Industrie 4.0

Geschäftspartner in der Cloud

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Industrie 4.0 basiert nicht nur auf Hightech wie Sensoren oder Algorithmen. Mindestens ebenso nachhaltig wie in der Produktion werden die Auswirkungen auf das Management im Allgemeinen und die Geschäftsmodelle im Besonderen sein.

Michael Grupp
Freier Journalist in Stuttgart

Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage nutzen 53 % aller deutschen Unternehmen spezielle Industrie 4.0-Anwendungen, weitere 21 % befinden sich in der konkreten Planungsphase zur Einführung (Stand April 2019). Für lediglich drei Prozent der hiesigen Unternehmen sind smarte Technologien kein Thema, im Vorjahr waren es noch dreimal so viele. Zwei Drittel der insgesamt 555 befragten Unternehmen bejahen einen starken Einfluss dieser Technologien auf ihr Geschäftsmodell. Knapp die Hälfte (46 %) reagierte bereits mit der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen.

Bitkom-Präsident Achim Berg ist sich sicher: „Ob Fahrzeugbau, Maschinenbau oder Elektronik – Industrie 4.0 sorgt dafür, dass traditionelle Geschäftsmodelle in allen Branchen durch neue Technologien ergänzt,
optimiert oder sogar ersetzt werden. Unternehmen
können ihre Produkte auf ganz neue Weise anbieten. Dadurch werden sie nicht nur serviceorientierter, sie bleiben vor allem international wettbewerbsfähig. Wir sehen ganz deutlich, dass die eigentliche Revolution von Industrie 4.0 nicht allein in der Produktion, sondern bei den Geschäftsmodellen stattfindet. Daher sollte jedes Unternehmen sein Geschäftsmodell auf den digitalen Prüfstand stellen.“

Das bedeutet nicht, dass etablierte Geschäftsmodelle zwangsläufig erneuert werden müssen. Und manche kleine und mittlere Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sind gar nicht daran interessiert, aus ihrer lukrativen Nische herauszuwachsen. In der Praxis lässt sich heute ein buntes Nebeneinander unterschiedlicher Formen beobachten – der Ausgang ist in vielen Fällen noch ungewiss. So verdienen die Automobilhersteller nach wie vor gutes Geld mit dem klassischen Verkauf von Autos, bieten Zusatzdienste an und betreiben eigene Carsharing-Plattformen. Allerdings sollten Unternehmen im digitalen Umfeld ihre bewährten Geschäftsmodelle zumindest kritisch hinterfragen. Tun sie es nicht, verschenken sie im besten Fall Marktanteile, im schlimmsten Fall sind sie langfristig existenzgefährdet.

Das Tablet als Ergänzung der Maschine

Möglichkeiten für die Weiterentwicklung des eigenen Geschäftsmodelles gibt es viele. Sie reichen von ergänzender Digitalisierung über Product-as-a-Service-
Ansätzen bis hin zu digitalen Plattformen.

Es muss nicht immer gleich die Einführung eines komplett neuen oder gar disruptiven Geschäftsmodelles sein. Um die positiven Wertschöpfungseffekte von
Industrie 4.0 möglichst schnell nutzen zu können, sind zuerst einmal abgeschlossene Teilprojekte sinnvoll. So nutzt beispielsweise der Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf eine App, mit der Maschinen und Prozesse über Tablets bedient werden können. Die MobileControl App überwacht den Produktionsprozess, Mitarbeiter können damit sogar Programmwechsel vornehmen, die sonst nur direkt am Bedienpult möglich sind. In der nächsten Ausbaustufe können solche Lösungen zu
Service-Plattformen ausgebaut werden – der Hersteller wird damit zum Dienstleister. Das kann sowohl den
eigentlichen Produktionsprozess umfassen, wie auch Wartungsempfehlungen oder ganz neue Angebote beinhalten. Mit dem „Fleet Manager for Machine Tools“ bietet Siemens zum Beispiel eine App für die industrielle Internet of Things-Plattform „MindSphere“. Mit der Cloud-basierten Applikation lassen sich weltweit Werkzeugmaschinen in Produktionsstätten überwachen und deren Verfügbarkeit erhöhen. Volvo geht noch einen Schritt weiter und verbindet Trucks, Drohnen, GPS-Sensoren und Kommunikationsgeräte zu einer innovativen, teilautonomen Lösung für Baustellen. Damit schafft sich der Fahrzeughersteller neue Umsatzpotentiale.

Alles als Service

As-a-Service-Lösungen basieren auf der Idee, dass Kunden nicht das Produkt, sondern eine Leistung kaufen. Als erster Anbieter dieser Art berechnete Michelin schon in den frühen 1920er Jahren nicht einmalig den Reifen, sondern kontinuierlich die gefahrenen Kilometer. Heute finden sich vergleichbare Lösungen in vielen
Bereichen von der Bürokommunikation über die IT bis hin zum Maschinenpark. Laut Bitkom bieten bereits
43 % der deutschen Maschinenbauer Pay-Per-Use-
Modelle an. Je mehr bzw. wirtschaftlicher der Kunde produziert, desto höher der Ertrag. Darüber hinaus kann der Hersteller die gewonnenen Daten nutzen, um die eigenen Produkte zu verbessern oder darüber hinaus auch Predictive Maintenance-Services anzubieten. Als zusätzliches Geschäftsfeld dienen Maschinenherstellern zunehmend auch Software-Updates mit erweiterter Funktionalität. Zu solchen Konzepten gehört beiderseitiges Vertrauen: Einerseits geht der Verkäufer ein wirtschaftliches Risiko ein. Andererseits teilt der Kunde seine Daten mit dem Hersteller. Damit trägt Industrie 4.0 nicht nur zur technologischen Vernetzung bei, sondern auch zur Vernetzung von Marktpartnern. Wie unterschiedliche solche Lösungen ausfallen können zeigt die Gabelstaplerbranche. So ist hier nicht nur die Bezahlung auf Basis von Nutzungsstunden möglich, sondern alternativ auch über die gefahrenen Kilometer oder die gehobenen Tonnen – je nach Kostenstruktur des Kunden.

Plattformbasierende Geschäftsmodelle

„Plattformen gewinnen eigentlich immer gegenüber Produkten“, meint Christian Gülpen, Bereichsleiter
Digitalisierung/Industrie 4.0 und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement (TIM) an der RWTH Aachen. Die Zahlen geben ihm recht: Plattformbasierte Geschäftsmodelle sind im Kommen. Neben ihrer Hauptaufgabe, der konzertierten Angebotsvermittlung, sammeln sie Kundendaten und kennen nach kurzer Zeit das Einkaufsverhalten der Nutzer. Auf dieser Informationsbasis lassen sich Empfehlungen ableiten wie auch neue Produkte entwickeln. Plattformen dienen aber nicht nur dem Vertrieb der eigenen Produkte und der Vernetzung mit Kunden, Lieferanten und Marktpartnern. Im Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz werden in Zukunft agile Produktionskonzepte und proaktive Kundenanalysen möglich sein. Schon heute nutzt die Modebranche IT-basierte Trend- und Absatz-Prognosen, die Industrie wird nachziehen. Denn genaue Vorhersagen erhöhen nicht nur die Marktchancen, sondern minimieren auch den Aufwand für Ressourcen und Logistik.

Laut Bitkom entwickeln 83 % der Anbieter ihre digitalen Plattformen selbst. Seit 2018 bietet Trumpf
beispielsweise für seine Maschinen und Anlagen die
Option, kostenlos die IoT-Plattform Axoom zu nutzen. Die Plattform hosted und aggregiert die Daten der Maschinen. Darüber hinaus bietet Axoom, die am 1. Juli 2019 von GFT Technologies übernommen wurden, den Download von Apps, die beispielsweise für die Über-wachung des jeweiligen Maschinenstatus eingesetzt
werden können. Die Integration von bestehenden
Maschinen bzw. von anderen Marken ist geplant.

Umsetzungs-Strategien

Digitalisierung ist Chefsache: Das Management muss die Pläne unbedingt mittragen – nicht nur finanziell, sondern aus echter Überzeugung. Ebenso wichtig ist die schnelle Einbindung der Mitarbeiter. Erstens steigt die Akzeptanz der neuen Prozesse und Modelle mit der Partizipation aller Beteiligten. Zweitens kennen die Mitarbeiter die bestehenden Ressourcen, Herausforderungen und Problemstellungen aus erster Hand. Damit wird bereits in frühen Phasen des Transformationsprozesses der Grundstein für eine maßgeschneiderte Technologie
gelegt, der die Unternehmensziele wie auch jeden einzelnen Mitarbeiter optimal unterstützt. Typischerweise verlaufen digitale Implementierungsprozesse in fünf Phasen: Orientierung, Planung, Pilotierung, Operationalisierung. Die Orientierungsphase dient vor
allem für die Informations-
beschaffung aus öffentlich zugänglichen Quellen (siehe Infokasten links). In der Planungsphase werden die Potentiale der Digitalisierung für das Unternehmen konkreter formuliert und vor allem die Umsetzung organisatorisch im Unternehmen verankert. Parallel muss in dieser Phase der digitale Reifegrad des Unternehmens analysiert und gegebenenfalls optimiert werden – da dieser alle
Parameter der Umsetzungsstrategie beeinflusst. Dieser Reifegrad gibt an, ob und wie die
Informationsverarbeitung innerhalb und außerhalb des Unternehmens konsequent digital und frei von störenden Medien-
brüchen verläuft.

In der Pilotphase wird es erstmals konkret: Jetzt werden konkrete Use Cases für das neue Geschäftsmodell entwickelt und getestet. In der abschließenden Operationalisierung geht es um Skalierung des Piloten an die tatsächlichen Marktstrukturen, die Einbindung an die unternehmenseigene IT-Architektur und die kurzfristige Berücksichtigung von internen und externen Rückmeldungen.


Weiterführende Informationen

Es gibt zahlreiche Informationsquellen und Hilfestellungen für die Realisierung der digitalen Transformation beziehungsweise für die Definition neuer Geschäftsmodelle. Hier eine Auswahl:

  • Die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren unterstützen vor allem kleinere und mittlere Unternehmen bei der Etablierung neuer Geschäftsmodelle. Mittelstand-Digital bietet kostenloses Expertenwissen, Demonstrationszentren, Netzwerke, Veranstaltungen und praktische Beispiele: www.mittelstand-digital.de
  • Die IHK informiert ihre Mitglieder über rechtliche Grundlagen, Förderprogramme, Experten und Dienstleister. Regionale Ansprechpartner finden Sie über www.ihk.de
  • Das privatwirtschaftliche Institut für Business Model Innovation (IfBMI) beschäftigt sich mit angewandter Forschung rund um das Thema Business Model Innovation. Im Fokus stehen Veröffentlichungen von Fachartikeln und Büchern, Durchführung von Studien und Konferenzen. www.ifbmi.net

Serie Industrie 4.0

Wir begleiten Sie mit unserer Serie auf dem Weg zur Digitalisierung. In dieser Ausgabe beleuchten wir das Thema Geschäftsmodelle. Alle Beiträge finden Sie auch online auf www.industrieanzeiger.de.

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