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Fertigungsplattformen beschleunigen die digitale Blechfertigung

Blechfertigung
Fertigungsplattformen beschleunigen die digitale Blechfertigung

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Mit allen Möglichkeiten der Digitalisierung erarbeiten sich Fertigungsplattformen den Weg in die Blechbranche. Sie automatisieren die administrativen Vorgänge und lassen in einem Netzwerk externer Blechbearbeiter fertigen. Wird so die digitale Zukunft der Blechbearbeitung aussehen?

Volker Albrecht
Freier Journalist in Bamberg

„Einkäufer, die sonntagabends noch privat beim Online-Anbieter am PC bestellt haben, mühen sich montags bei ihren geschäftlichen Bestellungen im Büro mit E-Mail, Telefon und Fax ab“, sagt Christoph Rößner. „In einem Hightech-Land wie Deutschland sollte das nicht die Regel sein“, betont der Mitgründer von Laserhub, einer Online-Fertigungsplattform für Blech- und Metallteile. Das Unternehmen ist einer der Treiber in der Digitalisierung der Blechteilebeschaffung, die dem Anschein nach nur zögerlich vorankommt. Viele konventionelle Lohnfertiger setzen zwar hochautomatisierte Fertigungssysteme ein, scheuen aber den Aufwand und die Kosten, eine eigene digitale Bestellplattform zu implementieren.

Online-Fertigungsplattformen wie die Stuttgarter Laserhub GmbH oder die Schweizer Blexon AG nutzen diese Lücke und bieten dem Kunden den Zugriff auf Blech- und Metallteile mit einem digital vereinfachten Bestellvorgang – CAD-Zeichnung hochladen, Menge, Material und Liefertermin angeben und innerhalb von Minuten erscheint ein Angebot auf dem Bildschirm. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Vom Hochladen der CAD-Zeichnung über die Machbarkeitsprüfung der Teile, von der Kalkulation der Kosten bis zur Erstellung eines Angebots und zur Auftragsbestätigung, von der Organisation der Logistik bis zur Rechnungsstellung und Reklamationsbearbeitung – das alles ist durchdigitalisiert und läuft automatisch ab. Zudem übernehmen die Online-Plattformen das Marketing und die Werbung und sind für die Kunden der Auftragnehmer, der für die Durchführung des Auftrags geradesteht. Wesentlicher Unterschied zu Blechbearbeitungsunternehmen mit eigenen Webshops wie 247TailorSteel oder Laserteile4You: Die Fertigungsplattformen produzieren nicht selbst, sie haben keine eigenen Maschinen und sie sind nicht auf die Möglichkeiten eines eigenen Maschinenparks beschränkt. Gefertigt werden die Bauteile stattdessen bei selbständigen unabhängigen Unternehmen eines Fertigungsnetzwerks in – je nach Plattform – Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei Blexon sind es derzeit sechs produzierende Unternehmen im Netzwerk, bei Laserhub sind es etwa 50.

Diese Online-Fertigungsplattformen ersparen Einkäufern das Suchen nach geeigneten Fertigungspartnern mit aktuell freien Kapazitäten, verkürzen die Lieferzeiten und vermeiden durch Medienbrüche verursachte Fehler. Den angebundenen Fertigungsunternehmen erspart es den Vertriebs- und Verwaltungsaufwand sowie die Investitionen in Online-Aktivitäten. Kunde und Fertigungsunternehmen kommen dabei nicht in direkten Kontakt.

Die Software macht den Unterschied

Wirtschaftlich werden die Online-Plattformen durch die vollständige Digitalisierung und Automatisierung der administrativen Vorgänge rund um einen Auftrag. In mehr als 90 % der Vorgänge müsse kein Mitarbeiter mehr eingreifen, bestätigen sowohl Laserhub-Geschäftsführer Christoph Rößner als auch Bruno Kaelin, Geschäftsführer von Blexon. „Letztlich rechtfertigt die Vereinfachung durch Digitalisieren der Verwaltung erst die Marge der Online-Plattformen“, betont Kaelin.

Einen Unterschied zwischen den Plattformen macht die Software, was sich am hohen Aufwand für die Softwareentwicklung spiegelt. Bei Laserhub sind etwa 24 der 51 Mitarbeiter an der Software-Entwicklung beteiligt. Drei Teilbereiche machen den Unterschied: die automatische Machbarkeitsprüfung, die Kalkulation und Preisgestaltung sowie die Anbindung der Produzenten und das Verteilen der Aufträge.

Voraussetzung für eine automatische Machbarkeitsprüfung ist, dass die Software alle Konstruktionselemente wie Biegungen oder auch Senkungen und Gewinde erkennt. Erst dann kann geprüft werden, ob standardisierte Konstruktionsrichtlinien etwa für Laser- oder Biegeteile eingehalten sind. Sind beispielsweise die Biegeradien kleiner als die Blechdicke, gibt die Software eine Fehlermeldung aus. Bei positiver Machbarkeitsprüfung kalkuliert das System automatisch die Teilekosten. Dabei werden maschinen- und werkzeugbezogene Daten genutzt, um Produktionszeiten, Nebenzeiten, Gasverbrauch, Materialkosten und ähnliches zu ermitteln.

Im weitesten Sinne arbeiten die Online-Fertigungsplattformen mit einem für ihre Zwecke reduzierten digitalen Zwilling des kompletten Produktionsnetzwerks, von den eingesetzten Maschinen bis zum Transportdienstleister. „Wir haben die Maschinen und einen Großteil der Werkzeuge unserer Produzenten im System, das damit weiß, wer ein Teil fertigen kann“, sagt Rößner.

Wie die Blechfertiger an ihre Aufträge kommen

Sowohl Laserhub als auch Blexon wählen ihre Produzenten gezielt aus. „Sie sollten zur Champions League ihrer Branche gehören“, so Rößner. Grundvoraussetzung sind eine ISO9001-Zertifizierung und ein moderner Maschinenpark. Zu kleine Firmen seien häufig nicht flexibel genug, um auf kurzfristige Aufträge zu reagieren; zu große Firmen stellten die Online-Fertiger bei der Auftragsbearbeitung oft zu weit hinten an. Der typische Blechfertiger bei Laserhub sei eigentlich der typische inhabergeführte Blechfertiger in Deutschland mit drei oder vier Lasermaschinen, einer dazu korrespondierenden Zahl an Biegemaschinen, Entgrattechnik und gegebenenfalls auch Lackiertechnik.

„Wir wollen bei den Produzenten zu den Top-Kunden zählen“, sagt Rößner. Denn damit verschaffe man den eigenen Kunden einen Zugang zu hochwertigen Blechbearbeitern, an die sie im konventionellen Markt mit ihren oft kleinen Aufträgen nicht herankommen. Indem die Fertigungsplattformen ihre Einzelaufträge fertigungsgerecht aufbereitet zusammenfassen, sind sie für den Blechfertiger als größerer Auftrag mit extrem geringem Verwaltungsaufwand attraktiv – statt 30 kleiner Einzelaufträge nur ein Auftrag mit 30 Einzelposten.

Beziehung zwischen Plattform und Fertigungsunternehmen

Die Produzenten sind an das System der Fertigungsplattformen über ein eigenes Produzentenportal angebunden. Dort können sie angeben, welche Maschinen sie zur Verfügung haben, welche Materialien sie bevorzugt bearbeiten und auf welche Materialien oder Bearbeitungen sie spezialisiert sind – etwa auf extralange Bauteile. Und hier können sie beispielsweise auch angeben, welches Material gerade im Lager liegt.

Welche Aufträge an welche Fertigungsunternehmen vergeben werden, darüber entscheidet in den Algorithmen ein ganzer Strauß von Kriterien. Dazu gehören die Entfernung zum Kunden ebenso wie die Spezialitäten des Fertigungsunternehmens, die vorhandenen Maschinen oder auch das vorhandene Material. „Ziel ist es, den Fertigungsunternehmen die Aufträge zukommen zu lassen, die am besten zu ihnen passen“, erklärt Rößner. Gleichzeitig soll dabei für das Fertigungsunternehmen auch ein passendes Auftragsvolumen zusammenkommen. Sowohl Rößner als auch Bruno Kaelin wollen dabei nicht mehr als 15 bis 20 % des Gesamtvolumens eines Fertigungsunternehmens auslasten.

Wie dieses Auftragsvolumen gebucht wird, darin unterscheiden sich die beiden Plattformen. Blexon vereinbart mit seinen Fertigungsunternehmen wöchentliche Auftragsvolumina. „Wir füllen sozusagen den Auftragskorb des jeweiligen Produzenten über die Woche bis zum vereinbarten Volumen auf.“ Das muss dann bis zum jeweiligen Liefertermin abgearbeitet sein. Wie und wann abgearbeitet oder mit Fremdaufträgen geschachtelt wird, bleibt dem Fertiger überlassen.

Transparenz und offene Kalkulation

Laserhub übermittelt die passenden Aufträge an den Produzenten über das Produzentenportal, jeweils gelistet nach Liefertermin. Das Fertigungsunternehmen kann den Auftrag annehmen oder ablehnen. „Wir geben bei jedem Produzenten einen Preis vor. Wir kaufen sozusagen auf Zielkosten bei den Produzenten ein“, erläutert Rößner. Dazu lege Laserhub seine Kalkulation sehr weit offen. Schon in der ersten Prüfung des Auftrags sieht das Fertigungsunternehmen, welche Schneidzeiten, welche Arbeitszeit per se für diesen Auftrag zugrunde gelegt ist, wie viel Geld für die Arbeitsvorbereitung zur Verfügung steht, wie viel für Versand und Materialkosten. Das Fertigungsunternehmen könne so sehr schnell sagen kann, ob der Auftrag passt oder nicht. „Aber in der Regel passen die Kalkulationen, weil wir die Produzenten gut kennen. Wenn man weiß, das ist ein preissensibler Produzent, dann gibt man ihm eher die kurzfristigen Aufträge mit einer höheren Marge.“

Auch bei Laserhub arbeitet das Fertigungsunternehmen den Auftrag wie jeden anderen Auftrag bei sich ab. Dazu werden alle Auftragsdaten über entsprechend installierte Schnittstellen ins ERP- oder CAM-System des Fertigers automatisch übermittelt. Das Erstellen der CNC-Programme sowie das Schachteln und zeitliche Abarbeiten der Aufträge obliegen dem Fertigungsunternehmen. Selbst die Logistik übernehmen dann die Fertigungsplattformen. Ein Algorithmus organisiert automatisch die Logistik für den Auftrag und bucht über eine Schnittstelle zu den Lieferdiensten oder Frachtdienstleistern direkt den Transport. Der Produzent muss die Ware lediglich mit einem Versandlabel versehen und zur Abholung bereitstellen.

Bruno Kaelin hat sich mit Blexon aktuell darauf festgelegt, mit Fertigungsunternehmen zusammenzuarbeiten, die Trumpf-Systeme betreiben. Die entsprechenden Schnittstellen sind alle vorhanden und optimiert. Auch Laserhub ist zunächst mit der Anbindung von Trumpf-Systemen an den Start gegangen, bindet mittlerweile aber auch andere Systeme ein. „Wir bauen in unserem Produzentenportal eine individuelle Schnittstelle in Richtung Produzent auf. Bei Trumpf-Systemen haben wir die Anbindung schon vielfach gemacht. Für andere Systeme haben wir jetzt eine weitestgehend standardisierte Schnittstelle geschaffen, sodass wir mit geringem Aufwand auf beiden Seiten schnell implementieren können.“ Besondere Anforderungen an die Software beim Fertigungsunternehmen gibt es nicht.

Auf dem Weg zum digitale Marktplatz für Blechteile

Die Fertigungsplattformen treten mit unterschiedlichen Konzepten an. Bruno Kaelin und die Schweizer Blexon AG fokussieren zurzeit auf Laser- und Abkantteile: „Wir wollen nicht alles anbieten, was eine Blechfertigung hergibt, sondern nur das, was wir bereits wirklich durchdigitalisiert haben. Also alles, was vollautomatisch auf die Maschine kommt und ohne Fertigungszeichnung hergestellt werden kann, sodass der Fertigungspartner möglichst wenig Aufwand mit dem Auftrag hat. Wir entwickeln aber ständig weiter und werden Anfang 2021 das Portfolio um Blechumformungen wie Gewinde und Senkungen erweitern“

Laserhub startete vor drei Jahren mit einem ähnlichen Ansatz, ist laut Christoph Rößner aber bereits einen Schritt weiter: „Nachdem wir uns anfangs vor allem darauf konzentrierten, die Herstellung von Blechteilen in ihrer gesamten Tiefe abzubilden, erweitern wir aktuell Monat um Monat unsere Vielfalt.” Nach Blechteilen gehören daher schon heute auch Rohrlaserteile und Drehteile zum Sortiment. Schweißbaugruppen und andere Themen, die in die Fertigungstiefe gehen, sollen in Zukunft dazu kommen und werden schon für Premiumkunden angeboten.

Fertigungsunternehmen und insbesondere die Blechbearbeiter haben in den letzten Jahren viel in die Automatisierung und Digitalisierung ihrer Maschinentechnik investiert. Die Digitalisierung der Vertriebsseite wurde häufig vernachlässigt. Genau dort liegt aber der Bedarf. Online-Fertigungsplattformen können diese Lücke mit guten Chancen schließen, zumal sie sich solitär auf die Entwicklung des „digitalen Vertriebs“ konzentrieren können, ohne in Maschinentechnik investieren zu müssen. Welche Idee sich insgesamt durchsetzt, ob Webshops einzelner Blechfertiger, Beschaffungsplattformen, Fertigungsplattformen oder vielleicht ganz neue Ansätze, das wird sich zeigen. Das Ringen um die beste Idee im Markt hat erst begonnen.

Kontakt:

Laserhub GmbH
Eberhardstraße 1
70173 Stuttgart

Tel.: +49 711 899898 – 00
www.laserhub.com

Blexon AG
Mosenstrasse 53a
CH – 8854 Galgenen
Schweiz
Tel.:+41 55 440 88 60
www.blexon.com

H.P. Kaysser GmbH + Co. KG
Hans-Paul-Kaysser-Straße 4
71397 Leutenbach-Nellmersbach
Tel. +49 7195 188–0
www.laserteile4you.de

247TailorSteel B.V.
Markenweg 11
7051 HS Varsseveld
Niederlande
Tel.: +31 315 270 375
www.247tailorsteel.com

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