Offshore-Windparks: Kommunale Versorgungsbetriebe investieren massiv in Windenergieanlagen auf hoher See Nordseewind erhellt süddeutsche Städte

Offshore-Windparks: Kommunale Versorgungsbetriebe investieren massiv in Windenergieanlagen auf hoher See

Nordseewind erhellt süddeutsche Städte

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Die Korrektur der Atompolitik droht die massiven Investitionen der kommunalen Versorger in Wind-, Wasser- und Sonnenenergie abzuwürgen. Dabei sind Beteiligungen vor allem an Windparks weit gediehen. In Verbünden wagen sich selbst kleinere Stadtwerke an Großprojekte.

München macht Freiburg den Rang als Deutschlands Ökohauptstadt streitig. Das ursprüngliche Ziel, bis 2015 den Stromverbrauch aller 800 000 Münchener Haushalte mit Ökostrom aus eigenen Anlagen zu decken, könnte früher als geplant eintreffen. Zusammen mit dem Energiekonzern Vattenfall investieren die Stadtwerke München (SWM) in den Offshore-Windpark Dan Tysk, westlich von Sylt. Mit dem Strom, den die 80 Windturbinen unter Berücksichtigung des 49-%-Anteils der SWM am Windpark erzeugen, lassen sich rund 250 000 Haushalte der Bayernmetropole versorgen, betont der kommunale Erzeuger. Zusammen mit weiteren Projekten in der Nordsee zählt der Windpark Dan Tysk für die Münchener zum ersten Ziel ihrer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien.

Die Mannheimer MVV Energie will den Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 auf 30 % steigern. Derzeit sind es 18 %. Gelingen soll das Vorhaben mit Investitionen wie etwa dem Kauf des ersten Windparks in Mecklenburg-Vorpommern.
Bundesweit decken die regenerativen Energien bereits 16 % des Strombedarfs. Mit großen Windparks an der Küste, den sogenannten Offshore-Anlagen, soll der Anteil in den nächsten Jahren beträchtlich steigen. Bis 2020 könnten in der Nord- und Ostsee gebaute Anlagen rund 10 000 MW Leistung bringen. Das entspricht in etwa dem Ausstoß von zehn Kernkraftwerken.
Dass die Laufzeiten für die Atommeiler je nach Alter zwischen 8 bis 14 Jahr verlängert werden könnten, wie die Regierungskoalition dieser Tage beschlossen hat, macht Stadtwerken und kleinen Stromproduzenten einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Gingen sie doch davon aus, dass durch Abschalten der deutschen Atomkraftwerke rund ein Viertel des Stroms auf dem Markt neu verteilt wird. Nach dem Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 wäre der letzte Meiler 2023 vom Netz gegangen. In diese Lücke wollten die Kommunalversorger springen. Viele haben sich deshalb in den letzten Jahren und Monaten auf den epochalen Wandel eingestellt. Oft im Schulterschluss mit anderen Stadtwerken bauen und betreiben sie künftig Windparks, um auf eigene Stromerzeugung aus dieser regenerativen Quelle zurückgreifen zu können. Um ihren größten strategischen Nachteil – die mangelnde Erzeugung – auszumerzen und im Wettbewerb mit den Energieriesen zu bestehen, wählen die Kommunalen für ihren Einstieg in die Windkraft oft Partnerschaftsmodelle.
Die Wende in der Energieversorgung sucht mit Tübingen eine weitere süddeutsche Ökohochburg. „Das Projekt ist ein wichtiger Meilenstein beim Umbau der Energieversorgung auf regenerative Energien“, betont Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Die Schwaben in Gestalt der Stadtwerke Tübingen (SWT), deren Aufsichtsrat Palmer ist, sind Teilhaber des ersten kommerziellen Offshore-Windparks in der Nordsee. An „Bard Offshore 1“ sind 54 Gesellschaften, davon 30 Stadtwerke aus Baden-Württemberg und Bayern, beteiligt.
Die kommunalen Investoren, die sich in der SüdWestStrom Windpark GmbH & Co. KG mit Sitz in Tübingen organisieren, beteiligen sich zu 70 % an dem rund 100 km nordwestlich vor Borkum gelegenen Windpark mit der Leistung eines kleinen Atomkraftwerks. 30 % der Rechte hält die WV Energie Frankfurt. Als Besonderheit an diesem Konzept meint Jürgen Mailänder, Geschäftsführer der Gemeindewerke Hermaringen, dass kleine und mittlere Stadtwerke auch geringe An- teile übernehmen und in Großkraftwerksprojekte einsteigen könnten.
Entwickelt und schlüsselfertig errichtet wird das 400-MW-Offshore-Projekt mit seinen insgesamt 80 Windrädern von der Bard Engineering GmbH mit Sitz in Emden. Die ersten neun Anlagen der 5-MW-Klasse stehen bereits, an den nächsten Fundamentstrukturen läuft die Arbeit ebenso auf Hochtouren wie an der Errichtung der Anlagen. Rund 40 m tief ist die Nordsee hier. Mitte 2011 sollen die Arbeiten in dem 60 m² großen Hochseeareal abgeschlossen sein, nennt Bard die Zielmarke. Die von 80 Windturbinen erzeugte Energie wird dann über die von der Transpower Stromübertragungs GmbH errichtete Hochspannungs-Gleichstromverbindung in der Nordsee transportiert, die über die Insel Norderney ans Festland führt. Im Eon-Umspannwerk in Diele im Kreis Leer wird aus dem Gleichstrom wieder Wechselstrom, der dann zum Kunden fließt.
17 Mio. t CO2 spart der Windpark in 20 Jahren ein
Mit einer Gesamtleistung von 400 MW soll der Windpark Strom für mindestens 400 000 Mehrpersonenhaushalte liefern. Laut der Bard-Holding spart die Anlage über die genehmigte Laufzeit von 20 Jahren rund 17 Mio. t CO2.
„Für die Stadtwerke Tübingen ergibt sich durch die Beteiligung eine hervorragende Möglichkeit, ihr ökologisches Engagement im Bereich der Erneuerbaren Energien mit einer wirtschaftlich sinnvollen Perspektive auszubauen“, kommentierte SWT-Aufsichtsratschef Boris Palmer letzten Juli den Kaufbeschluss der Gesellschafter. „Wir wagen uns auf hohe See, weil wir das Klima schützen und die Eigenständigkeit der Stadtwerke sichern wollen.“ Jetzt, da die Atompolitik von der Regierung korrigiert wurde, sind für Achim Kötzle, dem Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen, die Bedingungen zwar schwieriger geworden. Wie er sich der „Stuttgarter Zeitung“ gegenüber jedoch äußerte, „wird der Offshore-Windpark in der Nordsee mit unserer Beteiligung ebenso weitergebaut wie unser Wasserkraftwerk in Horb“.
Laut dem Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) befinden sich zurzeit städtische Kraftwerksinvestitionen in der Größenordnung von 6,5 Mrd. Euro im Bau oder im Genehmigungsverfahren. Ferner haben die Stadtwerke mittelfristige Investitionen mit einem Volumen von weiteren 6 Mrd. Euro geplant. Diese müssten nun überprüft werden, und selbst bereits realisierte Projekte und Bestandsanlagen wären in ihrer Wirtschaftlichkeit gefährdet. Für den VKU-Präsidenten und Oberbürgermeister der Stadt Hannover, Stephan Weil, „riskiert die Bundesregierung mit den Beschlüssen, dass viele der kommunalen Investitionen für den Ausbau der erneuerbaren Energien und neuer hoch effizienter Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen nicht mehr getätigt werden.“
Stephan Weil hätte sich gewünscht, dass sich die Energiepolitik der Regierung nicht einseitig auf die Seite der großen Konzerne schlage, sondern den energiepolitischen Mittelstand in Deutschland unterstütze. Immerhin wollen die Stadtwerke „über zehn Milliarden Euro in Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und den Ausbau der erneuerbaren Energien investieren und damit den Anteil des eigen erzeugten Stroms deutlich erhöhen“, wirft Weil das Pfand der Kommunalversorger in die Waagschale.

Ökostrom ausgebremst?

Energien aus Wind-, Wasser- oder Sonnenkraft decken derzeit 16 % des Strombedarfs. Vor zehn Jahren, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eingeführt worden ist, kamen die Regenerativen erst auf einen niedrigen einstelligen Prozentwert. Bis 2020, das hat die Bundesregierung im August dieses Jahres im Nationalen Aktionsplan für Erneuerbare Energie beschlossen, sollen es mindestens 19,6 % sein. Für den Stromsektor heißt das sogar, dass 38,6 % aus erneuerbaren Energien stammen sollen, wie der Bundesverband WindEnergie die Schlagzahl benennt. Wird all dies Makulatur, sollte die Atomstromerzeugung durch den Kompromiss deutlich billiger werden als jede andere Form der Energiegewinnung? Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbands WindEnergie, malt bereits ein Menetekel an die Wand: Die Korrektur in der Atompolitik führe dazu, dass Kernkraftwerke noch Jahrzehnte die Stromnetze verstopfen und so den möglichen Ausbau der Windenergie blockierten. „So werden Innovationen und Investitionen in Milliardenhöhe der regenerativen Energiewirtschaft ausgebremst und bestehende Oligopole einer grundlastorientierten Energieerzeugung zementiert“, kritisiert Albers. dk
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