Investitionsstandort China: Die Stärken können sich komplementär ergänzen

Elektrotechnik

„Stärken, die sich komplementär ergänzen können“

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ZVEI-Präsident Michael Ziesemer mit Yi Liu, Director of Management Committee of Foshan Sino-German Industrial Service Zone. Liu gilt als wichtigste Vordenkerin des Foshaner industriellen Modernisierungskonzepts. Bild: ZVEI
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China ist für deutsche Unternehmen Absatzmarkt wie auch Investitionsstandort. Die Herausforderungen dabei sind groß, dennoch überwiegen die Chancen für jene, die ins Chinageschäft einsteigen, hebt Michael Ziesemer, Präsident des ZVEI, im Gespräch im südchinesischen Foshan hervor.

Dr. Thomas Kiefer
Freier Journalist in Aumühle im Auftrag unserer Redaktion

Herr Ziesemer, Sie kennen China lange und gut. Welche Bedeutung hat Chinas rasante Entwicklung für die ZVEI-Mitgliedsunternehmen?

Für die deutsche Elektroindustrie ist China jetzt schon – hinter den USA – der zweitwichtigste Investitionsstandort im Ausland. China hat sich zudem für die deutsche Elektroindustrie zum wichtigsten Abnehmer entwickelt. Und gleichzeitig ist China Deutschlands größter ausländischer Lieferant: Elektro-Waren im Wert von über 48 Milliarden Euro führte China allein 2017 nach Deutschland ein.

Noch intensiver werden die Handelsbeziehungen voraussichtlich durch die „Belt and Road Initiative“. Sie ist eines der ambitioniertesten Infrastrukturprojekte unserer Zeit und wird die Märkte, aber auch die Menschen, neu miteinander in Kontakt bringen. Darin liegt eine große Chance für die Unternehmen der Elektroindustrie.
Voraussetzung ist jedoch, dass alle Partner gewinnen können. Chinesische Investoren beispielsweise können in Europa leicht Unternehmen kaufen. Das ist umgekehrt oft schwieriger. China und Deutschland müssen daher im bilateralen Wirtschaftsaustausch gleiche Bedingungen schaffen und ein faires und berechenbares „Level-Playing-Field“ für alle Unternehmen, chinesische wie deutsche, durchsetzen.

Das sind große Herausforderungen für alle Beteiligten, doch insgesamt bin ich der festen Überzeugung, dass die Chancen für Unternehmen, die ins Chinageschäft einsteigen, überwiegen.

Wenn sich ein Unternehmen entschieden hat, ins Chinageschäft einzusteigen, welche Unterstützung kann der ZVEI geben?

Wir bringen vor allem Menschen zusammen. Unsere Mitgliedsunternehmen, die mit uns hierhin für drei Tage nach Guangdong gereist sind, besuchen nicht nur Konferenzen und Messen. Sie treffen potenzielle Partner, um ihr Chinageschäft aufzubauen, und knüpfen wertvolle Kontakte. Das ist für viele Unternehmen eine enorme Hilfestellung.
Mit Europelectro haben wir zudem in China eine Plattform gegründet, um mit chinesischen Organisationen an der Etablierung gemeinsamer Normen zu arbeiten. Die Etablierung von Normen ist besonders für neue Technologien wie Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz oder 5G wichtig. Zur Mitarbeit bei Europelectro sind alle ZVEI-Mitgliedsunternehmen eingeladen.

Viele chinesische Elektro- und Elektronikkonzerne investieren in Deutschland. Wo sehen Sie da die Herausforderung für deutsche Unternehmen?

Wenn für alle Unternehmen die gleichen Rahmenbedingungen herrschen und sie fair sind – das ist wichtig – muss man sich dem Wettbewerb stellen. Da gibt es kein Klagen, der Markt wird es richten. Wenn ich im Vergleich zu einem chinesischen Unternehmen, das günstiger anbietet, Aufträge verliere, dann muss ich mich eben um meine Kostenstrukturen kümmern. Aber es bleibt dabei: Immer unter der Voraussetzung, dass die Rahmenbedingungen die gleichen sind. Und ich muss mich auch um Innovationen kümmern. Habe ich als Unternehmer innovative Produkte, die kostenmäßig stimmen, kann ich mich immer erfolgreich mit meinen Wettbewerbern auseinandersetzen. Das sind die Grundprinzipien einer freien Wirtschaft.

Sie erwähnten vorhin 5G. Können wir bei 5G noch von China dazulernen?

Eher ist es so, dass auch führende chinesische Unternehmen wie Huawei Technologies oder China Mobile Communication unseren Verband nutzen, weil sie mit unserer Kompetenz den Mobilfunkstandard der Zukunft gestalten wollen. Zu 5G kommen im ZVEI seit April dieses Jahres weltweit wichtige Akteure in der ZVEI-Arbeitsgemeinschaft „5G-Alliance for Connected Industries and Automation“ – kurz 5G-ACIA – zusammen. Ziel ist, die Standardisierung und Regulierung des künftigen Mobilfunkstandards von Anfang an industriekonform zu gestalten: Datenaustausch mit geringer Latenz und 4.0-Produktion in Echtzeit. 5G bedeutet für China wie auch für Deutschland einen großen Technologiesprung, den es zu gestalten gilt.

Was kann China noch von Deutschland lernen und bei welchen Themen ist uns China voraus?

Zur ersten Frage: In Deutschland verstehen wir industrielle Wertschöpfung besser als irgendwo sonst. Deshalb hat die auswärtige Industriepolitik Chinas die deutschen Industrietechnologien im Rahmen von „Made in China 2025“ auch in den Fokus gerückt. Die deutsche Industrie ist der führende Ausrüster der Fabriken und Anlagen der Welt – mit Steuerungen, Antrieben, Sensoren, Energietechnik und zunehmend bei der Software. Ganz selbstbewusst behaupten wir heute: Wer Industrie 4.0 verstehen will, kommt an Deutschland nicht vorbei.
Nun zu der Frage, was wir von China lernen können. China ist ganz klar vorne bei der Massenfertigung von Consumer-Produkten, bei der Produktion von Computern und
anderen elektronischen Produkten. Und das, obwohl China Zwischenstufen der Industrialisierung übersprungen hat und erst seit den 80ern in einem Rekordtempo aufgeholt hat. Und heute sehen wir so hoch entwickelte industrielle Zentren wie hier in Foshan. Das verdient unsere Anerkennung und auch in Deutschland täte uns etwas mehr Tempo oft gut.

Allerdings ist unser Weg auch ein anderer, denn während technologischer Fortschritt in China von oben verordnet wird, haben wir den Anspruch, den digitalen Wandel im gesellschaftlichen Dialog zu gestalten. Innovative Technologien wie etwa Künstliche Intelligenz müssen immer an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet sein. Ich denke, beide Länder haben Stärken, die sich komplementär ergänzen können.

Wie bewertet der ZVEI den Einsatz von KI?

KI ist nicht neu. Schon lange meistert sie viele Aufgaben: Sie erkennt Sprache im Smart Home, Bilder in der Medizin, steuert Maschinen in der Industrie und findet vielfältige Anwendung in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. In unseren Fabriken haben zum Beispiel hochautomatisierte Produktionsanlagen besonders monotone und körperlich stark belastende Routinetätigkeiten übernommen. Ohne KI wären viele Dinge nicht möglich, die für uns heutzutage selbstverständlich sind. Aus Sicht des ZVEI ist die KI durch den technologischen Fortschritt und die gestiegene Rechenleistung jetzt reif für einen breiten Einsatz in der Industrie. Daher setzt sich der ZVEI für eine industriepolitische Strategie ein, die zum Ziel hat, ein Ökosystem für die industrielle Daten- und Plattformökonomie zu schaffen, in dem KI ein wesentlicher Bestandteil ist. Unser Ziel ist, auch bei KI-Anwendungen im Industriesektor und im B2B-Bereich eine führende Rolle einzunehmen.


Formel für den Erfolg

Im Westen der südchinesischen Provinz Guangdong bei Foshan (8 Mio. Einwohner) und Zhuhai (fast 2 Mio. Einwohner) wächst die Fertigungsindustrie mit der Elektronikbranche zusammen. Midea, einer der weltweit größten Produzenten für Haushaltsgeräte und Klimaanlagen mit Stammsitz in Foshan, betreibt hier bereits vollautomatische, selbstlernende Fabriken und hat daher einen einmaligen Erfahrungsschatz in der praktischen Umsetzung. Die Midea-Tochter Kuka baut in Foshan zwei riesige Werkshallen, in denen zukünftig solche Komplettsysteme für den Markt produziert werden.

In Sichtweite betreibt die Deutsche Messe Technologie Academie die Robotation Academie Foshan, in der überwiegend Fabrikautomation aus Deutschland in einer Demonstrationsanlage gezeigt wird. Direkt daneben wächst ein großes futuristisches Messegelände, in der die Fachmesse Internet+ powert by Cebit Zukunftstrends für die Fabrikautomation und selbstlernende Systeme demonstrierte. Grund genug für den ZVEI, seine Mitgliederreise diesen Oktober im aufstrebenden Westen der Provinz mit ihren über 110 Mio. Einwohnern durchzuführen. In Foshan befragten wir Verbandspräsident Michael Ziesemer zu seinen Eindrücken und Erfahrungen im Chinageschäft.

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