Als Präsident des Dachverbands Earto vertritt Frank Treppe die angewandte Forschung in Europa „Europas Forschung muss sich besser positionieren“

Als Präsident des Dachverbands Earto vertritt Frank Treppe die angewandte Forschung in Europa

„Europas Forschung muss sich besser positionieren“

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Fraunhofer-Direktor Frank Treppe ist seit neun Monaten Präsident der Europäischen Vereinigung von Forschungs- und Technologie-Organisationen Earto. Er will die europäische Technologieförderung dynamisieren.
Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum Präsidenten der Earto, Herr Treppe. Warum sollte man wissen, was hinter dem Begriff steckt?
Bei der European Association of Research and Technology Organisations handelt es sich um einen Interessenverband, in dem alle in Europa wichtigen Einrichtungen der angewandten Forschung zusammenarbeiten. Wir beschäftigen uns mit Forschungs-Perspektiven und sprechen mit einer gemeinsamen Stimme gegenüber der EU. Es gibt keine vergleichbare Organisation. Ein wichtiges Ziel unseres Verbandes ist, dass in europäischen Forschungsrahmenprogrammen die Themen auch mit Blick auf die angewandte Forschung gesetzt werden.
Für Earto arbeiten heißt, Lobbyarbeit für angewandte Forschung zu leisten?
Genau. Es geht uns nicht nur darum, dass die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es geht auch um inhaltliche Aspekte – um die Richtung, in die sich Europa technologisch entwickeln sollte, und um die Frage, welche Themen und Projekte von der EU finanziell gefördert werden. Zur Information: Das aktuelle Forschungs-rahmenprogramm Horizon 2020 ist mit 70 Milliarden Euro ausgestattet und damit das finanzstärkste Forschungsprogramm weltweit. Die Earto wird aber auch zunehmend einbezogen, wenn es um eine neutrale Stimme bei wichtigen technologischen Entscheidungen geht.
Wie muss man sich eine solche Beratung konkret vorstellen?
Ein Beispiel: Vom zuständigen EU-Kommissar Carlos Moedas wird die Idee des European Innovation Council (EIC) vorangetrieben. Er soll analog zum European Research Council (ERC) wirken, der herausragende Wissenschaftler im Rahmen eines siebenjährigen Forschungsrahmenprogramms mit insgesamt 13 Mrd. Euro unterstützt und auf Grundlagenforschung ausgerichtet ist. Der EIC soll hingegen darauf abzielen, mehr Innovationen, mehr marktfähige Produkte und letztlich mehr neue Unternehmen hervorzubringen als die bisherigen Programme. Nachdem der gelernte Ökonom Moedas den EIC in den Raum gestellt hatte, begann ein intensives Brainstorming, wie ein solcher Innovationsrat ausgestaltet werden könnte. Die Earto ist bei vielen dieser Gesprächsrunden und in Gremien ein aktiver Partner. Ich behaupte, die Earto ist mit ihren 350 Mitgliedern der stärkste Katalysator, um den European Innovation Council auf das richtige Gleis zu setzen.
Ihr Urteil zum Brexit?
In den vergangenen Jahren waren die britischen Forschungspartner ein integraler Bestandteil europäischer Forschungsprojekte und haben neben Deutschland mit am stärksten vom europäischen Forschungsförderungssystem profitiert. Wenn Großbritannien diese Gemeinschaft verlässt, wird der britischen Forschung ein signifikanter Teil ihrer Mittel fehlen. Eine gewisse Verunsicherung ist bei laufenden und bei der Planung neuer EU-Projekte schon zu spüren. Von der EARTO aus wollen wir die lange bewährte und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit exzellenten Mitgliedern aus Großbritannien natürlich fortsetzen. Wie sich das genau gestaltet, wird die Zukunft zeigen.
Die Integration einer intelligenten internetbasierten Industrieproduktion hat zuletzt hohe Dynamik bekommen. Kann die EU mit ihren Forschungsprogrammen hier Schritt halten?
Es ist ja nicht so, dass am Tag eins eines neuen Forschungsrahmenprogramms der Mittelabruf für die gesamte Förderperiode erfolgt. Das heißt: Die EU-Forschungsförderung kann durchaus auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Im Übrigen ist Industrie 4.0 keine spontane Entwicklung, die die EU-Förderung vollkommen unvorbereitet traf.
Welche Ziele haben Sie sich als Earto-Präsident gesetzt?
Ein großes Ziel ist es, die richtigen Themen für das nächste Forschungsrahmenprogramm zu setzen, das 2020/2021 beginnt und sieben Jahre dauert. Darüber hinaus möchte ich daran mitwirken, dass unsere 350 Mitgliedseinrichtungen mehr darüber nachdenken, welchen technologischen Herausforderungen sich Europa künftig stellen muss und wie sich Kräfte bündeln lassen, um ihnen zu begegnen. Europas Forschungsraum ist immer noch sehr fraktal: Es wird zu viel darüber nachgedacht, wie sich Einzelne im Wettbewerb innerhalb Europas besser aufstellen können. Dabei müsste es darum gehen, wie sich Europa als Ganzes besser gegenüber den USA oder asiatischen Ländern positioniert.
Kommen wir zu Ihrer Funktion als Fraunhofer-Direktor für Unternehmensstrategie und Internationales. Was ist dort genau Ihr Job?
Fraunhofer nimmt viel Geld in die Hand, um Vorlaufforschung zu betreiben – Forschung also im vor-wettbewerblichen Stadium. Hier die Weichen richtig zu stellen, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Ich verantworte alle Programme der Vorlaufforschung, in die wir pro Jahr rund 70 Mio. Euro investieren. Dazu gehört, die richtigen Felder zu erkennen,die Wettbewerber weltweit zu beobachten und selbst neue Impulse zu setzen. Der internationale Blickwinkel wird bei Fraunhofer immer wichtiger. Mittlerweile haben wir Aufträge aus dem Ausland im Wert von jährlich 300 Mio. Euro, wovon zwei Drittel von Partnern aus Europa kommen. Dies entspricht unserem neuen Leitbild, in dem es heißt: Fraunhofer leistet angewandte Forschung zum Wohl der Gesellschaft und der deutschen und europäischen Wirtschaft. Mehr noch: Indem wir in Japan und den USA mit Einrichtungen vor Ort sind, lernen wir viel über die Mentalität der Menschen dort.
Was die Elektromobilität angeht, hat das nicht richtig funktioniert. Südkoreanische Unternehmen sind im Hinblick auf Batterietechnologien den deutschen enteilt. Und auch Tesla setzt mit seiner Batteriefabrik in Nevada ab 2017 neue Maßstäbe.
Fraunhofer hat in der Tat kein Institut für Elektrochemie. Dennoch beschäftigen wir uns im Verbund mit deutschen und europäischen Partnern intensiv damit. Dabei fokussieren wir uns aber auf das Bauen und Einbauen von Batterien.
Die US-Industrie hat wieder Fahrt aufgenommen. Noch vor wenigen Jahren waren deutsche Produktionstechnik-Professoren überzeugt, dass dort der Anschluss an die Weltspitze verlorengegangen ist. Sie sind für Fraunhofer seit vielen Jahren in den USA aktiv. Wie lautet Ihr Urteil?
Der Wettbewerb ist keineswegs entschieden. Anlässlich der diesjährigen Hannover Messe wurde eine Umfrage unter 560 Produk-tionsleitern gemacht, wer beim Thema Industrie 4.0 die Nase vorne hat. 28 % der Befragten nannten die USA, und erst auf dem zweiten Platz folgte Deutschland mit 25 %, dahinter rangierte Japan. Man darf die Amerikaner nicht unterschätzen. Der Unterschied ist: Deutschland ist bei der Produktion stark, die USA sind dagegen in der Informationstechnologie stark. Zudem hat Präsident Obama mit dem National Network für Manufacturing Innovation eine Milliarde Dollar investiert, um die US-Industrie wieder fit zu machen. Mit bemerkenswertem Ergebnis: Auf der Hannover Messe 2016 präsentierten die Amerikaner ein Auto, das sie in großen Teilen über 3D-Laserdruck produziert haben. Think big, heißt ihre Devise.
Was unterscheidet die US-Industrie von der deutschen?
Deutsche konzipieren Produkte eher aus Ingenieurssicht – also wie man etwas punkt-genau optimiert und qualifiziert herstellt. Amerikaner sind vertriebsorientiert. Wer sich deren Präsentationen anschaut, registriert plakative Begriffe und kernige Zahlen. Den Unterschied im Denken dokumentierte Elon Musk, der Tesla-Gründer, vor wenigen Monaten eindrucksvoll: Er stellte den Tesla 3 vor, der 2017 auf den Markt kommen soll, und verkaufte in zwei Wochen mehr als 300 000 Bezugsanrechte für je 1000 Dollar. So etwas würden Europäer nie machen. Der Verkauf würde erst beginnen, wenn sicher ist, dass das Produkt in der versprochenen Zeit, Qualität und Anzahl hergestellt werden kann. Wenn es darum geht, Geld für eine neue Sache in die Hand zu nehmen, sind Amerikaner viel schneller …
… und wer als Unternehmer scheitert, bekommt die Chance auf einen Neuanfang. Warum lernen wir hier nicht von den Amerikanern? Bei uns werden gescheiterte Unternehmer in der Regel stigmatisiert. Was kann die Fraunhofer-Gesellschaft auf diesem Feld bewegen?
Fraunhofer unterstützt Ausgründungen gezielt. Das beginnt bei der Beratung im Vorfeld und reicht bis zur Hilfe bei der tatsächlichen Gründung und der Überwindung von Schwierigkeiten, damit die Unternehmen sich entwickeln und etablieren können. Das machen wir mit einem sehr guten Ergebnis: Fünf Jahre nach der Ausgründung sind noch 80 % der Firmen im Markt.
Was sind die wichtigsten Bausteine von Fraunhofer in den USA?
Fraunhofer unterhält dort acht Niederlassungen, die überwiegend an der Ostküste angesiedelt sind und eine befindet sich in Kalifornien. Die Center haben zwischen 20 und 100 festangestellte Mitarbeiter. Eigene Forschung betreiben wir in Boston, in Michigan sowie in den Bundesstaaten Connecticut, Delaware und Maryland. Thematisch ist Fraunhofer dort in der Produktionstechnik und Biotechnologie und auch in der Energie- und Oberflächentechnik stark vertreten. Weiterhin ist uns wichtig, Fraunhofer-Forscher in den USA zu qualifizieren. In den 20 Jahren unseres dortigen Engagements haben wir über 1000 Forschungsaufenthalte gefördert, die alle mehr als drei Monate dauerten.
Wagen Sie zum Schluss noch einen Ausblick auf das Industrieland Deutschland im Jahr 2026?
Wenn ich das wüsste, wäre ich der beste Innovationsberater überhaupt. Doch im Ernst: Ich denke, Deutschland wird eine Industrienation bleiben, die unter anderem durch die Herstellung von Autos geprägt ist. Zwar wird das Auto in manchen Ländern seinen Status-Charakter verlieren und nur noch den sich rasch ändernden Bedürfnissen zur Mobilität dienen. Aber durch die massiven Investitionen in das autonome Fahren – verbunden mit denen in die Elektromobilität – sehe ich Deutschland weiterhin als einen der großen Global Player in diesem Sektor.
Wolfgang Hess, Redaktionsdirektor für Sonderprojekte in der Konradin Mediengruppe

Vita Frank Treppe
Seit 2013 ist Frank Treppe Direktor Unternehmensstrategie und Internationales in der Fraunhofer-Zentrale in München. Nach seinem Diplom als Maschinenbau-Ingenieur an der RWTH Aachen 1985 arbeitete er bis 1994 in mehreren Positionen am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT. Von 1994 bis 1999 war er als Vize-Präsident für Fraunhofer USA tätig. Nach mehreren Jahren in der Industrie kehrte er 2004 zu Fraunhofer zurück und arbeitete bis 2013 am Fraunhofer-Institut für Werkzeug-maschinenbau und Umformtechnik IWU, Chemnitz, ab 2008 als Mitglied der Institutsleitung. Treppe, Jahrgang 1956, ist Gutachter im europäischen Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020. Seit April 2016 ist er Präsident der Europäischen Vereinigung von Forschungs- und Technologie-Organisationen Earto.
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