Plastik: Zur Ehrenrettung des Kunststoffes

Warum Plastik unentbehrlich ist

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Kunststoffe gelten in der Öffentlichkeit oft als Umweltfrevel. Die guten Seiten geraten aus dem Blick. Aber gibt es denn Alternativen? Die Journalistin Claudia Wörner hat recherchiert und wagt im Folgenden eine Ehrenrettung.

Claudia Wörner
Journalistin bei yes or no Media, Stuttgart

In der Öffentlichkeit hat Plastik einen denkbar schlechten Ruf. Zu bedrückend wirken die in Fernsehen und Zeitungen verbreiteten Bilder von tropischen Plastikmüllhalden und an Stränden angeschwemmten Flaschen und Plastikspielzeugen. Die Ablehnung hat reale Gründe. Es stimmt, dass ein Teil der Kunststoffe in der Natur landet, wo sie nichts zu suchen haben. Es trifft zu, dass diese Kunststoffteile und Plastikverpackungen schwer abbaubar sind.

Was aber kaum jemand weiß: 90 % des Plastiks in den Weltmeeren gelangen über zehn Flüsse dort hin, die in Afrika und Asien fließen – so das Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Vor allem die Verpackungskunststoffe stoßen auf Ablehnung. Aber welche Alternativen gibt es? Oft haben sie gravierende Nachteile. So lässt sich Glas zwar einfach recyceln. Doch der Energieaufwand dafür ist hoch: Gebrauchte Weinflaschen und Gurkengläser werden bei über 1000 °C eingeschmolzen, um neues Rohmaterial zu gewinnen. Bei Mehrwegflaschen entfällt dieser Aufwand. Doch sie müssen vor der Wiederverwertung heiß gespült werden. Der Transport der schweren Flaschen kostet viel Energie: vom Hersteller zum Großhandel, weiter zum Einzelhändler und wieder zurück. Zudem sind sie schwer. Ohne Auto lassen sich Getränkekästen nur mühsam transportieren.

Aus diesen Gründen verwenden die Getränkehersteller zunehmend Mehrwegflaschen aus Kunststoff. Bei ihnen fällt der Energieverbrauch für den Transport erheblich geringer aus. Deswegen bewertet der Naturschutzbund in seinem „Nabu-Mehrweg-Guide“ die leichten Plastikflaschen als umweltfreundlicher im Vergleich zu Glasflaschen.

Eine Tonne Papier verschlingt Energie wie eine Tonne Stahl

Papier hat gegenüber Plastik das bessere Image. Doch als umweltfreundliche Alternative zum Plastikbeutel taugen Papiertüten nicht. Denn ihre Herstellung erfordert reichlich Holz, Wasser und Energie. Dazu wird frisches Holz verarbeitet. Denn Recyclingpapier ist kaum belastbar, weil die Fasern so kurz sind. Laut Umweltbundesamt ist der Energieaufwand für die Herstellung von einer Tonne Papier genauso hoch wie der von einer Tonne Stahl.

Die Schweizer Materialforschungsanstalt Empa in St. Gallen hat 2014 den Ressourcenbedarf von Taschenmaterialien verglichen. Danach müsste eine Papiertasche 7,4-mal so oft benutzt werden wie eine Plastiktüte aus Recyclingmaterial, um ihren höheren Herstellungsaufwand auszugleichen. Das wird aber selten passieren, da Papiertüten nicht reißfest sind und bei Nässe sofort aufweichen. Was immer die Papiertüte sein mag: umweltfreundlich ist sie nicht.

Baumwolltasche als Umweltsünde

Ein vielleicht noch besseres Image als die Papiertüte hat die Baumwolltasche. Sie verbindet tatsächlich zwei Vorteile: Sie ist biologisch abbaubar und im Unterschied zur Papiertüte recht reißfest. Aber ach, ihre Herstellung gestaltet sich noch aufwendiger. Das liegt vor allem am hohen Bedarf an Wasser und Ackerfläche für den Baumwollanbau und den langen Transportwegen. Die Ökobilanz der Baumwolltasche ist so niederschmetternd, dass sie nach den Schweizer Forschungsergebnissen 82,4-mal wiederverwendet werden müsste, um mit einer nur einmal verwendeten Plastiktüte gleichzuziehen. Die Vergleiche zeigen: Papier- und Baumwolltaschen haben ein prima Image, sind aber eher die Loser. Gewinner ist die korrekt entsorgte Plastiktüte.

Ähnlich ist die Situation bei Getränkeflaschen. So wiegt zum Beispiel eine 1,5-l-Mehrwegflasche aus PET im Durchschnitt 28,9 g. Eine nur 0,7 l große Glasflasche bringt gleich rund 600 g auf die Waage. Sie ist aufwendiger herzustellen, teurer zu transportieren und geht leichter zu Bruch. Biologisch abbauen lässt sich Glas ebenfalls nicht. Einziger Vorteil der Glas-Mehrwegflasche: Statt etwa 25-mal lässt sie sich etwa 50-mal wieder befüllen – sofern sie diese vielfache Nutzung schadlos übersteht.

PET-Flaschen international oft unverzichtbar

Wie wichtig Kunststoffflaschen sein können, zeigt der Blick auf andere Länder und Kontinente. In Mexiko-Stadt zum Beispiel verwendet die Bevölkerung Trinkwasser fast nur aus Flaschen, da das Vertrauen in die öffentliche Wasserversorgung gering ist. Jeder der 8,9 Millionen Einwohner konsumiert dort im Durchschnitt 255 l abgepacktes Wasser pro Jahr. Für diese Art der Versorgung gibt es derzeit keine Alternative.

Bei Naturkatastrophen stellen Flaschen aus Kunststoff meist die einzige Möglichkeit zur Wasserversorgung dar. Bei den empfohlenen zwei Liter Flüssigkeit pro Tag und Person müssen Hilfsdienste beträchtliche Wassermengen herbeischaffen und verteilen. Zum Beispiel hat 2017 der Hurrikan „Maria“ die Wasserversorgung in Puerto Rico zerstört. Eine US-Hilfsorganisation transportierte daraufhin kurzfristig 73,5 Mio. l Trinkwasser auf die Karibikinsel. Abgefüllt war das Wasser in PET-Flaschen der Größen 1,5 l und eine Gallone (3,79 l). Dadurch konnten die Helfer das nötige Trinkwasser einfach an die Einwohner verteilen.

In Schwellen- und Entwicklungsländern sind Plastikflaschen beliebt und oft unentbehrlich. Doch die Entsorgung kann bislang mit dem Verbrauch nicht Schritt halten. In weiten Teilen Afrikas und Asiens wird der Hausmüll auf Müllkippen gelagert. So war es auch in Deutschland bis Ende der 1970er-Jahre üblich. Von solchen Kippen kommt es oft zu Verwehungen von Kunststoffen in Flüsse. Vor nur einem Jahr wurde in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba die erste Müllverbrennungsanlage Afrikas eröffnet. So lassen sich endlich Kunststoffe beseitigen und zur Energiegewinnung nutzen. Statt die sinnvolle Nutzung von Verpackungskunststoffen bei uns zu behindern, sollten wir besser den Bau von Müllverbrennungsanlagen in Afrika und Asien unterstützen.


Bei der Papiertüte ist das Image besser als die Wirklichkeit. Bild: ©Composing yes or no Media_Aasirov CanStockPhotos

Papiertüte besser?

Papiertüten reißen schnell, dürfen nicht feucht werden und lassen sich nicht kleinfalten. Viele Menschen würden diese Nachteile hinnehmen. Doch sind Papiertüten auch umweltfreundlich? Bei der Herstellung wird zerfasertes Holz in Kochlauge zu Zellstoff umgewandelt. Anschließend wird das Material in mehreren Schritten mit Wasser und Bleichmitteln behandelt, getrocknet, gepresst und je nach Papiersorte weiter veredelt. Laut Umweltbundesamt erfordert eine Tonne Papier in der Herstellung den gleichen Energieaufwand wie eine Tonne Stahl.

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