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Firmenstruktur: Abschied von der Pyramide

Firmenstruktur: Steil oder flach?
Goldener Mittelweg ist zukunftsweisend beim Führungsstil

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An alten Strukturen mit dem Chef an der Spitze der Pyramide reiben sich vor allem Mitarbeiter der Generation Z. Millennials wünschen sich flache Hierarchien, mit kurzen Wegen, Entscheidungs- und Handlungsspielräumen. Bild: Andrey Popov/stock.adobe.com
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Hierarchie ist ein formales Ordnungsprinzip und selbst Start-ups brauchen ein Mindestmaß an offiziellen Kommunikationswegen. Alternative Konzepte gibt es nicht. Was es braucht, ist eine Reformierung der Rolle des obersten Chefs in Richtung Teamleiter und Coach.

Dipl.-Betriebswirt Rolf Leicher
Fachautor und Referent in Heidelberg

Das traditionelle Bild eines Unternehmens sieht vor, dass an dessen Spitze der große Boss steht. Er wird flankiert von internen und externen Beratern. Eine Etage tiefer sitzt das mittlere Management, das die Beschlüsse der obersten Leitung weitergibt und die Einhaltung prüft. Dieses Modell hat sich über viele Jahrzehnte erfolgreich erwiesen. Warum sollte man es nun in Frage stellen?

Wenn man jemanden auffordert, ein Unternehmen zu skizzieren, wird er dies meist in Form einer Pyramide – das Unternehmen wird von oben nach unten dargestellt. Oben wird gedacht, unten wird gemacht. Dazu passt auch die Sitzordnung in Meetings, der Vorgesetzte immer am Kopf des Tisches. Sein Büro ist meist in der oberen Etage. Und er hat auch einen eigens für ihn reservierten Parkplatz.

Mit dem Hierarchie-Bewusstsein wandert der Blick des Mitarbeiters von unten nach oben, er überlegt, was der Vorgesetzte will, wie er sich verhalten soll. Wer als Führungskraft eine Idee hat, nutzt die Organisation, damit seine Idee realisiert wird. „Alles Gute kommt von oben“ deutet die Pyramide an. Wer die Blickrichtung ändert, erkennt, dass es so nicht zeitgemäß ist, auch wenn die Pyramide noch in unseren Köpfen ist. „Hierarchisch gedacht, wird das gemacht, was der Chef gesagt hat“ so Goetz Werner, Gründer der DM-Märkte.

Und genauso wenig wie ein Baum von oben nach unten wächst, ist es im Unternehmen. Es wächst und wirkt nicht nur von oben nach unten. Ein Unternehmen muss sich um die Schnittpunkte kümmern, um die Stellen, wo Leistungen generiert werden. Statt einer festgezurrten hierarchischen Führerschaft, die auf Status basiert, eine Führerschaft, die auf Fähigkeiten beruht. Statt althergebrachter Hierarchie, jetzt eine lebendige Prozessorganisation.

Flach oder steil?

Aktuell ist derzeit die flache Hierarchie, die in Stellenausschreibungen ausdrücklich angeboten wird. Das bedeutet weniger Führungsebenen, oft keine räumliche Trennung zwischen der Führung und den Mitarbeitern. Mehrere Ebenen bedeutet „steil“ und es dauert länger, bis Prozesse abgeschlossen sind. Wer in einem digital geprägten Bereich tätig ist, weiß welche Nachteile damit verbunden sind. Viele Zwischenetagen verursachen im Informationsfluss von oben herab über Bereichsleiter, Abteilungsleiter, Teamleiter bis zum Mitarbeiter Missverständnisse. Mit dieser Struktur kommt es zu Verzögerungen bei Entscheidungen, weil sie von den Instanzen abgesegnet werden müssen. Eine verschlankte Struktur sorgt dafür, dass das Unternehmen die notwendige Flexibilität nicht einbüßt. Jeder hat einen größeren Verantwortungsspielraum, was sich positiv auf die Arbeitsqualität und die Motivation auswirkt.

In der horizontalen statt vertikalen Perspektive bekommt der Mitarbeiter ein anderes Bewusstsein und entlastet so die Führung. An der Spitze steht nicht nur eine Person, die nach außen hin die Verantwortung hat. Der Chef schwebt nicht mehr als unnahbares Wesen über allem, er übernimmt die Rolle des Coaches, der die Gruppendynamik fördert. Er sitzt in der Kantine mit dem Team zusammen, verzichtet auf den „Logenplatz“. Er nimmt am Grillfest im Sommer teil. Er hat sogenannte Sprechstunden für jeden. Er geht, zumindest gelegentlich, durch die Abteilung und zeigt sich ansprechbar. Er macht seine Entscheidungen transparent und erreicht damit Verständnis. Flache Hierarchien, mit der Möglichkeit eigenverantwortlich zu agieren, fördern den Typ des Einzelkämpfers, entgegnen die Kritiker. Um das zu verhindern, braucht das Unternehmen eine festgeschriebene Teamkultur. Es wird auf der entsprechenden Ebene gemeinsam an Lösungen gearbeitet.

Das Ende der Hierarchie ausrufen?

Den Chef an der Spitze der Pyramide wollen die meisten aber nicht gleich abschaffen. Hierarchie stellt ein formales Ordnungsprinzip dar und auch kleinere Organisationen brauchen ein Mindestmaß an offiziellen Kommunikationswegen. Derzeit gibt es keine alternativen Konzepte. Was der Manager braucht, ist eine Reformierung seiner Rolle. Am besten sieht sich der oberste Chef als Teamleiter, als Coach und nimmt damit eine andere Rolle wahr. Der Chef als Teil des Teams führt seine Mannschaft wie ein Coach beim Fußball. Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe, man vergleicht das auch mit der Hebamme, die zur Geburtshilfe da ist, die Mutter muss die Arbeit selbst leisten.

Heute werden vom Chef andere Persönlichkeitswerte erwartet als früher in einer Zeit von Respekt und Gehorsam. Er begegnet jetzt seinen Mitarbeitern auf Augenhöhe, bietet Führung durch Kooperation, Sicherheit und Halt. Der erfolgreiche Chef ist mehr Menschenkenner als Fachexperte. Zu seiner Kernaufgabe gehört es, die Mitarbeiter durch den persönlichen Umgang im „situativen Führungsstil“ zu motivieren, zu beteiligen. Er kommuniziert offen und ehrlich, vollständig und rechtzeitig.

Generation Z möchte flache Hierarchien

Die Generation Z möchte flache Hierarchien, mit kurzen Wegen, Entscheidungs- und Handlungsspielräumen, wie sie in der alten Struktur nicht möglich waren. So gerät die pyramidenhafte Struktur mit den Einflussmöglichkeiten unter Druck. Hierarchien neu zu überdenken, ist mühsam und erfordert Mut. Start-up-Unternehmen haben es einfach, sie fangen bei null an und definieren Führungsstrukturen unvoreingenommen.

Flache Hierarchien haben auch Nachteile. Letztlich tragen die Mitarbeiter mehr Verantwortung, die sie von oben herab erhalten haben. Das kann belastend sein, denn sie stehen mehr unter Druck und tragen bei Misserfolg die Konsequenzen. Wer auf Entscheidungen mehr Einfluss hat als früher, ist schnell weg vom Fenster, wenn es eine Fehlentscheidung war. Kein Wunder, dass es auch Arbeitnehmer gibt, die lieber weisungsgebunden sind und die Verantwortung nicht mittragen müssen. Dennoch: Flache Hierarchien sind beliebt, weil sie den Instanzenweg verkürzen und mehr Nähe zum Topmanagement bedeuten.

Reinhold Würth, der ein wahres Imperium aus Schrauben und Dübeln erschaffen hat, nahm sich regelmäßig Zeit und ist mit dem Außendienst zu Kunden gefahren. Kunden haben es immer geschätzt, wenn sich die Führung um Alltagsprobleme kümmert. Wenn der Chef dabei ist, so meinen Kritiker, sieht es aus, als würde der Mitarbeiter kontrolliert werden.

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