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Von einem, der auszog, um Weltmeister zu werden

Wettbewerb: Azubi der Sick AG holt in Südkorea Gold für Deutschland
Von einem, der auszog, um Weltmeister zu werden

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Am liebsten würde der bescheiden und zurückhaltend wirkende junge Mann gar nicht so viel Aufhebens um seine Person machen. Doch mit seiner Goldmedaille bei der Berufsolympiade hat er sich den Ruhm selbst eingebrockt.

Von unserem Redaktionsmitglied Jens-Peter Knauer

Gold für Deutschland! „Natürlich wollte ich Erster werden“, macht Martin Grafmüller aus seinem großen Ziel keinen Hehl. Und tatsächlich: Bei der 36. Berufsweltmeisterschaft in Seoul holte der 20-jährige, mittlerweile ehemalige Auszubildende der Sick AG, Waldkirch, die Goldmedaille. Gemeinsam mit Thomas Hohl aus Liechtenstein (ebenfalls Gold) setzte er sich gegen den koreanischen Teilnehmer Baek Ho Jeung (Bronze) und zwölf weitere Industrieelektroniker durch.
Insgesamt nahmen 661 Jugend-liche aus 35 Staaten teil, die in 40 Berufen um die Weltmeisterschaft kämpften. Ungefähr doppelt so viele Delegierte und Experten betreuten die Veranstaltung, die von der World Skills International Vocational Training Organisation (www.ivto.com) in der südkoreanischen Hauptstadt durchgeführt wurde. „Ich habe mich gefühlt wie bei einer großen Sportveranstaltung“, erinnert sich Martin Grafmüller an die offizielle Eröffnungsfeier, als alle Mannschaften unter der Länderflagge in die Festhalle einmarschierten. Ein bisschen aufgeregt sei er gewesen, gibt er zu, aber das habe sich schnell gelegt, als der sich über vier Tage erstreckende Wettbewerb endlich begann.
Und er begann mit einer Aufgabe, die den Sick-Azubi fast aussichtslos ins Hintertreffen brachte: dem Fertigen eines 19″-Leiterplatten-Rahmens. Zusammenschrauben, bestücken, verdrahten, in Betrieb nehmen – und das alles auf Zeit. „Danach lag der Martin in der Rangliste unter ferner liefen“, erzählt Benno Bohn. Der spätere Goldjunge hatte die Aufgabe „nur“ zu 90 % gelöst! Benno Bohn, Ausbilder bei Sick, war einer der internationalen Experten, die die Aufgaben festlegten und auswerteten. „Es war schon bitter, dem Jungen nicht helfen zu können“, ergänzt er, der als Kampfrichter natürlich Neutralität wahren musste.
Doch Martin Grafmüller half sich selbst. „Der blöde Tag hat mich erst so richtig motiviert“, erinnert er sich, obwohl er sich zunächst wie ein Versager gefühlt habe. Die ganze Vorbereitung – Landesausscheidung, Bundeswettbewerb, das Lösen unzähliger Abschlussprüfungen – das alles sollte umsonst gewesen sein? Aber beim Zehnkampf fällt die Entscheidung schließlich auch nicht schon nach dem 100-m-Lauf, dachte er.
So kämpfte sich Martin Grafmüller an den beiden folgenden Tagen nach vorn. Beim Re-Engineering war er einer der Besten. „Das gab Auftrieb“, sagt er. Weitere Aufgaben waren Fehlersuche, Theorieprüfungen, Inbetriebnahme einer Datenübertragung mittels Infrarot und ein Prototypprojekt, bei dem zwei Schaltteile für einen Frequenzgenerator entworfen und angeschlossen werden mussten. „Danach war ein Platz auf dem Treppchen absehbar“, blickt Benno Bohn zurück, „aber der Koreaner lag noch immer meilenweit vorn.“ Die Berufsolympiade genießt in Asien einen besonderen Stellenwert: Der koreanische Vertreter hatte sich drei Jahre lang speziell auf diesen Wettbewerb vorbereitet. Kein Wunder, denn Goldmedaillen-gewinner werden in Korea vom Staat mit einer Eigentumswohnung belohnt.
Der letzte Tag brachte die Entscheidung. Ein Mikrocontroller musste programmiert werden, inklusive der Suche nach drei eingebauten Fehlern und zusätzlicher Programmerweiterung. Und da erwischte es den Koreaner: Er holte nur ein Viertel der möglichen Punkte. Martin Grafmüller und Thomas Hohl, der Vertreter Liechtensteins, zogen quasi auf den letzten Metern noch vorbei. „Ich wusste nicht, wie’s gelaufen war, aber gefeiert haben wir trotzdem“, schmunzelt der 20-Jährige.
Die Siegerehrung auf der Abschlussfeier geriet zu einem unvergesslichen Erlebnis. Der koreanische Staatspräsident persönlich war gekommen, um die Abschlussrede zu halten. Zwischen den Siegerehrungen traten bekannte Künstler auf und versetzten das Publikum in Ekstase. „Eine Stimmung wie auf einem Popkonzert! In dem ganzen Trubel hätte ich fast meinen Auftritt verpasst“, erinnert sich Martin Grafmüller. Aber weil einige der Kollegen vorher schon im Internet nachgeschaut hatten, wusste er, dass er bei der Siegerehrung aufpassen musste.
Aus Waldkirch waren extra noch Ausbildungsleiter Hans Farina, Personalchef Rudolf Kast, zwei Lehrer sowie die Tochter des Firmengründers Renate Sick-Glaser angereist, um zu zeigen, dass das ganze Unternehmen stolz auf seinen Musterschüler ist. Dem war der ganze Trubel um seine Person eher unangenehm. „Ich hätte lieber meine Ruhe gehabt“, sagt er. Doch zu Hause warteten noch Empfänge bei Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, in seinem Heimatdorf Freiamt und natürlich bei Sick.
Ausbildung genießt einen hohen Stellenwert bei dem Sensorhersteller aus dem Schwarzwald. Bereits 1997 hatte der ehemalige Azubi Simon Trautmann in St. Gallen WM-Gold geholt, zwei Jahre später belegte Frank Erb in Montreal einen fünften Platz. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr: 1,4 Mio. Euro hat Sick im vergangenen Jahr in die Ausbildung investiert. Die Zahl der Auszubildenden und BA-Studenten wird im nächsten Jahr von 86 auf 100 steigen.
„Wir legen nicht nur auf die fachliche Kompetenz großen Wert“, erklärt Personalchef Rudolf Kast, „sondern auch auf die Ausbildung methodischer und sozialer Fähigkeiten. Bei uns sind Auszubildende gleichzeitig auch Ausbilder“, fährt er fort. So veranstalten die Azubis Lötschulungen für Mitarbeiter aus der Produktion. Da passiert es auch, dass Beschäftigte von der ungarischen Tochtergesellschaft nach Waldkirch kommen, um sich von den künftigen Industrieelektronikern beim Löten weiterbilden zu lassen. Ein anderes Beispiel sind die BA-Studenten, die regelmäßig PC-Schnupperkurse für Mitarbeiterkinder anbieten oder auch mal dem ein oder anderen Mitarbeiter unter die Arme greifen.
Um Eigenständigkeit, Fremdsprachen und interkulturelles Verständnis zu fördern, unterstützt die Ausbildungsabteilung den Einsatz von BA-Studenten im Ausland. Vorzugsweise geschieht dies bei den Tochtergesellschaften. „Gerade erst haben wir einen BA-Absolventen nach Japan geschickt“, erzählt Rudolf Kast. „Außerdem organisieren wir noch zweimal im Jahr einen Austausch, einmal mit Finnland und einmal mit Israel.“
Sick beschäftigt sechs hauptamtliche, ausgebildete Ausbilder und darüber hinaus in den Fachabteilungen ungefähr 100 intern geschulte Ausbildungsbeauftragte, die sich um die Jugendlichen kümmern. „Das war ein wesentliches Kriterium für den Ausbildungs-Oscar“, so der Personalchef. Den hatten die Wirtschaftsjunioren in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung im vergangenen Jahr der Sick AG verliehen. „Ohne dieses Engagement – speziell der Ausbildungsbeauftragten – wären solche Erfolge wie der von Martin Grafmüller undenkbar“, ist sich Ausbilder Benno Bohn sicher.
Und so tut das Unternehmen auch alles, um dieses Niveau und vor allem auch die gut ausgebildeten Fachleute zu halten. Wer beispielsweise eine Goldmedaille bei der Berufs-WM holt und dann studieren will, wird mit einem Stipendium gefördert. Martin Grafmüller, der im Moment seinen Zivildienst ableistet, gehört dazu. „Ich werde erst mal mein Fachabitur nachholen“, blickt er in die Zukunft. Und dann? „Dann will ich an der TU Karlsruhe Elektrotechnik studieren.“ Und dann? „Dann komme ich zurück!“
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