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VDW-Chef Dr. Schäfer über die Lage der Werkzeugmaschinen-Branche

Werkzeugmaschinen
VDW-Chef Dr. Wilfried Schäfer über die aktuelle Lage der Werkzeugmaschinen-Branche

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„Die Juni-Zahlen haben sich besser entwickelt als erwartet. Führende Marktindizes zeigen ebenfalls eine positive Entwicklung in allen wichtigen Märkten. Das hat uns zugleich überrascht und gefreut“, sagt Dr. Wilfried Schäfer. Er ist Geschäftsführer des Vereins Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken e.V. (VDW) in Frankfurt/M. Bild: VDW
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Werkzeugmaschinen werden auch in Corona-Zeiten gebraucht. Dennoch leidet die Branche unter dem Lockdown, der die Absatzzahlen einbrechen ließ. Über die aktuelle Lage und wie die Erfahrungen aus der Krise das Geschäft verändern, berichtet VDW-Chef Dr. Wilfried Schäfer. ❧

Mona Willrett

Herr Dr. Schäfer, wie werden die Erfahrungen aus der Corona-Krise die Werkzeugmaschinen-Branche verändern?

Ich glaube nicht, dass die Ereignisse der vergangenen Monate unsere Branche grundlegend verändern werden. Der unmittelbare Effekt war ein dramatischer Einbruch beim Auftragseingang. Das aber allein an Corona festzumachen, ist zu kurz gegriffen. Unsere Mitglieder haben viel Erfahrung darin, mit konjunkturellen Schwankungen umzugehen. Trotzdem ist es jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung, den jeweils besten Weg durch die Krise zu finden. Dazu gehört ja nicht nur, die aktuellen Schwierigkeiten zu bewältigen, sondern auch, sich für die Zeit danach optimal aufzustellen. Im Unterschied zur Krise von 2008/09 erschweren jetzt die Reisebeschränkungen das Geschäft zusätzlich. Um das in den Griff zu bekommen, werden künftig sicherlich vermehrt digitale und virtuelle Formate zum Einsatz kommen. Aber die werden das persönliche Gespräch auf keinen Fall ersetzen können.

Wie wirkt sich die Krise auf Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aus?

Das ist die Gretchenfrage: Wie verteile ich in diesen Zeiten meine Kapazitäten auf die einzelnen Bereiche und Projekte? Natürlich geht das nicht, ohne sich zu fokussieren, und dabei besteht immer auch die Gefahr, aufs falsche Pferd zu setzen. Trotz aller Bemühungen, die Kosten in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, auch in diesen Zeiten neue, innovative Produkte zu entwickeln, die die Kunden begeistern und ihnen einen realen Nutzen bieten. Nur so wird man nach der Krise weiterhin erfolgreich sein. An dieser Stelle geht die Schere zwischen den guten und den nicht ganz so guten Unternehmen immer weiter auf.

Was bedeutet das für die deutschen Anbieter im internationalen Wettbewerb?

Von der aktuellen Situation sind alle Herstellernationen in gleicher Weise betroffen. Wir sprechen hier von einer Pandemie. Ich erwarte nicht, dass ein Land im Ranking wesentlich zurückfallen wird. Inwieweit die jeweiligen Rahmenbedingungen den Start aus der Krise heraus begünstigen werden, das wird sich noch zeigen müssen. Ich sehe an dieser Stelle aber keine signifikante Veränderung oder gar Gefahr für die deutschen Werkzeugmaschinenhersteller.

Welche Maßnahmen sind jetzt gefordert, um den künftigen Erfolg zu sichern?

Auf politischer Ebene sind die Maßnahmen durchdiskutiert und alle wesentlichen Instrumente aktiviert. Wir müssen jetzt schauen, wie die Unternehmen sie aufgreifen und welche Wirkungen daraus resultieren. Wir als Verband versuchen, unsere Mitglieder mit möglichst vielen Informationen zu versorgen und sie so auf neue Entwicklungen vorzubereiten. Wir unterstützen bei der Kommunikation und zeigen Wege auf, wie man selbst in diesen schwierigen Zeiten seine Kunden erreichen kann. Die Politik ist aktuell allerdings gefordert, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufmerksam und vorsichtig bleiben, und Sensibilität zu schaffen, dass sich das Fehlverhalten Einzelner nicht ausweitet. Denn die Konsequenzen wären für die Wirtschaft und damit letztlich für unsere ganze Gesellschaft katastrophal.

Wie war die Reaktion von Referenten und Teilnehmern auf die Web-Sessions, mit denen Sie die Zeit bis zum neuen Termin ihrer Messe Metav überbrücken wollen?

Wir waren als einer der ersten Messeveranstalter von der Pandemie betroffen. Als klar war, dass wir handeln müssen, beschlossen wir, nicht nur um ein paar Monate, sondern gleich um ein Jahr zu verschieben. Deshalb wollten wir unseren Ausstellern ein Instrument bieten, mit dem sie ihre Kunden in der Zwischenzeit erreichen können. Dass sich knapp 1600 Menschen für rund 5000 Sessions angemeldet haben, sehen wir sehr positiv. Das eine oder andere Unternehmen hat dabei gelernt, dass man sich hier in einer gewissen Weise präsentieren muss, um die Zuhörer zu erreichen und zu begeistern. Denn dieses Format ist viel schnelllebiger als eine Live-Präsentation. Teilnehmer, die man nicht sofort begeistert, steigen schnell wieder aus. Weil das Konzept aber insgesamt gut angenommen wurde, werden wir es bis zur Metav im März 2021 durchfahren und weitere Sessions veranstalten.

Wie werden die Erfahrungen mit solchen digitalen Angeboten künftige Aktivitäten des VDW und der Branche beeinflussen?

Aufgrund diverser restriktiver Faktoren – insbesondere der Reisebeschränkungen – denken wir natürlich über digitale Formate nach und werden hier auch verschiedene Konzepte umsetzen. Neben den Metav-Web-Sessions veranstalten wir für die Branche beispielsweise auch Auslandssymposien, die ganz gezielt auf einzelne Märkte zugeschnitten sind, etwa auf China oder Russland. Das erste VDW-Technologie-Symposium, das wir im Web-Session-Format umsetzen, wird den indischen Markt adressieren, in englischer Sprache abgehalten und auch zeitlich an die Zone angepasst sein. Dieses Symposium ist zwar auf Kunden aus dem indischen Markt fokussiert, aber natürlich sind auch Teilnehmer aus anderen Regionen dazu herzlich eingeladen.

Wie werden digitale Angebote die Messewelt künftig verändern?

Das hängt von der Kreativität der einzelnen Veranstalter ab. Es gibt ja bereits viele Angebote. Man kann ja derzeit stundenlang an Webinaren teilnehmen. Es gibt sogenannte Hybridveranstaltungen, bei denen aber meist nicht viel mehr passiert, als dass vorhandenes Material zusätzlich über digitale Kanäle verbreitet wird. Inwieweit das Fachbesucher künftig noch überzeugt, bleibt abzuwarten. Wenn alle Messen ein ganzjährig bespielbares virtuelles Pendant hätten, dann würde daraus ein Überangebot resultieren, das weder für die Veranstalter noch für die Aussteller gut sein kann – und schon gar nicht für die Besucher, die angesichts der Informationsflut kaum noch das für sie Wesentliche herausfiltern könnten. Eine Präsenzveranstaltung bietet unvergleichliche Möglichkeiten, Fertigungsprobleme persönlich und direkt zu diskutieren. Hinzu kommt das Thema Lead-Generierung. Wenn ich auf einer Messe eine Visitenkarte bekomme, kann ich diese Person jederzeit ansprechen. Ein Kontakt aus einem virtuellen Treffen ist aufgrund des Datenschutzes noch lange kein verwertbarer Lead.

Corona verschärfte die ohnehin schon angespannte konjunkturelle Situation nochmals drastisch. Wie geht´s der deutschen Werkzeugmaschinen-Branche aktuell?

Im zweiten Quartal 2020 sank der Auftragseingang der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie im Vergleich zum Vorjahr um 46 Prozent. Während aus dem Inland 36 Prozent weniger Bestellungen eingingen, schrumpften die Auslandsorders um 51 Prozent! Im ersten Quartal lag der Orderrückgang noch bei 25 Prozent und war im Wesentlichen konjunkturell bedingt. An diesen Zahlen kann man die Wucht des Corona-Lockdowns ablesen. Das Minus im ersten Halbjahr 2020 lag in Summe bei 35 Prozent. Ermutigend ist, dass der Auftragseingang seinen Tiefpunkt durchschritten zu haben scheint und im Juni gegenüber den Vormonaten spürbar zulegte. Die Inlandsorders lagen nur noch leicht unter dem Vorjahr. Das Ausland blieb allerdings noch deutlich hinter dem Vergleichszeitraum.

Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Es hat uns alle überrascht und gefreut, dass der weltweite Einkaufsmanagerindex PMI durchaus eine positive Tendenz zeigt und im Juli erstmals wieder an der 50-Punkte-Marke kratzte, die für Wachstum steht. Besonders erfreulich ist, dass diese Entwicklung auf breiter Front zu erkennen ist, sowohl in China und den USA als auch in der Eurozone. Wir müssen jetzt abwarten, wie sich das traditionelle Sommerloch auswirkt und ob sich der positive Trend stabilisiert – wenn auch auf einem niedrigen Niveau.

Wie sieht‘s in den Kundenbranchen aus?

Unsere Erhebungen berücksichtigen keine einzelnen Kundenbranchen. Bei einem Minus von 46 Prozent ist aber klar, dass alle wichtigen Branchen mehr oder weniger stark betroffen sind. Das gilt natürlich insbesondere für die Automobil- und die Luftfahrtindustrie.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Einführung des Maschinen-Kommunikationsstandards Umati?

Inhaltlich hat das keine Auswirkungen. Alle Beteiligten haben kontinuierlich weiter am Projekt gearbeitet, wenn auch – aufgrund von Kurzarbeit und beschränkter Kapazitäten – mit leicht gebremstem Tempo. Unser größtes Problem ist derzeit, dass wir in unserer Außenkommunikation eingeschränkt sind, weil wir aufgrund der Messeabsagen die geplanten Show Cases nicht international präsentieren können.

Kontakt:

VDW Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken e.V.
Lyoner Str. 14
60528 Frankfurt/M.
Tel.: +49 69 7560810
www.vdw.de

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