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„Sozial verantwortliches Agieren ist eine Imagefrage“

GWW-Chef Rainer Knapp über die Möglichkeiten einer Behindertenwerkstatt im Zulieferbereich
„Sozial verantwortliches Agieren ist eine Imagefrage“

„Einige unserer Kunden wünschten sich schon, dass ihr Personal so zuverlässig und interessiert wäre wie unsere behinderten Mitarbeiter.“ Bilder: GWW
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Rainer Knapp ist Geschäftsführer der Gemeinnützige Werkstätten & Wohnstätten (GWW) gGmbH in Sindelfingen. Er erläutert, was sein Unternehmen Kunden aus unterschiedlichen Branchen bietet.

Herr Knapp, den Begriff „Behindertenwerkstatt“ verbindet man nicht zwangsläufig mit einem nach DIN EN ISO 9001 und VDA 6.1 zertifizierten Zulieferer. Wie reagieren potenzielle Kunden auf Ihr Geschäftsmodell?

Bei Kunden, mit denen wir bereits zusammenarbeiten, ist die Akzeptanz sehr gut. Sie bestätigen uns immer wieder, dass wir für sie ein wichtiger Partner sind, auf den sie sich verlassen können. Bei Neukunden besteht in der Tat häufig Erklärungsbedarf. Solche Unternehmen laden wir sehr gerne zu uns ein, um ihnen unsere Möglichkeiten vor Ort zu zeigen. Aus demselben Grund führen wir in letzter Zeit auch verstärkt Kundentage und Hausmessen durch.
Bieten Sie als gemeinnütziges Unternehmen ihren Kunden besondere Vorteile?
Einige. Wir bieten ein sehr breites Leistungsspektrum aus einer Hand und sind aufgrund unserer Strukturen preisgünstiger als viele andere Anbieter. Außerdem haben Auftraggeber mit mehr als 20 Beschäftigten, die weniger als fünf Prozent ihrer Belegschaft mit schwer behinderten Mitarbeitern besetzt haben, einen zusätzlichen geldwerten Vorteil: Sie können 50 Prozent unserer Arbeitsleistung auf die gesetzlich vorgeschriebene Ausgleichsabgabe anrechnen und sparen so bares Geld. Und nicht zuletzt ist es heute ja auch für jedes Unternehmen eine Imagefrage, umwelt- und sozialverantwortlich zu agieren.
Welche Leistungen bietet die GWW?
Früher bearbeiteten wir lediglich angelieferte Teile. Inzwischen beraten wir unsere Kunden bereits während der Produktentwicklung und erarbeiten mit ihnen gemeinsam Lösungen sowie die erforderlichen Fertigungsprozesse. Auf Wunsch liefern wir komplett fertige Komponenten. In diesem Fall beschaffen wir die benötigten Rohteile bei den Vorlieferanten, so dass sich unser Auftraggeber um nichts mehr zu kümmern braucht. Für zuverlässige Qualität sorgt unsere Null-Fehler-Strategie. Falls gefordert, liefern wir just in time oder just in sequence. Da unsere Kunden für gewöhnlich in unserer Umgebung sitzen, können wir meist sehr schnell reagieren. Müssen beispielsweise Teile eines ausländischen Vorlieferanten nachbearbeitet werden, erledigen wir das aus dem Stand. Oder auch bei Dispositionsfehlern, wenn gerade nicht die benötigten Bauteile vorrätig sind, können wir meist kurzfristig helfen. Unser Leistungsspektrum umfasst unter anderem Schweißarbeiten, das Pulverbeschichten von Werkstücken sowie deren mechanische Fertigung, Montagetätigkeiten – auch im Elektrobereich – oder das Dichten und Umschäumen von Bauteilen. Neben Fertigungsaufgaben übernehmen wir aber auch eine ganze Reihe von Dienstleistungen, etwa in den Bereichen Datenverarbeitung, Landschaftspflege, Kommissionieren oder Verpacken.
Kommen ihre Kunden eher aus dem Mittelstand oder gehören auch große Unternehmen zu Ihren Auftraggebern?
Sowohl als auch. Wir sind für namhafte Unternehmen und Konzerne unterschiedlicher Branchen tätig – darunter Daimler, Hella, Bosch-Rexroth, HP, IBM oder Carl Zeiss Jena –, aber auch für viele kleinere oder größere Mittelständler.
Sind Sie bundesweit aktiv?
Unsere Kunden stammen überwiegend aus der Region Böblingen/Calw. Wir liefern aber auch an deren Dependancen, bis hin ins benachbarte Ausland. Grundsätzlich ist es aber so, dass wir Anfragen aus anderen Regionen eher an ähnliche Einrichtungen vermitteln, die näher beim Interessenten sitzen. Das hat den einfachen Grund, dass mit der Entfernung auch der Abstimmungsaufwand und die Logistikkosten steigen.
Gibt es ähnlich ausgerichtete Behindertenwerkstätten in ganz Deutschland?
Es gibt bundesweit ein Netz von Werkstätten für behinderte Menschen, und es gibt sechs Genossenschaften der Werkstätten. Wobei man schon sagen kann, dass die Fertigungstechnik im Süden einen Schwerpunkt hat. In der Genossenschaft Süd sind Werkstätten aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen zusammengeschlossen.
Wieviele Menschen arbeiten für die GWW?
Rund 1200 behinderte Mitarbeiter und gut 600 Fachkräfte, von denen allerdings die meisten im Wohn- und Sozialbereich tätig sind. Etwa 250 davon sind in den Werkstätten aktiv. Darunter sind Ingenieure, Techniker und Anlagenbauer, die beispielsweise in unserer Entwicklungs- und Versuchswerkstatt Vorrichtungen, Werkzeuge, Musterteile und Prototypen bauen.
Welche Arten Behinderungen kommen in Ihrer Belegschaft vor?
Grundsätzlich muss man sagen, die Menschen, die in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, sind per Definition erwerbsunfähig. Einen Ingenieur, der aufgrund einer Querschnittslähmung im Rollstuhl sitzt, wird man bei uns nicht finden. Er ist in der Lage, seinen Platz im allgemeinen Arbeitsmarkt einzunehmen. Bei uns sind sowohl geistige als auch schwere, oft mehrfache körperliche und in zunehmendem Maße auch seelische Behinderungen vertreten. Diese Mitarbeiter werden von technischen und kaufmännischen Fachkräften, die eine Zusatzausbildung für die Arbeit mit behinderten Menschen haben, betreut und angeleitet. Wir achten darauf, unsere Leute gemäß ihren Fähigkeiten und Neigungen einzusetzen und unsere Prozesse entsprechend auszulegen. In einem eigenen Bereich für Aus- und Weiterbildung stellen wir sicher, dass sie die erforderliche Qualifikation haben und ihre Tätigkeit sicher ausführen können.
Hat die GWW bestimmte Spezialitäten oder Schwerpunkte?
Ja, durchaus. Die haben sich aus den Tätigkeitsfeldern heraus entwickelt. Wir erledigen beispielsweise seit Jahren für Daimler die Vormontage von Pkw-Seitenscheiben. Fürs Umschäumen dieser Bauteile mit Polyurethan haben wir gemeinsam mit dem Schaumhersteller einen Prozess entwickelt und die entsprechenden Anlagen gebaut, so dass wir diese Arbeiten heute sehr wirtschaftlich erledigen können und dennoch flexibel genug sind, um schnell auf sich ändernde Kundenanforderungen reagieren zu können. Das ist ein Bereich, in dem wir ein Know-how aufgebaut haben, das sicher nicht ohne weiteres zu kopieren ist.

GWW in Kürze

Die Gemeinnützige Werkstätten & Wohnstätten (GWW) gGmbH wurde 1973 gegründet und beschäftigt heute rund 1200 behinderte Menschen sowie 600 Fachkräfte, von denen die meisten im Wohn- und Sozialbereich tätig sind. Als Zulieferer für verschiedene Branchen – unter anderem die Automobil- und die Elektronikindustrie – erwirtschaftet das Unternehmen einen Umsatz von 58 Mio. Euro im Jahr. Es ist zertifiziert nach DIN EN ISO 9001 ff. und VDA 6.1. Die gefertigten Losgrößen liegen zwischen 50 und 100 000 Teilen im Monat. In der GWW sind 17 Organisationen – Landkreise, große Kreisstädte und Vereine der Behindertenhilfe – zusammengeschlossen. Die Werkstätten sind nach § 142 SGB IX durch die Bundesanstalt für Arbeit anerkannt. Damit sind Kunden berechtigt, 50 % der Leistungen der GWW auf die Ausgleichsabgabe anzurechnen.
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