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Alpla-Chef Philipp Lehner zur Plastikmüll-Problematik

Verpackungstechnik: Alpla-CEO zum Plastikmüll
„Wir lieben es, Probleme zu lösen“

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Philipp Lehner, CEO Alpla, präsentiert den Nachhaltigkeitsbericht 2020: Global bezog Alpla 28 % seines Strombedarfs aus erneuerbaren Quellen. Bild: Alpla
Die Berichte über Plastik in den Weltmeeren wirken in der Gesellschaft noch immer nach. In dieser Situation hat Philipp Lehner vor einem Jahr im Januar 2021 die Führung des globalen Verpackungsherstellers Alpla übernommen. Der junge CEO (37) erklärt, wie er das Familienunternehmen durch die Krise lenkt, welche Problemlösungen er sieht und was Alpla dazu beitragen kann.

» Olaf Stauß, Redakteur im Konradin-Verlag

Herr Lehner, Sie sind CEO zu einer Zeit geworden, in der Plastikmüll in aller Munde ist. Sind Sie dafür zu beneiden?

Auf diesen Schritt konnte ich mich im Familienunternehmen gut vorbereiten, die Themen sind nicht neu für mich. Da unsere Unternehmung davon lebt, relevante Kunststoffverpackungen bereitzustellen, haben wir Plastikmüll und den Umgang mit Post-Consumer-Materialien schon seit 15 Jahren auf der Agenda. Seither wurden fünf große Recycling-Anlagen installiert. Wir haben geschaut, wie wir in Sammelsystemen mitwirken können – auch in unstrukturierten Systemen in Ländern wie Mexiko, wo die Infrastruktur dafür noch fehlt. Inzwischen verfolgen wir einen differenzierten Ansatz.

Worum geht es für Alpla aktuell in der Plastikmüll-Krise?

Uns stellt sich die Frage, wie wir Systeme global so etablieren, dass die großen Vorteile des Kunststoffes für den Lebensstandard weiterhin zum Tragen kommen, ohne dass Sekundäreffekte wie Vermüllung auftreten.

Haben Sie die negativen Auswirkungen der Debatte gespürt?

Negative Auswirkungen der Debatte spüren wir nur verhalten. Wir haben viel investiert und verzeichnen stetig wachsende Volumina. Vielleicht ist es etwas weniger in Marktsegmenten, wo die Kunststoffdiskussion intensiv geführt wird – aber dies ist schwer zu sagen, weil die Zahlen von Corona überlagert werden. Eher spüren wir Auswirkungen auf der Image-Seite und müssen beim Ansprechen junger Talente als neue Mitarbeiter mehr Aufklärungsarbeit leisten: Wir lieben es, Probleme zu lösen. Ging es früher für uns hauptsächlich darum, Kosten und Gewicht von Verpackungen zu reduzieren, so geht es jetzt darum, für zehn Milliarden Menschen einen nachhaltigen Konsum zu ermöglichen. Das ist unsere übergeordnete Mission, da können wir keine Schritte rückwärts gehen. Und Kunststoff kann einen großen Beitrag dazu leisten.

Hat sich bei Sammelsystemen schon etwas verbessert ?

So schnell geht es nicht. In Mexiko kann man jetzt für wenige Cent frisches Wasser trinken dank Kunststoffverpackungen. Das ist ein großer Fortschritt. Diese Systeme haben sich in Dekaden optimiert und brauchen auch Zeit, um sich weiter zu entwickeln.

Welche technologischen Ansätze verfolgen Sie gegen Verpackungsmüll?

Verschiedene. Zum einen versuchen wir, die Kunststoffverpackung zu optimieren, weil sie die vielen Vorteile hat. Wir erforschen, wie wir Material weiter reduzieren oder alternative Materialien nutzen können, seien sie bio-based oder recyceled. Zum anderen schauen wir nach neuen Verpackungssystemen, vielleicht Polymer-freie oder Refill-Systeme, um einen konsumorientierten Lebensstandard unterstützen zu können. Dabei verfolgen wir einen Portfolio-Ansatz und denken langfristig.

Immer auf Basis von Kunststoff?

Nicht immer. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Gerade arbeiten wir an einer Papierflasche, die zu 100 Prozent aus Fasern besteht und Liquids wie Waschmittel oder Kosmetika halten kann. Nächstes Jahr könnten wir mit dieser faserbasierten Lösung auf den Markt kommen. Natürlich beherrschen wir Kunststoff sehr gut, aber unsere Kernfähigkeiten liegen in der Produktion – und die können wir über Kunststoff hinaus replizieren. Nur ist Kunststoff vielfach unschlagbar durch seine Leichtigkeit, Bruchsicherheit, Formbarkeit, Kosteneffizienz und Replizierbarkeit. Ohne Kunststoff wäre die Menschheit viel schwerer und im Sinne der CO2-Bilanz weniger nachhaltig zu versorgen.

Sie sehen Kunststoff also als den meist besseren Verpackungswerkstoff?

Fakt ist, dass es in Bezug auf den CO2-Ausstoß keinen anderen Werkstoff gibt, der besser abschneidet. Bei der Herstellung einer PET-Flasche entsteht im Vergleich zum Glas viel weniger CO2, weil die Produktion weniger Energie benötigt. Dies belegen Studien durch diverse Forschungsinstitutionen zur Life Cycle Analysis, LCA. Außerdem spielt das geringe Gewicht von PET eine Rolle. Die leichteste PET-Flasche für 1,5 Liter Wasser wiegt bei uns 25 Gramm – Glas meist mehr als ein Kilogramm für dieselbe Menge. Solche positiven Seiten werden in der Diskussion um Kunststoffe oft vergessen.

Was kann Alpla zur Kreislaufwirtschaft beitragen, wo sind andere gefordert?

Als weiterer Vorteil ist Kunststoff ja recycelbar. Unser Material lässt sich wieder in molekulare Strukturen bringen, die fast dem Neuzustand entsprechen. Die Infrastruktur für das Sammeln, Sortieren und Aufbereiten funktioniert in Mitteleuropa schon sehr gut. Wir führen unser Material in den Kreislauf Bottle-to-Bottle zurück und neuerdings gibt es sogar Abnehmermärkte für rezykliertes PET. Die Herausforderung ist heute weniger das Recycling sondern das Handhaben der Materialien nach der Konsumphase. In anderen Regionen der Welt fehlt dafür die Infrastruktur. Doch zurzeit wird viel in Systeme investiert, um dem Werkstoff einen Wert zu geben – denn dann wird er gesammelt und verwertet.

Bei Alpla liegt der Anteil von PET-Rezyklat bei rund einem Viertel. Ist das viel oder wenig?

Das ist viel. Die EU fordert 25 Prozent bis 2025 und da sind wir schon. Wir kaufen Post-Consumer-Material aus PET-Flaschen als hochwertigen Rohstoff ein. PET ist transparent, für Lebensmittel geeignet und lässt sich sehr leicht verarbeiten. Mir wäre lieber, andere würden Material aus ihren Produkten einsetzen und „unsere“ Flaschen uns überlassen. Deswegen plädiere ich dafür, dass jeder Material auch aus eigenen Kreisläufen nutzen muss – das würde „Design-for-Recycling“ voranbringen. Aber wichtig ist vorerst ein Zweitnutzen.

Sie verstehen sich bei Alpla auch als Botschafter für Kreislaufwirtschaft?

Absolut. Wir beraten unsere Kunden, wie sie ihre Produkte kreislauffähig gestalten und positionieren können – und erhalten dafür zunehmend Gehör.

Was würden Sie Unternehmen raten, die technische Kunststoffteile herstellen?

Aus der Automobilindustrie höre ich, dass die CO2-Bilanz immer mehr zum Thema wird. Entwickler überlegen, wie sie Produkte von Anfang an nachhaltig gestalten können. Empfehlen würde ich, lieber früh mit kleineren Schritten anzufangen als spät mit Brachialgewalt. Früh übt sich, das ist unsere Erfahrung: 15 Jahre hat es gebraucht, bis wir fundierte Lösungen entwickelt hatten.

Gibt es die Chance, dass unsere Meere in 20 Jahren besser aussehen?

Ja klar, man darf den humanen Genius nicht vergessen, Weltuntergangssicht hilft nicht weiter. Wenn wir uns den Problemen stellen und Lösungen ausarbeiten, werden wir sie in den Griff bekommen – und zwar ohne wieder die eigenen Zwiebeln anbauen zu müssen.

Kontakt:

ALPLA Werke Alwin Lehner GmbH & Co KG
Allmendstraße 81
6971 Hard
Österreich
Tel.: +43 5574 602-0
www.alpla.com


Alpla Group

Die vor über sechzig Jahren mit dem historischen Namen „Alpenplastik Lehner Alwin“ gegründeten Alpla-Werke sind heute in 45 Ländern vertreten und produzieren zu 99 % Verpackungen aus Kunststoff. Das in Familienbesitz befindliche österreichische Unternehmen machte 2020 mit 21.600 Mitarbeitern einen Umsatz von weltweit 3,69 Mrd. Euro. Alle PET-Recyclingwerke haben eine Jahreskapazität von rund 133.000 t rPET. Die aktuellen Anteile der Materialien in Stückzahlen:

  • PET-Flaschen und -Preforms: 43 %
  • PE/PP-Flaschen: 22 %
  • Caps: 35 %
  • Anteil rPET an PET: 25 %
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