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ECTA-Präsident Horn über die europäische Präzisionswerkzeugbranche

Präzisionswerkzeuge
ECTA-Präsident Markus Horn über die Lage in der europäischen Präzisionswerkzeugbranche

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„Die digitale Abwicklung verschiedener Prozesse wird auch in der Post-Corona-Zeit Bestand haben“, sagt Markus Horn. Der Präsident der European Cutting Tools Association (ECTA) ist aber auch sicher, dass digitale Abläufe den persönlichen Kontakt nie vollständig ersetzen können. Im Hauptberuf gehört Horn der Geschäftsleitung der Tübinger Paul Horn GmbH an. Bild: Horn/Sauermann
Die Präzisionswerkzeug-Hersteller Europas leiden massiv unter den Corona-Folgen und weltweitem Protektionismus. Trotz aller Herausforderungen sieht ECTA-Präsident Markus Horn aber auch, dass die aktuelle Situation der Branche Chancen bietet, die es jetzt zu nutzen gilt. ❧

Mona Willrett

Herr Horn, Anfang des Jahres sprachen wir über Konjunkturschwäche und Handelskriege. Inzwischen ist viel passiert. Wie geht es der Branche derzeit?

Zu der sich bereits im letzten Jahr abzeichnenden Konjunkturschwäche sowie dem weltweit eskalierenden Protektionismus kam 2020 noch der Dampfhammer Corona. Die Branche der Zerspanwerkzeuge und der Spannmittel leidet – wie viele andere – sehr unter den Konsequenzen. In Europa hat die Corona-Krise je nach Land unterschiedliche Auswirkungen. Beim Auftragseingang reden wir hier von einem Minus zwischen 40 und 60 Prozent im zweiten Quartal. Laut Umfragen des VDMA lag der Tiefpunkt im Mai, als 85 Prozent der Mitglieder von gravierenden Nachfragestörungen berichteten. Trotz leichter Entspannung blieb die Situation zuletzt schlecht. Anfang Juli bewerteten noch 53 Prozent die Nachfragestörungen als gravierend und immerhin 45 Prozent als nur noch merklich. Diese Nachfragerückgänge kommen im Wesentlichen aus Europa. Aber auch die USA und Asien spielen dabei eine Rolle. Wobei hingegen China aktuell einen spürbaren Aufwärtstrend verzeichnet. 

Mit welchen Maßnahmen versuchten die Betriebe der Situation Herr zu werden?

Die Unternehmen waren je nach Land und nach Eintrittszeitpunkt unterschiedlich hart betroffen. Zum Glück mussten aber die meisten Betriebe in der schlimmsten Phase nicht komplett schließen. Italien und Spanien waren jedoch von einem landesweiten Lockdown betroffen. Die Unternehmen, die dort zumindest einen Teilbetrieb aufrechterhalten konnten, haben alles dafür getan, ihre Mitarbeiter und Kunden vor einer Ansteckung mit Corona zu schützen. Neben einer breiten Palette von Hygienemaßnahmen setzten sie dazu unter anderem auf neue Schichtmodelle, räumliche Trennung und reduzierte Arbeitszeiten. Problematisch für Lieferanten war natürlich, dass sich die meisten Unternehmen vollständig abschotteten und Außendienstmitarbeiter gar nicht erst empfingen. Dementsprechend konnten viele Geschäfte nicht abgewickelt werden.

Wie sieht die Lage in den Teilbranchen der Präzisionswerkzeuge aus?

Unser europäischer Verband ECTA unterscheidet in die Teilbranchen Verbrauchsgüter, darunter fallen Zerspanwerkzeuge, und Investitionsgüter, also die Spannmittel. Bei den Zerspanwerkzeugen ist sowohl das Projektgeschäft als auch der generelle Verbrauch zurückgegangen, allerdings waren die Rückgänge nicht ganz so massiv wie bei den Spannmitteln. Es wurde weiterhin zerspant, wenn auch in einem deutlich geringeren Umfang als im Vorjahr. Im Hinblick auf die Spannzeuge muss man ganz klar sagen: Investitionen wurden aufgrund der unsicheren Situation oft so weit wie möglich zurückgefahren, verschoben oder ausgesetzt.

Wie unterscheiden sich die Entwicklungen in wichtigen europäischen Ländern?

Deutschland ist weiterhin der größte und wichtigste Absatzmarkt. Im zweiten Quartal haben sich die Auftragseingänge wegen Corona hier im Branchendurchschnitt halbiert. In Spanien gab es von April bis Mai einen Lockdown. Hier waren vor allem die Kundenbranchen Aerospace und Automotive betroffen. Aufgrund des daraus resultierenden Produktionsrückgangs wurden die Kapazitäten angepasst, vor allem durch Kurzarbeit. In stark exportgetriebenen Ländern wie der Schweiz sind die Zahlen analog zu den Abnehmerländern eingebrochen. Für den Schweizer Zerspanungsmarkt ist ein Rückgang um 25 bis 30 Prozent realistisch. Dazu kommt noch der Schweizer Franken, der das Exportgeschäft nicht positiv beeinflusst. Frankreich verzeichnet ebenfalls ein Minus von 25 bis 30 Prozent bei den Zerspanwerkzeugen sowie 30 bis 50 Prozent in der Metallbearbeitung. Kurzarbeit, Steuerstundungen und weitere liquiditätssichernde Maßnahmen sollen dort die Folgen mindern. In Italien haben 90 Prozent der Unternehmen 80 Prozent Kurzarbeit angemeldet. Der Lockdown wurde zwar wieder aufgehoben, dennoch ist der Auftragseingang um etwa 50 Prozent zurückgegangen. Allerdings gibt es Anzeichen für eine Besserung. In England schwächeln vor allem die Branchen Aerospace und Automotive. Ein Umsatzrückgang in der Zerspanung um 20 bis 30 Prozent für das Jahr 2020 ist daher denkbar.

Wie sieht‘s im Rest der Welt aus?

Mit Blick über den Tellerrand hinaus plant die australische Zerspan- und Spannmittelbranche ‚nur‘ mit einem Umsatzrückgang von 10 Prozent. China hat sich recht schnell wieder erholt. Die USA sind stark von Corona gebeutelt, die Branchenkonjunktur ist dort aber weniger stark eingebrochen als in Europa. Generell sind die weltweiten Reisebeschränkungen und Quarantäne-Regelungen einerseits zur Pandemieeindämmung sinnvoll, andererseits aber behindern sie die Geschäfte, insbesondere natürlich in internationaler Hinsicht.

Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Blickt man in die USA und in Länder wie Brasilien, merkt man, dass uns das Thema Corona noch eine Weile beschäftigen wird. Folglich beeinflusst die Pandemie auch in den kommenden Monaten die Weltwirtschaft. Aufgrund der positiven Entwicklungen in einigen Ländern bleibt die Hoffnung, dass wir keine zweite Welle bekommen und die Pandemie generell weiter abflacht. Das würde zu einer wirtschaftlichen Stabilisierung Richtung Jahresende führen. Das Beispiel China lehrt uns, dass die Verantwortlichen bei einem Wiederaufflammen der Pandemie die bisherigen Erfahrungen konsequent nutzen und vor allem schnell reagieren müssen, um die Wirtschaft vor weiterem Schaden so gut wie möglich zu bewahren. Denn im Endeffekt sichert nur eine funktionierende Wirtschaft mit erfolgreichen Unternehmen die Existenz der Menschen.

Was sollten die Unternehmen in der aktuellen Situation tun?

Jetzt ist die Zeit, seine Organisation zu straffen. Wir müssen zugleich sparen und in die Zukunft investieren. Das bedeutet auch, neue Prozesse zu implementieren. Indem wir verstärkt digitale Kanäle – etwa für Videokonferenzen – nutzen, lassen sich in gewissen Bereichen die Reisekosten senken und die Produktivität steigern. Die gewonnene Zeit sollten wir nutzen, um Prozesse und Abläufe zu optimieren – vor allem in der Produktion. Hier gab es in den letzten zehn Jahren aufgrund der guten Auftragslage kaum Zeit für größere Verbesserungen. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei auch, die Mitarbeiter zu qualifizieren. Und last but not least ist es aus meiner Sicht notwendig, die Hygiene- und Abstandsmaßnahmen weiterhin aufrecht zu erhalten und die Unternehmen soweit wie möglich zu einem risikominimierten Arbeitsbereich zu entwickeln.

Wie hat sich das Geschäft in den vergangenen Monaten verändert?

Themen wie eCommerce und eMeetings haben starken Auftrieb erhalten. Aber auch das klassische Telefonat wird wieder vermehrt genutzt. Fachmessen, einer unserer wichtigsten Begegnungsorte mit Kunden, finden aktuell leider kaum statt. Ein erster Lichtblick ist hier das AMB Forum der Messe Stuttgart am 17. September. Dessen Konzept zeigt, dass Präsenz und Digital nicht zwingend in Konkurrenz stehen müssen, sich vielmehr sinnvoll ergänzen können. Grundsätzlich ist die Kundenkommunikation effektiver geworden. Es wird auf Unnötiges verzichtet und sich auf das Wesentliche konzentriert. Das ist eine positive Entwicklung der vergangenen Monate. Ein Kommunikationskanal, den in einer Krise oft der Rotstift trifft, sind die Fachmagazine. Doch sie werden trotz aller Digitalisierung nicht überflüssig. Sie erreichen wichtige Zielgruppen und bieten ihnen aufbereitete und gezielte Informationen. Onlinemedien glänzen hingegen oft mit einer Informationsflut, durch die man sich erst durcharbeiten muss.

Ab wann und unter welchen Bedingungen halten Sie Messen wieder für wirtschaftlich interessant und sinnvoll durchführbar? 

Ein Großteil der Messen wurden verschoben oder abgesagt. Ich habe erhebliche Zweifel, ob größere und insbesondere internationale Messen in diesem Jahr überhaupt eine Chance haben. Weder Besucher noch Aussteller wollen ein gesundheitliches und wirtschaftliches Risiko eingehen. Durch den zwangsweisen Verzicht auf Messen sehen wir aber umso klarer, welch wichtige Rolle sie spielen. Sie bringen Menschen zusammen und ermöglichen den Informationsaustausch und die Beziehungspflege. Wir warten sehnlich auf die Zeit, in der wieder risikoarme, persönliche Begegnungen möglich sind. Wenn man sich den vollen Messekalender ansieht, habe ich die Hoffnung, dass 2021 ein spannendes Jahr werden könnte.

Wie werden die Erfahrungen aus dieser Krise die Post-Corona-Zeit beeinflussen?

Das ist von der jeweiligen Branche abhängig. Ich denke, dass die veränderten Reisegewohnheiten und die digitale Abwicklung verschiedener Prozesse Bestand haben werden. Aber auch hier gilt – digitale Medien können den persönlichen Kontakt nie vollständig ersetzen. Wahrscheinlich wirken sich das gesteigerte Bewusstsein für Hygiene und eine veränderte Wohlfühldistanz längerfristig auf die Zusammenarbeit in den Unternehmen, die Planung von Messeständen und den Umgang mit Kunden aus. Und schließlich halte ich es für möglich und sinnvoll, dass in verschiedenen Branchen der Trend zu resilienteren Wertschöpfungsketten anhält und Lieferstrukturen verändert.

Welchen Einfluss haben die letzten Monate auf technische Entwicklungen und Trends?

In der Tat ist es eine ungewohnte Herausforderung, den Innovationsdrang und die Innovationsgeschwindigkeit ohne den Taktgeber Fachmesse beizubehalten. Normalerweise werden Innovationen unter dem Zeitdruck einer bevorstehenden Messe fertig entwickelt. Jetzt müssen wir ersatzweise auf anderen Wegen dafür sorgen, dass Innovationen dennoch zeitgerecht in den Markt kommen. Und das werden sie. In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein wichtiges Branchen-Event hinweisen: Am 6. November findet das Innovationsforum Präzisionswerkzeuge – IFP 2020 der GFE Schmalkalden und des VDMA Präzisionswerkzeuge statt.

Ein Ziel der ECTA besteht darin, die Standardisierung im technischen Bereich voranzutreiben. Wie ist der Stand hier? 

Die wirtschaftlich ruhigere Zeit gibt den Unternehmen auch in diesem Bereich die Gelegenheit, sich endlich intensiver mit den Themen auseinanderzusetzen. Jetzt ist die Zeit, um freie Kapazitäten zu nutzen und bereits vorhandene Standardisierungen im eigenen Unternehmen zu implementieren.

Welche Auswirkungen haben die Corona-Folgen auf die angestrebte engere europaweite Zusammenarbeit? 

Corona gilt oft als Hemmfaktor – vor allem aufgrund der Reisebeschränkungen. Trotzdem bietet die aktuelle Situation auch eine Chance für gemeinsame Lösungsansätze. Das geht bereits beim Erfahrungsaustausch los. Er kann helfen, über den Tellerrand hinauszuschauen und wieder den notwendigen unternehmerischen Weitblick zu erhalten. Und der Austausch fördert zudem das Bewusstsein, dass der europäische Markt weltweit weiterhin einer der attraktivsten ist und dass wir in Europa technologisch und qualitativ führend sind.

Kontakt:

ECTA – European Cutting Tools Association
c/o VDMA Precision Tools
Lyoner Strasse 18
60528 Frankfurt/Main
Tel.: +49 69 6603 1467
www.ecta-tools.org

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