Finanzierung: Für Mittelständler führen unterschiedliche Wege aus dem Kapitalengpass

Für gute Pläne gewinnt der findige Unternehmer immer einen Financier

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Bankenkrise, Basel II und Börsencrash – das Kapital wird knapp. So mancher Mittelständler steht plötzlich ohne Financier da. Die Unternehmer müssen umdenken: Jetzt gilt es, alternative Finanzierungsquellen zu erschließen, verstärkt Förderkredite zu nutzen und den Banker mit zukunftsfähigen Konzepten zu überzeugen.

Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Vögele-Ebering – tilman.voegele@konradin.de

Buchtipp: „Kapitalbeschaffung und Rating für Mittelständler“, S. 52. Mehr Bücher: www.Industrieanzeiger.de – Literatur für Manager – Unternehmensführung
Bei seiner Bank wandelt sich so mancher Mittelständler vom einst so gern gesehenen Firmenkunden zum Bittsteller. Nach einer Umfrage des DIHK haben sich vergangenes Jahr für ein Viertel der Firmen die Kreditkonditionen verschlechtert. Der Branchenverband VDMA hat in einer Studie ermittelt, dass 2002 für ein Drittel der Maschinen- und Anlagenbauer die Finanzierungssituation schwieriger geworden ist.
Hinter vorgehaltener Hand berichten Unternehmer von Fällen, in denen Kreditlinien einfach gekündigt wurden. Und das, obwohl die Umsetzung der Basel-II-Beschlüsse der internationalen Bankenaufsicht 2006 noch in weiter Ferne liegt. Sie bedeuten für Unternehmen, dass Kredite teurer oder günstiger werden können, je nachdem wie der Kreditnehmer bei der Bonitätsbeurteilung Rating abschneidet.
Doch weder Kreditinstitute noch Betriebe lassen sich über einen Kamm scheren. „Die unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen eines Unternehmens, die Wirtschaftskrise, das Thema Rating, das Verhalten der Banken zum Mittelstand: All das lässt eine einheitliche Betrachtungsweise nicht zu“, verdeutlicht Dieter Langenberg. Der Prokurist und Vertriebsleiter der Karl Fliether GmbH in Velbert, einem Metallverarbeiter mit rund 600 Mitarbeitern, kennt sich aus. Er beschäftigt sich seit geraumer Zeit im betriebswirtschaftlichen Ausschuss des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung e.V. (WSM) mit dem Thema.
Langenberg bestätigt, wie sich das Verhältnis zwischen Bank und Unternehmer verändert hat. „Vor zehn Jahren traf man sich mit Bankern zu einem zwanglosen Gespräch bei einer Tasse Kaffee“, berichtet er und fügt überspitzt hinzu: „Zum Schluss einigte man sich darauf, wie hoch der Prozentsatz für die Festgelder war.“ Heute habe sich das Verhältnis geändert, was an einem Detail sichtbar werde: „Es bestimmt nicht mehr der Unternehmer, wo und zu welchem Termin ein Gespräch stattfindet, sondern häufig die Bank.“
Wer es richtig anpackt, kann nach Langenbergs Meinung dennoch den gewünschten Kredit ergattern. Ein professionell vorbereitetes Bankengespräch sei wichtiger denn je. Auf die richtige Dokumentation des Zahlenmaterials komme es zwar an, sie stehe aber nicht mehr allein im Vordergrund. „Die Zukunftsfähigkeit des Projektes muss für den Banker plausibel sein“, verdeutlicht der Fliether-Betriebleiter. Entscheidend sei das Auftreten des Unternehmers beim Gespräch, ebenso wie die Erfolgsaussichten des Vorhabens.
Und die Wahl der Bank: Belauscht man einen Unternehmerstammtisch, kommen Großbanken und private Banken häufig schlecht weg. Institute ziehen sich – gebeutelt vom Börsencrash und vielen Firmenpleiten – aus dem Geschäft mit den KMU zurück. Volks- und Raiffeisenbanken sowie öffentliche Kreditinstitute halten dem Mittelstand öfter die Treue.
Absolute Offenheit und Transparenz überzeugen Banken
Wichtig sind vor diesem Hintergrund Kreditinstitute wie die IKB Deutsche Industriebank AG in Düsseldorf, die sich auf den Kundenkreis Industrie spezialisiert hat. Claus Momburg, Vorstandsmitglied der IKB und dort zuständig für das inländische Firmenkundengeschäft, bestätigt den Wandel im Finanzsektor. Er warnt aber vor überzogenen Schlüssen: „Den klassischen Firmenkundenkredit wird es auch in Zukunft geben“, ist er sicher. Die Bonitätsprüfung, das sogenannte Rating, sei jedoch – nicht zuletzt durch die Anforderungen von Basel II – differenzierter und systematischer geworden. Die Bonitätsprüfung verlange „ein hohes Maß an Offenheit und Transparenz gegenüber dem Finanzpartner“, so der Bankvorstand.
Die Kreditpolitik der Institute orientiert sich generell mehr am Risiko als früher. Allein schon die Zahl der Firmenpleiten erreichte 2002 laut Statistischem Bundesamt einen Höchststand. Inklusive Kleinunternehmen gab es 37 600 Chefs, die Insolvenz anmelden mussten. Die Gläubiger dieser Firmen bleiben auf mehr als 51 Mrd. Euro an Forderungen sitzen. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass seitens der Banken die Zeit der großzügigen Kreditvergabe vorbei ist.
Hinzu kommt, dass höhere Risiken höhere Risikokosten, sprich Zinsen, zur Folge haben müssen, um das Kreditgeschäft rentabel zu gestalten, erläutert der Banker. Außerdem: Solide Unternehmen mit guten Zukunftsaussichten werden laut Momburg mit den Anforderungen von Basel II keine Schwierigkeiten haben. Für kleine und mittlere Firmen sieht Basel II ohnehin Sonderregelungen vor (siehe Kasten).
Alternativen zum klassischen Kredit werden wichtiger. Für größere Mittelständler sind dies die Finanzierungsinstrumente über den Kapitalmarkt wie Unternehmensanleihen oder Schuldscheindarlehen. Aber: Eigenkapital ist teuer, teurer als Fremdkapital. Denn wer Geld als Eigenkapital zur Verfügung stellt, erwartet eine höhere Verzinsung als ein Kreditgeber. Trotzdem prophezeit IKB-Vorstand Momburg eine deutlich steigende Nachfrage für das so genannte Mezzanine-Kapital. Dies sind eigenkapitalähnliche Mittel wie Stille Beteiligungen, die der Kapitalgeber gegen eine laufende Verzinsung gewährt. Solche Konstruktionen kommen auch für kleinere Betriebe in Frage, wie zum Beispiel im Rahmen des KfW-Programms „Kapital für Arbeit“.
Besonders schwierig scheint die Kapitalbeschaffung, wenn ein Mittelständler einen Großauftrag vorfinanzieren muss. Der Aufwand für ein Entwicklungsprojekt verhagelt so ziemlich jedes Rating-Ergebnis, was wiederum die Kapitalbeschaffung fürs laufende Geschäft verteuert. Für Automobilzulieferer beispielsweise hat die IKB einen neuen Lösungsansatz ausgearbeitet: das IKB-Partnerschaftsmodell. Dabei gründet die IKB eine Projektgesellschaft, bei der der Zulieferer als Partner einsteigt. Vorteil: So bleibt die Finanzstruktur in der Bilanz und somit das Rating-Ergebnis des Zulieferers unbelastet. Das Modell lässt sich jedoch auf Grund der großen Komplexität laut IKB erst ab einer Projektgröße von 20 Mio. Euro sinnvoll umsetzen.
Für Anlagen-Investitionen empfehlen Fachleute Leasing als Alternative. Sie wird beispielsweise bei Werkzeugmaschinen oft schon vom Hersteller angeboten. Das Factoring, das Abtreten von Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft, ist ebenfalls eine Möglichkeit, um flüssig zu bleiben, ohne das Eigenkapital anzutasten.
IKB-Vorstand Momburg weist zudem auf die Programme der Förderbanken Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und Deutsche Ausgleichsbank (DtA) hin. Für die Hausbanken war es in der Vergangenheit zunehmend unlukrativ, Förderkredite durchzuleiten, da sie nur 1 % Margenaufschlag verlangen durften. Das hat sich mittlerweile geändert, wie zum Beispiel beim KfW-Globaldarlehen. Zudem klagten viele über undurchsichtige Programme.
Das soll sich nun bessern, verspricht der Vorstandssprecher der KfW, Hans W. Reich. Der oberste Förderbanker der Republik wird stets von der Bundesregierung gerufen, wenn irgendwo die Kapitalversorgung ins Stocken gerät. Jetzt soll er mit der neuen Mittelstandsbank die Finanzierung von KMU und Gründern verbessern. Unter diesem Dach bündeln die zum Jahreswechsel fusionierten Förderbanken KfW und DtA nun alle Programme für kleine und mittelständische Unternehmen. Ab Sommer soll dies umgesetzt sein. Bislang gibt es ein gemeinsames Antragsformular sowie eine Info-Hotline (Tel. 01801-335577).
Die Mittelstandsbank soll mehr sein als ein neues Etikett, versichert der KfW-Vorstandssprecher. „Für den Unternehmer bedeutet die Mittelstandsbank eine deutliche Verbesserung“, so Reich, „er hat jetzt nur noch einen Ansprechpartner für alle Mittelstandsförderprodukte in Deutschland.“ Zudem wollen die Aufbaubanker Überschneidungen der Programme von KfW und DtA bereinigen. Das Angebot soll also noch strukturierter auf die Bedürfnisse des Unternehmers zugeschnitten sein, verspricht Reich. Auch diese Programme werden über die Hausbank abgewickelt.
Und sollte das Bankengespräch nicht wie gewünscht verlaufen, dafür hat Fliether-Betriebsleiter Langenberg einen Tipp aus der Praxis parat: Man kann es einfach bei einem anderen Institut versuchen, rät er. Jedes Kreditinstitut habe individuelle Risikoklasseneinteilung, Bewertungsmaßstäbe und Zinskonditionen. Sein Fazit: „Ein und derselbe Fall wird von Bankern völlig unterschiedlich eingeschätzt.“
Basel II: Extras für Kleinere
Chefs von Unternehmen mit einem Kreditvolumen unter 1 Mio. Euro und weniger als 50 Mio. Euro Umsatz sollten eines wissen: Solche Kredite sind von den Basel-II-Beschlüssen ausgenommen. Das Argument „Basel II verteuert Kredite“ eines Firmenkundenberaters beim Bankgespräch zieht in dem Fall also nicht. Für solche Mittelständler-Kredite muss die Bank von 2006 an nicht das Eigenkapital für Firmenkredite (Richtwert 8 %) hinterlegen. Diese Kredite werden behandelt wie die von Privatleuten, für die die Kreditinstitute weniger Eigenkapital zurückbehalten. Das heißt, dass die Kredite für kleinere Firmen günstiger werden müssten. Dies ist eine wichtige Änderung zum ursprünglichen Basel-II-Beschluss, die auf Drängen der deutschen Industrieverbände und der Bundesregierung durchgesetzt wurde.
Mehr Infos
– Mittelstandsbank (Kreditanstalt für Wiederaufbau, Deutsche Ausgleichsbank) www.mittelstandsbank.dewww.kfw.de
– Deutscher Factoring-Verband www.factoring.de
– Bundesverband deutscher Leasinggesellschaften www.leasingverband.de
– Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK)www.bvk-ev.de
Leasing
Auf Zeit mieten statt kaufen ist eine übliche Finanzierungsvariante für Fahrzeuge, EDV-Anlagen und Werkzeugmaschinen, aber auch für komplette Fabriken.
Vorteile: Gar kein Eigenkapital nötig, Leasinggesellschaften übernehmen meist die komplette Finanzierung. Die Kosten fallen über einen langen Zeitraum verteilt an (Pay as you earn).
Nachteile: Leasing ist im Vergleich zum Kredit teuer. Viel hängt vom Restwert des geleasten Objektes ab – ein Unsicherheitsfaktor.
Factoring
Das Unternehmen verkauft seine Außenstände an eine Factoring-Gesellschaft. Es erhält dann einen vereinbarten Prozentsatz sofort ausgezahlt. Häufig übernimmt der Factor das gesamte Forderungsmanagement.
Vorteile: Sofortige Liquidität, die abgetretenen Forderungen tauchen in der Bilanz nicht mehr auf; die Eigenkapitalquote steigt dadurch.
Nachteile: Factoring ist teuer: Für die Vorfinanzierung fallen Gebühren an, die sich über dem Niveau von Kontokorrentzinsen bewegen.
Private Equity/VC
Venture Capital (VC): Banken oder Konzerne investieren in Wachstumsfirmen. Nach einigen Jahren wollen VC-Geber mit Gewinn wieder aussteigen. Private-Equity-Gesellschaften investieren von Großanlegern, um es in renditestarke Firmen zu investieren.
Vorteile: Echtes Eigenkapital, um die Expansion zu finanzieren. VC-Gesellschaften stehen auch beratend zur Seite.
Nachteile: Kommt für wachstums- und renditestarke Unternehmen in Frage, wegen der hohen Renditeerwartungen der Anleger. Als Miteigentümer bestehen manche Gesellschaften auf Mitspracherechten.
Mezzanine-Kapital
Eigenkapitalähnliche Mittel, beispielsweise über Stille Beteiligungen. Vertraglich werden Zins und Rückzahlung geregelt.
Vorteile: Diese Art der Finanzierung ist geeignet für kleine und mittlere Unternehmen und kommt beispielsweise zur Finanzierung von Wachstum, Projekten oder Nachfolgeregelungen zum Einsatz. Kein Mitspracherecht des Kapitalgebers wie bei Venture Capital.
Nachteile: Höhere Zinsen als für Fremdkapital. Nur für etablierte Unternehmen mit stabiler Rendite: Kapitalnehmer muss meist Zielvorgaben in Bezug auf Finanzkennzahlen einhalten.
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