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Energie: Euref-Campus als Reallabor für die Energiewende

Energie
Euref-Campus als Reallabor für die Energiewende

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Die CO2-Uhr am Berliner Euref-Campus erinnert daran, wie lange noch knapp 420 Gt CO2 in die Atmosphäre abgegeben werden können, um das Klimaziel von 1,5° C zu erreichen. Zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme im September 2019 waren es noch 8 Jahre, 3 Monate, 13 Tage, 13 Stunden und knapp 34 Minuten. Bild: Andreas Schwarz/Euref
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Seit 2014 erfüllt der Euref-Campus in Berlin bereits die CO2-Klimaziele: Dort beschäftigen sich rund 150 Firmen und Forschungseinrichtungen mit Energie, Mobilität und Nachhaltigkeit. Ein Blick in die Projekte von morgen.

Johanna Heuveling und Eckart Granitza
freie Wissenschaftsjournalisten in Berlin

Schon beim Eintreffen auf dem Gelände des Euref-Campus (Kurzform für Erneuerbares Energieforum) in Berlin-Schöneberg kommt der Besucher ins Staunen. 74 m hoch reckt sich das Stahlgerüst eines 1913 in Betrieb genommenen Gasometers in den Himmel. Der Niedrigdruck-Gasbehälter wurde 1995 stillgelegt und steht nun unter Denkmalschutz. Zeitweilig diente er sogar als Veranstaltungsraum von Günther Jauchs gleichnamigem Polit-Talk. Jetzt gruppieren sich um sein Stahlgerippe die in ihrer Ansammlung wohl innovativsten Unternehmen, Institutionen und Start-ups Deutschlands. Am Stahlgerüst selbst ist eine große digitale Uhr angebracht, die rückwärts läuft und die Zeit anzeigt, die noch bleibt, um das im Sonderbericht des Weltklimarats vom Oktober 2018 angegebene Klimaziel von 1,5 °C zu erreichen. „Das motiviert mich jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe“, sagt Silke Müller, Ingenieurin für Energieeffizienz in einem kleinen Start-up auf dem Campus.

Effizienzhaus am Euref-Campus in Berlin im Bau

Rund um Uhr und Gasometer ordnen sich unterschiedliche Gebäude an: Vom modernen Sitz des französischen Elektrotechnik-Konzerns Schneider Electric über den historischen Wasserturm – Sitz eines gemütlichen Cafés – bis hin zu alten, renovierten Garagen, in die Start-ups eingezogen sind, die an Klima-Innovationen arbeiten. Sogar ein Restaurant mit Sternekoch und ein Hotel haben sich angesiedelt. Und es wird weiter zugezogen: Der Berliner Energieversorger Gasag will seine Firmenzentrale mit rund 700 Mitarbeitenden auf dem Euref-Gelände einrichten. Das sogenannte Effizienzhaus dafür ist schon im Bau. Es zeichnet sich durch besondere Energieeffizienz in Bauweise und Funktion aus. Ende 2020 soll es fertiggestellt sein. „Schon die örtliche Nähe der verschiedenen Firmen, Start-ups und Wissenschaftseinrichtungen auf unserem Campus ist ideal für den guten interdisziplinären Austausch und die Kreativität“, sagt Karin Teichmann vom Vorstand des Euref. Zusätzlich gibt es für alle 3500 Mitarbeiter des Campus auch noch eine App, mit der sich jeder informieren kann, womit der andere sich gerade beschäftigt.

Der Euref-Campus als Vorzeigemodell: Hier fahren nur E-Autos

Auch in puncto Mobilität wurde die Zukunft auf dem Innovationscampus schon eingeläutet: Hier dürfen prinzipiell nur Elektroautos fahren. Mehr als 150 Lademöglichkeiten stehen dafür auf dem Campus zur Verfügung. Zulieferer, die kein Elektroauto besitzen, müssen außerhalb des Campus auf extra ausgewiesenen Be- und Entladeflächen parken. Von dort aus verteilen sie ihre Lieferungen mit speziell konzipierten Elektrobikes, die sogar ganze Paletten transportieren können. Neben der Elektromobilität wird auch das autonome Fahren getestet und es gibt verschiedene Sharing-Angebote.

Die Kernfrage für die Energiewende, die viele Akteure auf dem Campus umtreibt, lautet: Wie kann ein schwankendes Energieangebot aus Wind- und Sonnenkraft an ein flexibles Endnutzerverhalten angepasst werden? Hier sind Technologien gefragt, die an sonnigen und windigen Tagen CO2-freundliche Energie speichern, um sie an anderen Tagen wieder abzugeben. Und das intelligent und automatisiert, denn die zukünftige CO2-neutrale Energieversorgung wird aus dezentralen Netzwerken in Quartieren bestehen. Auf dem Euref-Campus ist das schon Wirklichkeit. Hier werden die Klimaziele der Bundesregierung für 2050 schon länger erfüllt – das Quartier ist 100 % klimaneutral.

Im Herzen des Campus liegt die Energiewerkstatt. „Sie ist wie ein begehbarer Heizkeller, aber nicht so staubig und ohne Spinnweben. Im Gegenteil: Durch die Glasfassade können unsere Besucher die großen Tanks im Inneren sehen und sich auf den Monitoren informieren, wie unser Heizsystem funktioniert“, sagt Michael Rath, Projektleiter bei Windnode.

Forschungsprojekt Windnode erprobt flexible Energiespeicherung

Im Verbundprojekt Windnode haben sich Energieversorger, Netzbetreiber, High-Tech-Spezialisten sowie Universitäten und Forschungsinstitute aus den fünf ostdeutschen Bundesländern und Berlin zusammengefunden. In dieser Region machen erneuerbare Energien bereits die Hälfte des Strommixes aus, aber es mangelt an anwendungsbereiten Technologien für den weiteren Ausbau. Diese entwickeln und erproben die Verbundpartner unter anderem auf dem Euref-Campus.

In der Energiewerkstatt testet Gasag Solution Plus im Rahmen von Windnode die flexible Energiespeicherung mithilfe zweier 22 m3 Wassertanks. Nach dem Power-to-Heat- und Power-to-Cold-Verfahren wird der Strom in Form von Wärme oder Kälte gespeichert. Überschüssige erneuerbare Energie kann so nutzbar gemacht werden. Michael Rath nennt ein Beispiel: „In Brandenburg geht jedes Jahr so viel Strom verloren, dass man Berlin damit fast zwei Wochen versorgen könnte.“

Allerdings: Die Eins-zu-Eins-Umwandlung von wertvollem Strom in Wärme ist nur an wind- und sonnenreichen Tagen sinnvoll, wenn sie damit auch zur Entlastung und Stabilisierung der Netze beiträgt. Die Wärmeversorgung des Campus ist dennoch autark. Ein Blockheizkraftwerk erzeugt mit Biomethan aus Schwedt rund 2500 MWh elektrische Energie. Die Abwärme dient zur Erhitzung von Wasser. Durch 2,5 km lange Leitungen fließt das 90° C heiße Heizwasser in die verschiedenen Gebäude auf dem Gelände.

Euref-Campus wird über Micro Smart Grid von Schneider Electric mithilfe von KI gesteuert

Bei der Stromerzeugung hingegen ist der Campus kein Alleinversorger. Das Biogas-Kraftwerk kann nur einen Teil der benötigten elektrischen Energie erzeugen. Dr. Kristina Bognar, Diplom-Ingenieurin im Business Development bei Schneider Electric, erklärt, dass in Städten aus regulatorischen Gründen häufig nicht das gesamte Potenzial an Wind- und Photovoltaikanlagen ausgebaut werden kann. Die Gesamtproduktion elektrischer Energie auf dem Campus von 2600 MWh im Jahr kann daher den Verbrauch von 4000 MWh nicht decken. Der Rest wird als Grünverträge aus dem Netz bezogen.

Dass die CO2-Bilanz dennoch ausgeglichen ist, ist dem intelligenten Energiemanagement zu verdanken, das zwischen Stromeinspeisung, den flexiblen Speichermöglichkeiten auf dem Campus und den Endverbrauchern vermittelt. Schneider Electric hat dafür das Micro Smart Grid entwickelt, das mit künstlicher Intelligenz (KI) arbeitet. 100 m von der Energiewerkstatt entfernt bekommt der Campusbesucher im Showroom der ZeeMobase (zero emission energy and mobility base) – dem Sonnenenergie-gespeisten Carport – das Energiemanagement auf dem Campus veranschaulicht. Die KI berechnet aus etwa 10.000 Datenpunkten auf dem Campus-Gelände, aus Daten zum Strommix und Strompreisen sowie aus Wetterdaten den optimalen Fahrplan: In den Campus eingespeist wird bei hoher Wind- und Sonnenlast im Netz. Bei Überangebot wird gespeichert.

„Fahrzeug wird nur geladen, wenn überschüssige Energie da ist“

Schneider Electric ist einer der Ankermieter des Campus. In dem globalen Konzern arbeiten 140.000 Mitarbeiter weltweit, in Berlin sind 250 Menschen beschäftigt. Auf dem Euref-Campus steuert Schneider Electric das Smart Grid inklusive aller Erzeuger und Verbraucher. „Wir können zum Beispiel steuern, dass ein Fahrzeug nur geladen wird, wenn die Sonne scheint oder wenn überschüssige Energie da ist“, erklärt Bognar.

Seine Beteiligung auf dem Euref-Campus nutzt Schneider Electric, um Pionierprojekte unter Realbedingungen zu erproben, die woanders eine lange Genehmigungsphase bräuchten: „Im öffentlichen Raum hätten wir eine Solartankstelle wie die ZeeMobase nicht installieren können. Viele Teilprojekte hätten ohne die Motivation und Weitsicht des Eigentümers nicht realisiert werden können. Denn um Einsparungen im Betrieb erwirtschaften zu können, müssen zu Projektbeginn höhere Investitionen getätigt werden“, erklärt Bognar.

Viele internationale Delegationen besuchen den Euref-Campus, um von den Energiekonzepten zu lernen. „Obwohl wir in Deutschland die Energiewende eingeleitet haben, sind aktuell andere Länder stärker in der Umsetzung. In Deutschland limitieren wir uns selbst mit regulatorischen Vorgaben und Bürgerbewegungen, die einen Wandel der Energieinfrastruktur und -wirtschaft erschweren“, sagt Bognar.

Nächster Euref-Campus in Düsseldorf für klimafreundliche Mobilität geplant

Auf dem Weg in die Anwendung in Deutschland sind hingegen Mobilitätskonzepte, die bei Mobility2Grid entwickelt und erprobt wurden. Dieser Forschungscampus auf dem Gelände will Mobilität ganz neu denken: Alternativen zu Verbrennerfahrzeugen wie Elektromobilität und Fahrräder, aber auch neue Mobilitätskonzepte, wie Sharingsysteme, spielen dabei eine Rolle. Der Euref-Campus ist dafür das Testgelände, auf dem bis vor kurzem auch ein automatischer E-Shuttlebus fuhr. Jetzt fährt dieser Bus im Berliner Stadtbezirk Tegel im normalen Linienverkehr.

Das Beispiel des Innovationscampus macht Schule: Demnächst eröffnet Euref neben dem Flughafen Düsseldorf einen neuen Campus als Reallabor für die „Mobilität der Zukunft“. Schneider Electric wird auch dort wieder Ankermieter sein und mit 750 Mitarbeitern einziehen. Zukünftig werden 2500 Menschen dort für eine klimafreundliche Mobilität arbeiten.

Kontakt:

EUREF-Campus 13

10829 Berlin

Tel.: +49 30 26476720

E-Mail: info@euref.de

www.euref.de


Rund 5,5 ha nimmt der Euref-Campus in Berlin-Schöneberg ein. Nicht zu übersehen: der historische Gasometer. Bild: Euref

Zahlen und Fakten zum Euref-Campus Berlin

  • Gründung des Campus: 2007
  • Klimaneutral: seit 2014
  • Größe: 5,5 ha
  • Firmen und Forschungseinrichtungen am Campus: über 150
  • Mitarbeiter am Campus: circa 3500
  • Besichtigungen sind möglich: Montag bis Freitag, jeweils von 9 bis 17 Uhr; maximal 20 Personen. Anmeldung unter: www.energiewende-erleben.de
  • Sonstige Einrichtungen: 5 Restaurants, 1 Hotel
  • Stromerzeugung des BHKW in der Euref-Energiewerkstatt: 2387 MWh
  • Lademöglichkeiten für Elektroautos: rund 150
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