Die WZL-Direktoren Prof. Klocke und Prof. Brecher über die Folgen des großen Hallenbrands „Wir konnten alle Projekte weiterführen“

Die WZL-Direktoren Prof. Klocke und Prof. Brecher über die Folgen des großen Hallenbrands

„Wir konnten alle Projekte weiterführen“

„Wir werden beim Neuaufbau der Infrastruktur und der Versuchsstände alle Möglichkeiten der digitalen Vernetzung nutzen. Einen Schwerpunkt bildet dabei der Aufbau eines CNC-Kompetenzzentrums“, sagen Prof. Fritz Klocke (li.), Inhaber des Lehrstuhls für Technologie der Fertigungsverfahren, und Prof. Christian Brecher, Inhaber des Lehrstuhls für Werkzeugmaschinen. Bild: Autorin
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Auch nach dem Hallenbrand war das Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen arbeitsfähig. Welche Folgen das Ereignis vom 4. Februar 2016 hatte und wie der Stand in Sachen Wiederaufbau ist, sagen die beiden Institutsdirektoren Prof. Fritz Klocke und Prof. Christian Brecher. ❧ Mona Willrett
Wie sieht der Alltag am WZL gut ein Jahr nach dem verheerenden Hallenbrand aus?
Wir haben zwischenzeitlich ausreichende räumliche Möglichkeiten geschaffen, um die wichtigsten Versuchsstände wiederaufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Der Alltag ist nach wie vor durch viele Aktivitäten geprägt, die mit der Brandbewältigung zu tun haben. Der Forschungsalltag läuft aber auch schon wieder gut an. Wir haben uns alle so gut es geht mit der Situation arrangiert.
Wie hat es das Institut geschafft, den Betrieb erfolgreich weiterzuführen?
Als erstes liegt es uns am Herzen, das enthusiastische Engagement aller unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu nennen. Kurz nach dem Durchschreiten des ersten tiefen Tals kam eine Stimmung, ein Gestaltungsgeist auf, der mit unserer Motivationsansage ‚Jetzt erst recht‘ auf den Punkt gebracht werden kann. Das Anpacken aller, und dies zu jeder Zeit – auch spät abends und am Wochenende –, war sichtbarer Ausdruck dieser Institutskultur. Wir hatten aber auch aus unserem Umfeld, den benachbarten Instituten, der Hochschule, der Fraunhofer Gesellschaft sowie der Industrie viele Hilfsangebote, für die wir ebenfalls sehr dankbar waren und sind.
Wie lange hat es gedauert, bis das Institut wieder arbeitsfähig war?
Wir waren immer arbeitsfähig, es gab keinen Totalausfall, denn im Manfred-Weck-Haus und auch im Fraunhofer IPT konnten wir die wichtigsten Arbeiten sofort weiterführen. Wir waren auch für die Außenwelt immer erreichbar.
Wie groß war der immaterielle Schaden, der Verlust an Daten und Forschungsergebnissen?
Der von uns ermittelte materielle Schaden liegt zwischen 85 und 90 Millionen Euro. Auf der anderen Seite haben wir auch Forschungsergebnisse verloren, die wir neu erarbeiten mussten. Glücklicherweise hielt sich dieser Verlust in Grenzen. Wir konnten die Daten, die auf unseren Zentralservern in einem Nebenraum der WZL-Halle abgelegt waren, mit Stand vom Nachmittag vor dem Brandabend am 4. Februar, vollständig wiederherstellen. Das heißt, dass nur die Ergebnisse weniger Arbeitsstunden verloren gingen. Alle Daten, die aber lokal an den Versuchsständen gespeichert waren oder händische Dokumentationen, sind natürlich weg. Ein großer Verlust war – gerade für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der mechanischen und der E-Werkstätten –, dass die Arbeitsplätze und mit ihnen auch viele persönliche Dinge vernichtet wurden. Damit waren zum Teil Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten verbunden.
Herr Prof. Klocke, Ihr Lehrstuhl und der von Prof. Schmitt waren besonders stark betroffen. Konnten alle Projekte weitergeführt werden?
Ja, wir haben alle Projekte weitergeführt. Teilweise konnten wir mit den Leistungsempfängern Laufzeitverlängerungen vereinbaren. In diesem Anliegen sind uns die betroffenen Kunden auch sehr entgegengekommen. Wenn wir alle Projekte sagen, dann beinhaltet das auch die laufenden Bachelor- und Masterarbeiten, die Doktorarbeiten sowie die laufenden Forschungsprojekte.
Wie hat der Brand das WZL verändert?
Ein solcher Brand ist ein dramatischer Einschnitt. Das WZL in der Gesamtheit, wir Professoren und alle Mitarbeiter, haben den festen Vorsatz, das Werkzeugmaschinenlabor wieder zur alten Leistungsstärke zu entwickeln. Dies wird aber maßgeblich davon abhängen, wie wir die Forschungsinfrastruktur wieder herstellen können. Andererseits bietet ein Neuanfang auch immer die Möglichkeit, sich von Altem zu trennen und neue Schwerpunkte zu setzen.
Welche Chancen ergeben sich durch den Neuaufbau für das Institut?
Wir werden beim Neuaufbau der Infrastruktur und der Versuchsstände alle Möglichkeiten der digitalen Vernetzung nutzen. Ein Schwerpunkt ist dabei der Aufbau eines CNC-Kompetenzzentrums. Beim AWK zeigen wir schon wesentliche Maschinenverkettungen und eine durchgängige CAD-CAM-NC-Kette. Im CNC-Kompetenzzentrum werden wir demonstrieren, wie wir unsere Grundlagenforschungsergebnisse in die betriebliche Praxis überführen. Dies wird unseren industriellen Partnern die Möglichkeit geben, eigene Problemstellungen mit uns gemeinsam anzugehen. Der Neubau wird uns zudem die Möglichkeiten geben, produktionstechnische Herausforderungen in ihrer Gesamtheit messtechnisch zu erfassen. So werden wir beispielsweise neue Klimaboxen haben, um Temperaturschichten gezielt einstellen und so das thermoelastische Verhalten von Werkzeugmaschinen ganzheitlich studieren zu können.
Wirkt sich der Brand auch auf das Aachener Werkzeugmaschinenkolloquium aus?
Das AWK 2017 steht unter dem Motto ‚Internet of Production für agile Unternehmen‘. Trotz des tiefgreifenden Einschnitts durch den Brand haben wir durch die Hilfe der RWTH schnell und unkompliziert Interimsstandorte gefunden, an denen wir den Besuchern des Kolloquiums neuste Forschungen und praxisnahe Lösungen für die vernetzte Produktion von morgen zu demonstrieren werden.
Wie ist der Stand in Sachen Neubau?
Wir sind in Verhandlungen mit den zuständigen Behörden. Leider läuft alles viel langsamer, als wir das zunächst vorhergesehen haben. Wir hoffen aber sehr, dass der Neubau nicht erst 2021 fertiggestellt wird, wie dies die aktuelle Planung vorsieht.
Die Packungsdichte in der Maschinenhalle war extrem hoch. Sind Erweiterungen geplant? Wo und wie werden diese umgesetzt?
Ihre Feststellung ist richtig. Ob wir allerdings Erweiterungen realisieren können, ist zurzeit noch nicht entschieden. Wir halten aber angemessene Erweiterungen für unausweichlich, wenn wir mindestens die alte Leistungsstärke wieder erreichen wollen.
Gibt es inzwischen Erkenntnisse zur Brandursache?
Die Brandursache und der Entstehungsort konnten aufgrund der großen Zerstörung nicht festgestellt werden.

Brand der WZL-Halle
In der Nacht zum 5. Februar 2016 vernichtete ein Großfeuer die Halle des Werkzeugmaschinenlabors WZL der RWTH Aachen. Die Maschinen- und Laborhalle mit rund 3500 m2 Grundfläche war das Herzstück des Instituts. Laut Prof. Günther Schuh, dem derzeit geschäftsführenden Direktor des WZL, war es dem großen Einsatz der Feuerwehr zu verdanken, dass die angrenzenden Gebäude gerettet werden konnten.
Maschinen und Versuchsanlagen waren in der Halle bereits in der Vergangenheit eng gepackt. Zudem hat sich die fertigungs- und messtechnische Forschung in den letzten Jahren stark verändert. Heute gilt es vermehrt, Prozessketten zu untersuchen, statt einzelner Fertigungsverfahren. Eine Erweiterung der Fläche wäre für die Zukunftsfähigkeit des Instituts deshalb wichtig.
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