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Schlanke Schiffe aus Papenburg

Meyer-Werft: Routenzüge übernehmen die Materialversorgung
Schlanke Schiffe aus Papenburg

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Mit ihrem System „Schlanker Schiffbau“ begegnet die Meyer Werft dem Wettbewerbsdruck bei der Fertigung großer Kreuzfahrtschiffe. In der neuen Produktionshalle 11 in Papenburg werden die Sektionen der Schiffe im Vierstunden-Takt mit Isolierungen, Leitungen und Belüftungsanlagen ausgerüstet. Routenzüge des Herstellers Still versorgen dabei die Fließlinie mit Material.

Die Auslieferung der „Homeric“ im Jahr 1986 war für die Meyer Werft in Papenburg so etwas wie ein Türöffner zum Weltmarkt. Inzwischen ist der Schiffbauer aus dem Emsland in diesem hart umkämpften Markt längst zu einem der Global Player aufgestiegen. Innovation, Qualität, optimale Umsetzung der Kundenwünsche, Termintreue und Umweltschutz prägen seit jeher die Produkte aus dem hohen Norden. Das Herzstück des Systems „Schlanker Schiffbau“ ist die neue Produktionshalle 11. In der über 350 m langen und nahezu 50 m breiten Halle bestimmt eine Fließlinie die zeitlich getaktete Ausrüstung der rund 30 x 30 m großen Schiffsektionen. Am Ende der Fließlinie werden die ausgerüsteten Sektionen nach einer Zwischenlagerung zum entsprechenden Dock transportiert. Dort werden sie verschweißt und zu einem kompletten Kreuzfahrtschiff zusammen gebaut. Die besondere Herausforderung dabei ist die Materialversorgung der Fließlinie, denn die Geometrie der zu transportierenden Ausrüstungsteile entspricht keinem logistischen Standard.

Die Routenzugelemente des Hamburger Herstellers Still sind nach einem Baukastensystem aufgebaut und lassen deshalb der innerbetrieblichen Situation auf der Meyer Werft anpassen. Auf den mobilen Ladungsträgern eines Routenzugs befindet sich taktgerechtes und sektionsspezifisches Ausrüstungsmaterial. Dazu zählen Rohrleitungen, Kabelbahnen, Klimakanäle und Isolierungen. Hinzu kommen überlange Lüftungsrohre auf Sonderladungsträger oder Rohrkupplungen in Gitterboxen. „Das Material wird auf den jeweiligen Sektionen innerhalb der Taktzeit verbaut“, erklärt Christian Meyer, Projektleiter für die Materialversorgung. „Für die langen Transportwege haben wir zusammen mit Still einen Routenzug mit einem C-Rahmen-Anhängersystem entwickelt, den wir Liftrunner nennen. Die unterschiedlich großen, rollbaren Ladungsträger, kurz Trolleys, haben wir dabei an die C-Rahmen angepasst.“ Da die Maximalbelastung pro Ladungsträger rund 500 kg beträgt, sind mit dem Schlepperfahrzeug R 07-25 auch Routenzüge mit vier C-Rahmen möglich. „Die durchgeführten, taktgenauen Berechnungen ergaben jedoch, dass ein Routenzug mit drei Liftrunner ausreicht“, versichert Bernd Wildemann, Projektleiter bei Still. Ein Großteil der 2,6 km langen Route wird im Außenbereich zurücklegt. Die Liftrunner wurden daher zusätzlich mit einem geschlossenen Planen-Dach ausgerüstet.
Ein Ausrüstungstakt beträgt vier Stunden. Die Fließlinie setzt sich daher alle drei Stunden in Bewegung und befördert eine Stunde lang sämtliche Sektionen zur gleichen Zeit um einen Bauplatz nach vorne. Nachdem ein Logistikzug die Zieladresse an der Fließlinie erreicht hat, werden die Liftrunner abgesenkt. Anschließend werden die Trolleys aus dem C-Rahmen per Fußhebel ausgekoppelt und in einem Taktpuffer zwischen den Hallenstützen für die folgende Ausrüstungssektion bereitgestellt. „Auf diese Weise versorgen wir jede Sektion just in time und lückenlos mit Ausrüstungsteilen“, beschreibt Christian Meyer den Vorgang. „Am Montageplatz sind daher nur Teile, die in der Taktzeit auch tatsächlich verbaut werden.“
Während die Sektionen einen Bauplatz weiter fließen, werden die mobilen Ladungsträger von den Mitarbeitern der Sektionsausrüstung aus dem Taktpuffer entnommen und in einer definierten Bereitstellungsfläche vor der Sektion positioniert. Mit dem Softwarepaket „Routenzug Leitstand“ lassen sich die Transportaufträge steuern und abarbeiten. Am Ende eines Taktes werden die leeren Ladungsträger vom Routenzug abgeholt und zur internen Vorfertigung für die Kabelbahnen oder Rohrleitungen transportiert. Dort werden die leeren Trolleys auf einer definierten Fläche abgestellt. Die bereits vorkommissionierte Ladungsträger werden aufgenommen und zum Bahnhof transportiert.
Durch das Vierradkonzept folgen die patentierten C-Rahmen-Anhänger auch in engen Kurven der Spur des Zugfahrzeugs. Selbst das Befahren von Rampen ist bei der hohen Spurtreue durch die Vierradlenkung problemlos möglich. Derzeit sind zwei Schlepper vom Typ R 07-25 bei der Meyer Werft im Einsatz. Sie besitzen eine Hydraulikeinheit, mit der sie die Liftrunner um 80 mm anheben können. Die Gabeln im C-Rahmen lassen sich flexibel positionieren, wodurch unterschiedliche Trolleys transportiert werden können. Viertel-, Halb- oder Vollpaletten, Großladungsträger sowie Rollgitter- und Regalwagen werden einfach auf den mobilen Ladungsträgern abgestellt. Ferner kann das ausgeklügelte C-Rahmen-System gleichzeitig zwei 3500 mm lange und 900 mm breite Sonderladungsträger aufnehmen. Durch Sicherungsbolzen sind die mobilen Ladungsträger automatisch gegen seitliches Herausrollen gesichert. Die Trolleys sind mit reibungsarmen Rollen ausgestattet und lassen sich deshalb ohne großen Kraftaufwand von einer Person ebenerdig herausziehen.
Alle Liftrunner sind untereinander kompatibel. Hydraulische Druckleitungen mit Schnellverschluss-Kupplungen unterstützen das An- und Abkoppeln. Da die C-Rahmen durch ihre Steckkupplung wahlweise rechts- oder linksöffnend in den Zug eingehängt werden können, kann die Beladung und Entladung von beiden Seiten erfolgen. „Auf diese Weise lässt sich unser Routenzug individuell an die Transportaufgabe anpassen“, versichert Bernd Wildemann. „Damit wir die Anhänger nicht ständig abkoppeln und drehen müssen, wird das Ausrüstungsmaterial immer auf der linken Seite angeliefert. Bei der Optimierung haben wir deshalb die Fahrrouten als Einbahnstraßen ausgelegt.“
Das C-Rahmen-Anhängersystem für die mobilen Ladungsträger der Routenzüge und die Gestaltung der Bahnhöfe und Fahrrouten hat der Hamburger Logistik-Spezialist Still zusammen mit der Meyer Werft geplant und entwickelt. „Im Bereich der Sektionsausrüstung werden die vorkommissionierten Trolleys just in time in den Produktionsprozess eingesteuert“, fasst Christian Meyer zusammen. „Ohne die Routenzüge hätten wir Stapler für den Transport des Materials einsetzen müssen.“ Das hätte sich allerdings nachteilig auf den Verkehr in der Halle ausgewirkt, denn mit einem Stapler lassen sich maximal zwei Sonderladungsträger transportieren. Mit dem Routenzug sind es pro Fahrt sechs.
Gerd Knehr Fachjournalist in Reutlingen
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