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M: Standortübergreifende Nutzung digitaler Technologien

Strategie
Digitale Technologien standortübergreifend nutzen

Um das Potenzial digitaler Technologien voll auszuschöpfen, sind Standortfähigkeiten zu analysieren. Notwendig ist zudem ein strukturiertes Vorgehen, um Wissen auf andere Standorte zu übertragen.

Christoph Benninghaus, M.Sc.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Technologiemanagement
Dr. Lukas Budde
Projektleiter, Institut für Technologiemanagement, Universität St. Gallen

Industrie 4.0 oder Digitalisierung der Produktion gelten im deutschsprachigen Raum als Heilsbringer – um die Effizienz der Produktion zu steigern oder um die Wettbewerbsfähigkeit produzierender Unternehmen an Hochlohnstandorten zu sichern.

Basierend auf der Idee einer effektiven Prozessverbesserung und Strategieunterstützung ist häufig jeder Standort im Produktionsnetzwerk berechtigt, digitale Technologien und Aktivitäten voranzutreiben, zu bewerten, zu testen und zu implementieren. Doch welche Standorte sich vorrangig eignen, digitale Technologien einzusetzen und wie entsprechendes Wissen von einem Standort auf andere übertragen werden kann, ist für viele Unternehmen noch eine ungelöste Herausforderung.

Standortfaktoren für digitale Technologien

Welche Standorte für den Einsatz von digitalen Technologien geeignet sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dabei lassen sich viele Standortfaktoren und -vorteile identifizieren, die alle individuell zu evaluieren sind. Für produzierende Unternehmen sind Faktoren wie Nähe zu Lieferanten oder Märkten, lokale Technologiecluster, Transportkosten, kulturelle sowie zoll- und nichttarifärer Hindernisse häufig genannte Gründe, um sich für oder gegen den Einsatz einzelner Technologien zu entscheiden.

Im Kontext der digitalen Technologien lassen sich aber einige Stellhebel besonders herausstellen. Diese wurden anhand der gängigen Literatur und im Rahmen eines internationalen Benchmarking-Projekts mit acht global tätigen deutschen und Schweizer Unternehmen erarbeitet. Generell lassen sich diese Stellhebel in externe Faktoren (Lieferanten, Kunden) und interne strategische und operative Faktoren untergliedern.

Auf der strategischen Seite spielen die Produktionsstrategie, das lokale Managementsystem, Kultur und Organisationsstrukturen eine entscheidende Rolle. Diese Stellhebel haben Auswirkung auf alle Unternehmensprozesse (siehe Abbildung). Alle diese operativen Prozesse wie beispielsweise Produktion, Logistik oder F&E werden besonders durch die Mitarbeiter am Standort, die existierende Infrastruktur, das vorhandene Wissen sowie die lokalen Investitionen in die Prozesse gekennzeichnet.

Ebenso beeinflussen digitale Technologien diese operativen Prozesse und die Einflussfaktoren. Daher muss für jeden Standort und für jeden einzelnen Prozess geprüft werden, welche Technologie an dem spezifischen Standort sinnvoll eingesetzt werden kann. Ein wenig entwickelter Standort mit gering qualifizierten Mitarbeitern und einer ausbaufähigen Infrastruktur (wenn etwa Stromausfälle oder fehlende IT-Versorgung vorherrschen) ist meist nicht geeignet, um hochkomplexe Technologien einzusetzen.

Andererseits kann ein entwickelter Standort mit Zugang zu Wissen, neuester Infrastruktur und bei Erfüllung der strategischen Vorgaben durchaus Technologien wie Robotik, Augmented-Reality-Lösungen, Künstliche Intelligenz oder ähnliche einsetzen. Daher bedarf es einer kritischen Auseinandersetzung mit allen Elementen des Modells zur Digitalisierungs-Standortentscheidung (siehe Abbildung). Doch auch nach der Evaluierung und der Entscheidung, digitale Technologien an einem spezifischen Standort einzusetzen, ist ein strukturiertes Vorgehen gefordert, um digitale Technologien im Produktionsnetzwerk zu verbreiten.

Instanzen für den Wissens- und

Technologietransfer

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die folgenden Konzepte am besten geeignet sind, das Wissen und die damit verbundenen Kompetenzen bezüglich Technologien im Netzwerk zu verteilen.

Transnationale Teams: Einmal gebildet, können transnationale oder teilweise auch „Lead Teams“ auf verschiedene Arten genutzt werden, um globale Effizienz zu erreichen, zum Aufbau von Technologiekompetenzen, für Ad-hoc-Fehlerbehebung, Prozessstandardisierung, Training oder kontinuierliche Verbesserung. Die vier notwendigen Schritte sind dabei Bildung des Teams, Fokussierung des Teams und seiner Aufgabe, Erhaltung des Teams und schließlich die Übertragung von Erfahrungen in die gesamte Organisation.

Kompetenzcenter: Ein solches besitzt Wissen sowie herausragende Fähigkeiten in Bezug auf eine oder mehrere Funktionen. Diese werden vom Kompetenzcenter auch an andere Standorte im Produktionsnetzwerk übertragen und als Quelle für die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen verstanden. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine einheitliche Definition und keine Aufgabenfelder für Kompetenzcenter. Eine besondere Form dieser Center sind „zentrale Transfereinheiten“.

Leitwerke: Ein Leitwerk ist in der Regel ein Kompetenzcenter für einen ausgewählten Produktbereich. Dieses entwickelt stellvertretend für alle Standorte im Produktionsnetzwerk Produkte, Prozesse sowie Technologien und stellt die Resultate allen Werken zur Verfügung. Das Leitwerk ist in der Lage, auch standortübergreifende Aufgaben zu erfüllen und dient als Wissenshub zur Unterstützung der weltweiten Lernfähigkeit. Ebenso kann das Leitwerk direkt am Hauptsitz eines Unternehmens angesiedelt sein oder völlig unabhängig.

Vorteil transnationaler Teams sind vor allem die gleichverteilte Arbeitsbelastung und Kosten für alle Standorte und die Berücksichtigung lokaler Sichtweisen von mehreren Standorten. Jedoch ist diese Organisationsform aufwendig zu koordinieren.

Wenn Produktionsnetzwerke hinsichtlich digitaler Technologien und Aktivitäten eher autonom oder dezentral organisiert sind, bieten sich eine zentrale Transfereinheit oder Leitwerke an. Diese bewerten und prüfen Entwicklungen und Lösungen aus den Fertigungshallen aller Werke, um Standardisierung zu gewährleisten und lokale Systeme zu vermeiden. Besteht die Gefahr, dass allgemeine Unternehmensstandards betroffen sind, wird das lokale Projekt gestoppt. Darüber hinaus wird die Überprüfung von funktionsübergreifenden Lösungssätzen durch die Transfereinheit oder das Leitwerk überwacht mit dem Ziel einer standardisierten und umfassenden Einführung von Digitalisierungslösungen und -technologien innerhalb des Produktionsnetzwerkes.

Fazit: Diskussionen in Bezug auf Digitalisierung beziehen sich heute primär auf die Standortperspektive. Eine systematische Analyse der Produktionsstandorte, die fähig sind, das Potenzial digitaler Technologien auszuschöpfen, wird in der Regel auf Grund mangelnder Kenntnis der relevanten Faktoren vernachlässigt. Ebenso stehen Unternehmen vor der Hürde, die Technologien und entsprechendes Wissen auf andere Standorte zu übertragen. In Abhängigkeit von der Struktur des Produktionsnetzwerks bieten sich dabei besonders transnationale Teams, Kompetenzcenter oder Leitwerke an.

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