektmanagement über Mitarbeiterschulung und Verlauf der Industrialisierung bis zur Werkzeugbestellung. Und vor dem Serienanlauf der Komponente oder des Moduls nehmen wir die Anlage unter Volllast ab. Mit diesem mehrstufigen Prozess haben wir gemeinsam mit dem Lieferanten die Qualität gut im Griff.
Dr. Marquardt: Da wir wissen, wie Daimler dabei vorgeht, verfolgen wir bereits von uns aus diese Richtung. Natürlich müssen wir den Beweis dafür erbringen. An anderer Stelle ist es natürlich auch unser eigener Anspruch, dass wir die Premiumqualität an allen unseren Entwicklungs- und Produktionsstandorten gewährleisten können. „Made in Germany“ ist noch sehr viel Wert auf der Welt, insbesondere außerhalb Deutschlands. Also setzen wir die Qualitätsstandards auf gleichem, hohem Niveau überall um – ob in Asien, Afrika oder Amerika. Für ein Premiumprodukt wie Mercedes können wir als direkter Zulieferer keine unterschiedlichen Qualitätsstufen anbieten. Der Kunde erwartet an jeder Stelle Premium, auch bei den Teilen.
Wie groß ist der Wertbeitrag des Einkaufs zum Innovationsmanagement?
Dr. Zehender: Mit seiner Kenntnis der Lieferantenlandschaft beeinflusst der Einkauf auch technische Inhalte oder sogar Designausprägungen. Schließlich wissen unsere Einkäufer genau, welcher Lieferant welche Funktionalität in welchen Regionen bieten kann. Der Einkauf hat heute also eine ganz andere Rolle als der sprichwörtliche Kostendrücker alter Prägung. Indem er mitgestaltet, im Produktentstehungsprozess sehr früh mitdiskutiert, kann er die globale Lieferantenlandschaft entsprechend optimal steuern und damit einen noch größeren Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten.
Dr. Marquardt: Das können wir nur unterstreichen. In diesem Punkt verhält es sich bei OEM und Zulieferer gleich: Auch wir sind eng mit unseren Partnern in Kontakt, besprechen Neuerungen, Verbesserungen sowie Ideen im Hinblick auf die optimale Begleitung des Produktentstehungsprozesses.
Wie wird der zunehmend höhere Lokalisierungsgrad die Zulieferlandschaft bei Daimler verändern?
Dr. Zehender: Die Lieferantenlandschaft wird vor allem durch zwei Faktoren beeinflusst: Einerseits erhöht der Ausbau der Modulstrategie unsere Effizienz. Indem wir Fahrzeuge über mehrere Baureihen hinweg mit attraktiven Modulen durchsetzen, erzielen wir Skaleneffekte, die wir wieder in Innovationen für Kunden investieren. Tendenziell senkt das die Lieferantenzahl. Unter dem Strich bleibt sie aber gleich, weil es andererseits auch Treiber nach oben gibt. Dazu gehören neben der verstärkten Lokalisierung natürlich neue Innovationsfelder wie die Elektromobilität. Da stoßen ganz neue Lieferanten hinzu.
Dr. Marquardt: Das Thermomanagement wird für uns ein interessantes neues Geschäftsfeld. Auslöser dafür ist, dass die Automobilhersteller verstärkt nach Innovationen suchen, die das Batteriemanagement effizienter und nachhaltiger gestalten. Fahrzeuge können noch sparsamer und komfortabler werden, sofern die Antriebstechnologien revolutioniert werden und elektrische Leistungsspeicher die Prozesse unterstützen. Unser neues Batteriemanagementsystem trägt dazu bei.
Auf welchem Qualitätsniveau sind die neuen regionalen Zulieferer?
Dr. Zehender: Mit denen, die wir in den Regionen vorgefunden oder gezielt neu entwickelt haben, sind wir sehr zufrieden. Die Audits vor einer Vergabe und unseren Qualitätsprozess betreiben wir auch hier bereits seit einigen Jahren. Dadurch unterscheiden sich die neuen Zulieferer in den Regionen qualitativ und immer mehr auch innovativ nicht mehr von den etablierten. Aber die eigentliche Dynamik setzt erst noch ein. Diese Lieferanten streben aus ihrer Region heraus das an, was beispielsweise Marquardt von Deutschland aus macht: Sie wollen mit uns nach Europa, USA und Mexiko, dort gemeinsam mit uns wachsen. Der Wettbewerb wird damit noch globaler.
Welche Perspektive haben dann Zulieferer am Standort Deutschland?
Dr. Zehender: Wir brauchen Lieferanten wie Marquardt, die mit einer soliden Heimatbasis das bewahren, was sie hierzulande leisten, aber gleichzeitig ihre Chancen in den Wachstumsregionen nutzen. Mit einem regionalen Footprint in Osteuropa, China und Mexiko kann ein Lieferant dort wettbewerbsfähig anbieten, wo sich vor allem das Wachstum abspielt. Auch Daimler produziert in Deutschland und baut gleichzeitig Kapazitäten zum Beispiel in China, Mexiko, USA und Südafrika aus. Unsere Zulieferer sollten es uns gleich tun. Die deutsche Industrie kann ihre besondere Stärke bewahren, wenn sie die Entwicklung aktiv mitgestaltet. Ein Verharren angesichts der globalen Dynamik und Konkurrenz aus den Wachstumsmärkten halte ich für nicht zukunftsfähig.
Herr Dr. Marquardt, wie bringt man das Beste aus zwei Häusern zusammen?
Dr. Marquardt: Ein engagierter Mitarbeiterstab auf beiden Seiten ist wichtig, aber auch, dass deren Kompetenzen und die Fähigkeiten gegenseitig geschätzt werden. Vertrauen gehört ebenso dazu. All das ist zwischen Daimler und Marquardt schon lange gegeben. Ein Beispiel für das Zusammenspiel ist das Fahrberechtigungssystem. Nach Vorgabe von Daimler haben Teams aus beiden Häusern gemeinsam am Entwicklungsprozess gearbeitet. Auch das ist ein Grund dafür, dass wir sowohl bei der Diebstahlsicherheit als auch der Wettbewerbsfähigkeit seit 20 Jahren die Nase vorn haben.
Dr. Zehender: Zusammenarbeit ist das Stichwort schlechthin. Wir möchten ja einem Partner nicht haarklein diktieren, was er wie machen soll. Im Gegenteil: Wir wollen heute und in Zukunft einen aktiven, auch kritischen Lieferanten, dem wir zuhören. •

Der OEM und sein Zulieferer
Dr. Klaus Zehender (48) ist seit März 2014 Mitglied des Bereichsvorstands Mercedes-Benz Cars und zuständig für Einkauf und Lieferantenqualität. Den vormaligen Einkaufsbereich Procurement & Supplier Quality der Daimler AG leitete er bereits seit März 2011. In dieser Funktion verantwortet er den Produktionsmaterial-Einkauf und die Lieferantenqualität für die Pkw der Marken Mercedes-Benz und Smart sowie für die Transporter der Marke Mercedes-Benz. Dr. Zehender ist diplomierter Wirtschaftsingenieur der Universität Karlsruhe. Parallel zur anschließenden Beratertätigkeit bei McKinsey promovierte er im Fachbereich Betriebswirtschaft an der Universität Stuttgart. Bei Daimler ist er seit 1996.
Dr. Harald Marquardt (54) ist geschäftsführender Gesellschafter der Marquardt GmbH und führt den Automobilzulieferer in dritter Generation. 1996 tritt er die Nachfolge seines Vaters an. 1925 in Rietheim-Weilheim gegründet, hat die Marquardt GmbH Ende Juni ihr 90-jähriges Firmenjubiläum gefeiert. In dieser Zeit hat sich der ehemalige Schalterproduzent zu einem führenden Hersteller von elektromechanischen und elektronischen Schaltern und Schaltsystemen sowie zum Weltmarktführer bei Elektrowerkzeugschaltern entwickelt. Rund 2500 der weltweit mehr als 8000 Mitarbeiter sind am Standort Deutschland beschäftigt. Gut 10 % des Jahresumsatzes in Höhe von 830 Mio. Euro werden in F&E investiert •
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