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Liquiditätsprobleme nehmen Industriebetrieben die Luft zu atmen

Corona-Krise in Italien: UCIMU-Präsident im Interview
„Entstehen Liquidätsprobleme, fehlt den Betrieben die Luft zum Atmen“

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Massimo Carboniero, Inhaber des Maschinenherstellers Omera S.r.l. und Präsident von UCIMU-Sistemi per produrre, dem nationalen Verband der italienischen Hersteller von Werkzeugmaschinen, Robotern und Automationssystemen. Bild: UCIMU
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Die Ereignisse in der Corona-Krise überschlagen sich. Massimo Carboniero, Präsident des italienischen Werkzeugmaschinenbauer-Verbands UCIMU und Inhaber der Omera S.r.l. gibt Einblicke und nennt Maßnahmen, die der Industrie helfen können – auch deutschen Firmen. Das Gespräch fand am Freitag, 20. März, statt – zwei Tage, bevor die Regierung den Stillstand der gesamten Produktion avisierte.

Giuliana Acerbi
Fachjournalistin in Stuttgart

Wie ist die derzeitige Stimmung in den Unternehmen?

Natürlich gibt es Sorgen und Ängste, wir reagieren aber nicht panisch, sondern mit Vernunft. Auch bei uns in der Provinz Vicenza in Venetien ist das Virus angekommen, allerdings nicht mit der gleichen Intensität wie in der Lombardei. In meiner eigenen Firma Omera arbeiten wir weiterhin in gewöhnlichem Umfang, mit allen notwendigen Schutzmaßnahmen für die Gesundheit unsrer Mitarbeiter. Und dies schon seit einem Monat.

Welche Maßnahmen wurden bisher umgesetzt?

Betriebsintern sind alle unsere Mitarbeiter mit Einwegmasken und Handschuhen ausgestattet, alle Büros verfügen über Desinfektionsmittel, Hände werden immer wieder gewaschen, im Eingangsbereich befinden sich Fiebermessgeräte. Personen mit Fieber dürfen das Gelände nicht betreten. Externes Personal wurde auf ein Minimum reduziert. Nur Materialzulieferer und Kunden, die bei den für sie produzierten Maschinen eine Endkontrolle durchführen, sind zugelassen.

Im produktiven Bereich sind alle Mitarbeiter präsent, im Innendienst arbeitet wechselweise die Hälfte in ‚Smart Working‘, die andere im Büro. Dadurch gewährleisten wir in den Büros eine Distanz von drei Metern zwischen den Arbeitsplätzen, was weit über die bestehende Vorschrift von einem Meter hinausgeht.

Die Arbeitszeiten mussten also nicht reduziert werden?

Nein, weil im Moment die Auftragslage noch gut ist und der Produktionsrhythmus aufrechterhalten werden kann.

Sie erhalten Ihr Material sicherlich auch von kleineren Zulieferern. Sind diese Firmen eher in Schwierigkeiten?

Es ist nicht eine Frage der Größe, sondern eher branchenabhängig. In meiner Firma gibt es bisher keine Probleme, da wir den Großteil des Materials aus Italien beziehen. Probleme gibt es für Firmen, die die Ware von Zulieferern aus dem Ausland erhalten, die wiederum die Produktion heruntergefahren haben. Es ist klar, dass Materialengpässe sie dazu zwingen, die Fertigung zu stoppen. Wieviele Produktionen betroffen sein werden, hängt selbstverständlich auch davon ab, wie lange die Krise noch anhält – sowohl in Italien als auch in Europa.

Zeigen die vom Staat in der Corona-Krise ergriffenen Mittel bereits Wirkung?

Mit dem speziell für Covid 19 für neun Wochen genehmigten Kurzarbeitergeld [„cassa integrazione“] gibt es eine Sofortmaßnahme, die sehr nützlich ist. Betroffene Firmen können dadurch die Lohnfortzahlung der Beschäftigten sichern, das ist positiv. Allerdings ist meiner Meinung nach die Frage der Liquidität, mit der italienische wie auch deutsche Firmen konfrontiert sein werden, noch nicht gut gelöst. Wenn der Warenverkehr unterbrochen wird, können zum Beispiel die Maschinen nicht ausgeliefert und in Rechnung gestellt werden. Damit fehlen Einkünfte. Angestellte, Steuern und Material müssen trotzdem bezahlt werden, was zu Liquiditätsproblemen führt. Entstehen Liquidätsprobleme, fehlt den Betrieben die Luft zum Atmen.

Was schlagen Sie vor?

Als Präsident von UCIMU rate ich, alle Arbeitnehmerbeiträge und Steuern, die jeder Betrieb monatlich zu entrichten hat, umgehend einzufrieren, bis sich die Situation wieder normalisiert. Dies wäre ein sehr wichtiges Instrument um die Zahlungsfähigkeit der Firmen zu sichern, anstatt große Beträge an den Staat abzuführen. Diese von mir vorgeschlagene Maßnahme gilt bisher nur für Betriebe mit einem Umsatz bis maximal zwei Millionen Euro. Es wäre wünschenswert, dies auf die gesamte Industrie auszuweiten. Darüber hinaus ist eine Regelung in Kraft getreten, die es Unternehmen erlaubt, Zahlungen des Kapitalanteils von Krediten um drei oder vier Monate zu verschieben.

Sind die Schäden für die Industrie bereits abschätzbar?

Das ist noch zu früh, sicherlich hat das Jahr 2020 einen großen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt. Wir hoffen, dass die Situation nur zwei Monate andauern wird. Aber schon zwei Monate haben schwerwiegende Folgen und führen meiner Meinung nach zu einem negativen BIP.

Wurden die ersten Anzeichen aus China unterschätzt und vielleicht zu spät reagiert?

Weder hier in Italien noch in Deutschland hat man dies so erwartet. Die Aggressivität und Sprengkraft des Virus wurde unterschätzt, das war eine bittere Überraschung. Nachdem dies erkannt wurde, hat man auch gleich gehandelt.

Haben Deutschland und Italien unterschiedlich reagiert?

Im Gegensatz zu Deutschland wurden in Italien zu Beginn der Ausbreitung alle verdächtigen Fälle und deren Umfeld wie Freunde und Verwandte sofort getestet, wodurch statistisch die Anzahl der Infizierten hoch war. In Deutschland dagegen wurden nur Personen mit eindeutiger Symptomatik getestet, was auch zu einem höheren Infektionsrisiko geführt hat.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus den deutschen Firmen raten?

Behandle deine Firma wie deine Familie zuhause: Lass jetzt niemanden mehr herein. Wenn Du nach Hause kommst, halte alles sauber und sei wachsam. Genauso schütze deine Firma! Sollte ein Mitarbeiter Kontakt mit einem Infizierten gehabt haben, muss er umgehend von der Arbeit befreit und nach Hause geschickt werden. Die Gesundheit der Beschäftigten ist das Wichtigste und fundamental. Firmen, in denen es eine Corona-Erkrankung gegeben hat, müssen für ein bis zwei Tage geschlossen werden, um alles zu säubern und zu desinfizieren. Hierfür gibt es spezialisierte Unternehmen. Es muss eine Barriere gegen das Eindringen des Virus geschaffen werden, eine Art Immunität. Die Treibkraft der Wirtschaft darf nicht zum Erliegen kommen.

Wird die Krise die Wirtschaft verändern?

Wir hoffen, diesen schweren Moment zu überstehen und dann wieder positiv in die Zukunft zu starten. Die Antwort liegt in der Zeit. Was Management und operative Ausrichtung angehen, werden wir alle immer besser bei Digitalisierung und ‚Fernarbeit‘ werden. Bei bestimmten Tätigkeiten ist eine innerbetriebliche Neuausrichtung zu mehr ‚Smart Working‘ durchaus denkbar.

Ein Beispiel: Für die Endkontrolle der bei uns produzierten Maschinen durch unsere Kunden kontaktieren wir unsere Auftraggeber digital direkt in deren Unternehmen – so wie ich es beispielsweise gestern mit einer Firma in den USA gemacht habe. Der Kunde sieht unsere Maschine, stellt die nötigen Fragen, die Maschine wird geprüft. Schließlich gibt er uns sein Okay und wir verschicken die Anlage. Das ist ein Novum: Es ist nicht mehr nötig, dass der Kunde physisch anwesend ist. Die Vision von Industrie 4.0 wird in diesem Zusammenhang immer realer.

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