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„Erfolgreiche Veränderungen funktionieren nicht per Knopfdruck“

DIHK-Chef Dr. Wansleben macht die Spitzenorganisation der Kammern fit für die Zukunft
„Erfolgreiche Veränderungen funktionieren nicht per Knopfdruck“

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Dr. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Berlin, sorgt seit November für frischen Wind in der Dachorganisation der 82 Industrie- und Handelskammern. Im Gespräch mit dem Industrieanzeiger sagt er, wo und wie er Akzente setzen will.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Iris Frick beim DIHK in Berlin – iris.frick@konradin.de

Herr Dr. Wansleben, Sie gelten als sehr selbstbewusst und sehr reformfreudig. Kaum im Amt, strichen Sie den Mitarbeitern vier Tage Urlaub und verordneten die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. War der DIHK reif für einen Mann wie Sie?
Lassen Sie mich ein Sprichwort zitieren: Niemand ist so schlecht wie sein Ruf und niemand war so gut wie sein Nachruf. Die Mitglieder haben mich gewählt. Ich denke, der DIHK und ich passen gut zueinander. Wenn ich mir anschaue, was wir in der kurzen Zeit, in der ich hier bin, gemeinsam alles zu Wege gebracht haben, sowohl mit den Mitgliedern als auch mit den Mitarbeitern, kann ich nur sagen, ist das eine spannende gemeinsame Geschichte.
Es kursiert der Spruch: Wansleben – der Sanierer. Ist das ein Schimpfwort für Sie?
Nein! Denn ich weiß, die Mehrheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht hinter dem, was wir hier tun. Natürlich wird, wenn ein Neuer kommt, der jemandem nach folgt, der diese Funktion über 20 Jahre hatte, vieles als völlig neu gesehen. Was vielleicht gar nicht so neu ist.
Welche Themen sollen in nächster Zeit in Angriff genommen werden?
Konkret gibt es drei Handlungsfelder. Das erste ist, dass wir zum Ende des Jahres, zwei Jahre früher als ursprünglich geplant, den Standort Bonn aufgeben. Spektakulär ist, dass wir das tradierte DIHT-Gebäude an der Adenaueralle 148 jetzt verkaufen. Das zweite Handlungsfeld ist die Umstrukturierung. Vor dem Hintergrund der Standort-Konzentration können wir den DIHK als Unternehmen neu aufbauen. Das bedeutet beispielsweise künftig weniger interne Dienste und dafür die Stärkung der Bereiche, die unmittelbar für die Unternehmen und für die IHK wertschöpfend aktiv sind. Darüber hinaus nehmen wir das Thema Europa sehr ernst. Deshalb nutzen wir jetzt die Veränderungen im Personalbereich, um unser Büro in Brüssel, mit bislang zehn Mitarbeitern, deutlich aufzustocken, ohne die Gesamtmitarbeiterzahl zu erhöhen.
Der Kostendruck durch die betriebliche Altersversorgung für die DIHK-Mitarbeiter ist groß. Wie wollen Sie das Problem lösen?
Wie andere Unternehmen und Organisationen müssen wir das Thema Pensionszusagen anpacken. Es steht an, nicht nur das Bisherige abzusichern, sondern auch hier konsequent etwas Neues einzuführen, das stärker auf die Kapitalvorsorge Wert legt und weniger auf die Pensionszusage. Für die Finanzierung der geplanten Änderungen und der anstehenden Pensionsforderungen muss die DIHK-Vollversammlung am 26. Juni die nötigen einmaligen Umlagen beschließen.
Wie sieht der Zeitplan für die angedachten Veränderungen aus?
Bereits im Februar wurden die Kernentscheidungen getroffen. Wir sind jetzt an der Umsetzung. Bonn wird Ende des Jahres geschlossen sein. Damit einher geht dann die Personalveränderung. Die Neupositionierung unserer Aktivitäten in Brüssel wird etwa drei Jahre in Anspruch nehmen. Veränderungen sind nie eine Knopfdruck-Aktion, sondern der bewusste Beginn einer Entwicklungslinie. Sie muss aus Sicht derer, die uns bezahlen, eben die IHK respektive die Unternehmen, Erfolg versprechen.
Wo finden sich im Umbau die Außenhandelskammern (AHK) wieder, was wird sich bei den Auslandsvertretungen ändern?
Wir sind dabei, in enger Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts- und Außenministerium ein Regionalraster zu erarbeiten, so dass die AHK und die Delegiertenbüros viel stärker regionale Märkte gemeinsam bearbeiten können und außerdem die Kooperation mit den Botschaften gefestigt wird. So werden auch etwaige nationale Aspekte in engster Zusammenarbeit abgedeckt. Wir wollen keine Doppelarbeit, keine Reibungsverluste, sondern Hand in Hand gehen. Ich freue mich außerordentlich, dass damit eine Forderung, gerade des industriellen deutschen Mittelstands, nämlich das Einbinden der Botschaften in die Außenwirtschaftsförderung, so konstruktiv gelingen kann.
Werden die AHK von der deutschen Industrie überhaupt wahrgenommen und angenommen?
Ja, sehr intensiv. Rund 40 AHK haben 40 000 Mitglieder. Das belegt die starke Verankerung in der deutschen Wirtschaft. Die Anfragen steigen ständig. Sie liegen zur Zeit bei rund einer Million im Jahr. Dabei darf nicht vergessen werden, dass sich die AHK weitgehend selbst finanzieren.
Althergebracht, überholte Strukturen – das wird oft genannt in Zusammenhang mit IHK. Wie sehen Sie das, als Chef der Organisation?
Ich persönlich bin ausgesprochen angenehm überrascht, mit welcher Konsequenzbereitschaft in den meisten Industrie- und Handelskammern Verbesserungen angepackt werden. Längst sind Kunden- und Marktorientierung keine Fremdwörter mehr. Man darf einfach nicht verkennen, dass die Kammern am Ende dann doch mit der regionalen Wirtschaft in jeder Form klarkommen müssen.
Eine Umfrage ergab, dass 40 Prozent der Unternehmer mit ihrer Kammer unzufrieden sind. Ist das kein katastrophales Zeugnis?
Immerhin haben wir die Zustimmung von 60 Prozent. IHK nehmen, das darf man nicht außer Acht lassen, in erster Linie öffentliche Funktionen war. Auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflichtmitgliedschaft unterstreicht dies. Das duale Ausbildungsytem beispielsweise liegt deshalb in der Selbstverwaltung der Wirtschaft, weil es ihr von der Öffentlichen Hand übertragen wurde. Wir reden also zum Großteil über öffentliche Güter, für die alle bezahlen, doch es ist unterschiedlich, wie sehr das einzelne Unternehmen den Nutzen auf sich bezieht. Insofern würde ich keiner Statistik glauben, die da sagt, 100 Prozent der Wirtschaft sind für das IHK-System.
Trotzdem ist vielen Betrieben die Mitgliedschaft zu teuer.
Wenn ich mir anschaue, dass der Durchschnittsbeitrag in der Größenordnung von 170 Euro im Jahr liegt, dann muss man sich schon fragen, ob die ganze Diskussion nicht einseitig politisch aufgebauscht ist. Und außerdem, wer sich vehement gegen die Mitgliedschaft stemmt, muss am Ende auch vorschlagen, wie das was IHK machen dann künftig geleistet werden soll. Ich bin überzeugt, wir werden ganz schnell eine Mehrheit finden, die auf jeden Fall dagegen ist, dass der Staat die Tätigkeiten wieder in seine Bürokratie übernimmt.
Wir überzeugen Sie kurz und knackig ein Unternehmen von der Sinnhaftigkeit der Pflicht-Mitgliedschaft?
Die IHK sind die konkret umgesetzte Privatisierung eigentlich öffentlicher Funktionen. Regionale Wirtschaft bedarf eines Kooperations-Geflechtes, das Gerüst dafür sind die Kammern.
Der Macher
Es sieht nicht aus wie sonst die Büros von Hauptgeschäftsführern. Da hat sich einer an seinen neuen Schreibtisch gesetzt, das Jacket ausgezogen und die sprichwörtlichen Ärmel hochgekrempelt. Keine Zeit für die gehobene Büroausstattung aus Edelholz, Kunstwerke an Wänden und auf Bücherregalen. Zeit, ohne Unterbrechung an seinem Schreibtisch zu arbeiten, hat er eh erst, wenn die anderen Feierabend machen. Bis dahin ist er in Bewegung und bringt seine Mitarbeiter auf Trab. Denn wer neben ihm gehen und nicht hinterher rennen will, muss einen Zahn zulegen. Der 1,90-Meter- Mann macht zwangsläufig größere Schritte als die meisten seiner Mitmenschen. Große Schritte macht Dr. Martin Wansleben seit einem halben Jahr auch in seinem Job als Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags in Berlin. Dabei ist er dem einen oder anderen auf die Füße getreten. Doch längst mehren sich die Stimmen derer, für die Veränderung nicht gleichbedeutend ist mit Bedrohung, sondern der Chance zu gestalten. Auch das kann Wansleben: Seine Mitarbeiter motivieren, ihre Schrittzahl zu verdoppeln, um mit seinem eingeschagenen Tempo mithalten zu können. if
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