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VDWF-Präsident Prof. Seul über das Heute und Morgen des Werkzeugbaus

Werkzeug- und Formenbau
VDWF-Präsident Prof. Seul über das Heute und Morgen des Werkzeugbaus

Die Digitalisierung der Werkzeuge und innovative Geschäftsmodelle sieht VDWF-Präsident Prof. Thomas Seul als zentrale Zukunftsthemen für den Werkzeugbau.

» Mona Willrett, Redakteurin Industrieanzeiger

Herr Prof. Seul, wie geht´s der Branche in diesen schwierigen Zeiten?

Die Situation im Werkzeugbau ist derzeit sehr heterogen. Es gibt Betriebe, denen es gut geht und die volle Auftragsbücher haben. Auf der anderen Seite geht es einigen aber auch ziemlich schlecht. Generell kann man sagen, wer ausschließlich im Automobilbereich unterwegs ist, der hat im Moment schwer zu kämpfen. Wer hingegen breit aufgestellt ist, kann auch jetzt gute Geschäfte abschließen.

Einige sehr gute Werkzeugbauer sind in die Insolvenz gerutscht. Liegt das hauptsächlich an einer zu einseitigen Ausrichtung oder hatte zum Beispiel auch Corona einen Einfluss?

Corona ist sicher nicht der Auslöser, hat aber vermutlich an der einen oder anderen Stelle als Katalysator gewirkt und Entwicklungen beschleunigt. Die Automobilindustrie steckt seit drei Jahren in einer Findungskrise. Es gibt noch keine schlüssigen Antworten auf wichtige Fragen rund um die Mobilitäts- und Antriebskonzepte der Zukunft. Solange die Hersteller hier keine klare Zielrichtung vor Augen haben, vergeben sie auch keine Aufträge. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich dieser Knoten seit Ende letzten Jahres langsam aufzulösen beginnt. Deshalb bin ich vorsichtig optimistisch. Aber natürlich werde ich es zu spüren bekommen, wenn ich mich auf einen engen Kundenkreis spezialisiert habe und der gerade schwierige Zeiten durchlebt.

Wo liegen denn aktuell die größten Herausforderungen für die Branche?

Da gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Wenn es um strategische Fragen geht, darum, wohin die Reise grundsätzlich führen soll, dann ist unter anderen die Werkzeugbau Akademie WBA in Aachen ein guter Impulsgeber. Für betriebsinterne Fragen ist der Marktspiegel Werkzeugbau eine gute Informationsquelle. Es gibt Schwerpunktthemen, die man eigentlich gar nicht mehr hören mag, denen man sich aber stellen muss, und es gibt zwei, drei neuere Themen, die unbedingt beachtet und berücksichtigt werden sollten.

Welche sind das?

Zu den alten Säuen, die immer wieder durch´s Dorf getrieben werden, die aber nach wie vor enorm wichtig sind, gehört die digitale Vernetzung. Aus meiner Sicht war es ein kluger Schachtzug der Bundesregierung, die ganzen Programme rund um Industrie 4.0 aufzusetzen und einen Wandel in dieser Richtung zu initiieren. Die Frage ist: Wie kriegen wir das in der Betriebspraxis umgesetzt? Um das zu klären, bearbeiten Forschungseinrichtungen eine steigende Zahl an Projekten. An einigen sind auch der VDWF und einzelne seiner Mitglieder beteiligt. Mit gefällt, dass die Themen immer konkreter werden. Dabei geht es einerseits um die digitale Prozesskette in der Fertigung der Werkzeuge. Andererseits muss sich aber auch das Werkzeug in die digitale Prozesskette des Kunden einbinden lassen und in der Lage sein, mit anderen Produktionssystemen zu kommunizieren. Diese zweite Schiene ist aus meiner Sicht sogar noch wichtiger.

Warum?

Ein Werkzeug, das ein zuverlässiger Antwortgeber im digitalen Fertigungsprozess ist, wird noch besser performen. Damit kann der Werkzeugmacher seine Wettbewerbsposition weiter ausbauen. Dass das so ist, zeigt ein Beispiel aus dem privaten Bereich: Wer Apple-Produkte nutzt – vom iMac übers iPhone und das iPad bis zur iCloud –, der wird nicht mehr auf Microsoft umschwenken. Wenn die Prozesskette stimmt und zuverlässig ist, bleibt man dabei. Das gilt im Produktionsumfeld ebenso. Deshalb muss das Werkzeug die digitale Sprache des Kunden sprechen.

Wie ist der Stand hinsichtlich des Digitalisierens von Werkzeugen?

Wir sind an vielen Stellen noch immer in einem Technikumsstadium. Es wird viel geforscht. Viele arbeiten daran, aber aus meiner Sicht sind wir noch auf dem Stand von Insellösungen. Echte integrierte Lösungen sehe ich noch nicht. Aber das wird definitiv kommen. Hochspannend finde ich auch die Frage nach datengetriebenen Geschäftsmodellen. Etwa wie mehrere Betriebe kollaborativ und kooperativ zusammenarbeiten können. Werkzeugbau-Allianzen, bei denen mehre Betriebe ihre Kapazitäten und ihr Know-how zweck- oder projektbezogen bündeln, können für alle Beteiligten erheblichen Nutzen bringen. Man muss nicht immer alles alleine machen, wenn man weiß, mit wem man vertrauensvoll zusammenarbeiten kann. Leider gibt´s da noch Berührungsängste. Auch Leasingkonzepte könnten in bestimmten Bereichen des Werkzeugbaus interessant sein. Darüber wird seit einiger Zeit nachgedacht, aber so richtig umgesetzt hat das auch noch keiner.

Woran scheitert die Umsetzung noch?

Antworten auf die Fragen im Zusammenhang mit den drei tragenden Säulen der Digitalisierung im Werkzeugbau – die Vernetzung der inneren Betriebsabläufe, die Digitalisierung der Werkzeuge und neue Geschäftsmodelle – werden wir nur finden, wenn wir innovative Konzepte entwickeln. Sowohl, was das Werkzeug selbst angeht, als auch in Bezug auf die Produkte, die damit hergestellt werden. Und dazu brauchen wir eine konsequente Forschung und Entwicklung. Wir dürfen hier auf keinen Fall stehen bleiben. Nur ein rollender Stein setzt kein Moos an! Deshalb setzt auch der VDWF zunehmend auf Forschungsthemen. Auf unserer Internetseite zeigen wir, in welche Projekte der Verband eingebunden ist.

Welche Rolle wird die Nachhaltigkeit im Werkzeugbau künftig spielen?

Eine große. Das wird anfangs nicht einfach, es ist aber auch eine riesen Chance. Wir müssen die Prozesse so umgestalten, dass wir uns hin zu einer blauen Produktion und mehr Nachhaltigkeit bewegen. Damit meine ich nicht den totalen Verzicht. Es ist menschlich, erreichte Standards halten zu wollen. Deshalb müssen wir Lösungen finden, wie wir das mit Aspekten der Gesundheit, der Ökologie und des Wohlbefindens verbinden können. Das wird nicht einfach, aber es gibt durchaus Ansätze, mit denen wir – auch global – nochmal eine Schneise schlagen können für die Branche. Unter anderem bei den Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit in der Teilefertigung gibt´s noch viel zu verbessern.

Was heißt das für die Zukunft des Werkzeug- und Formenbaus?

Das Geheimnis liegt wohl in der Verquickung dieser vier Themen – vernetzte Prozesse, digitalisierte Werkzeuge, neue Geschäftsmodelle und Nachhaltigkeit. Unterm Strich führt uns das wieder zu innovativen Werkzeugkonzepten und Geschäftsprozessen. Und das vor dem Hintergrund des Grundsatzes ‚act local, think global‘. Dass das ein gutes Mindset ist, hat sich in der Corona-Zeit gezeigt. Ich sehe das für unsere Branche durchaus positiv. Die Produkte werden immer anspruchsvoller, kleiner, individueller und genauer. Die Konsequenz ist, dass auch die Komplexität und die Präzision der Werkzeuge stetig steigen. Nur wer diese Komplexität zuverlässig beherrscht, wird Erfolg haben.

Halten Sie Betreibermodelle im Werkzeugbau für realistisch?

Andere Branchen zeigen: Die Idee ist interessant. Scania etwa bietet an, dass Kunden nicht den Lkw sondern die gefahrenen Kilometer bezahlen. Die spannende Frage ist allerdings: Wie soll das bei einem Unikat wie einem Spritzgieß- oder Umformwerkzeug funktionieren? Bei Serienprodukten – etwa einem Pkw – ist der Interessentenkreis viel größer. Dadurch bieten sie die Chance zur Zweitvermarktung. Werkzeuge sind jedoch Unikate und in der Regel gezielt für eine Anwendung ausgelegt. Mit wenigen Ausnahmen sind sie nicht so modular, dass sie für andere Anwendungen umgebaut werden könnten. Hinzu kommt, dass der Anbieter bei solchen Modellen das ganze Risiko trägt. Wie soll das ein kleiner Werkzeugbauer schultern? Viele kämpfen ohnehin mit einer schrumpfenden Kapitaldecke. Das Konzept ist innovativ, spannend und diskussionswürdig. Wie das jedoch in unserer Branche praktisch umgesetzt werden soll, kann ich mir noch nicht vorstellen.

Haben die Betriebe noch genügend finanzielle Substanz, um den Weg in die digitale Zukunft zu schaffen?

Die Aufgaben rund um die Digitalisierung sind so vielfältig und komplex, dass man sie nur gemeinsam lösen kann. Wenn wir auf das nötige Kapital schauen, dann müssen sich mehrere Betriebe zusammenschließen und einzelne Forschungsprojekte initiieren. Es gibt beträchtliche Zuwendungen vom Bund und anderen Fördereinrichtungen. Wenn die Konzepte einen bestimmten Reifegrad erreicht haben, müssen wir sie wieder auf den einzelnen Betrieb herunterbrechen. Bislang ist es leider so, dass meist Institute, die ihre Infrastruktur finanzieren müssen, Projekte anstoßen und an die Betriebe herantragen. Ich denke, für die Branche wäre es besser, wenn die Fragen und die Grundrichtung der gewünschten Antworten aus den Betrieben kämen. Sie müssen sagen, was sie brauchen, um künftig den Bedarf ihrer Kunden decken zu können. Wenn wir Produktionsweltmeister bleiben wollen, müssen wir die Fragen beantworten, die für die Industrie relevant sind.

Müssten die großen Fragen nicht im Dialog und unabhängig von Einzelinteressen identifiziert werden?

Ich sehe das so: Die Innovatoren der Branche müssen die Landkarte mit den Zielen liefern. Durch den Dialog entstehen die Wege auf der Karte. Das Ziel muss aber derjenige vorgeben, der keine Zukunftsperspektive hat, wenn dieses Ziel nicht erreicht wird. Industrielle Forschung ist der Navigator, der den Weg erkundet und findet. Nur so lässt sich das Ziel effizient und effektiv erreichen.

Die Branche beklagte immer wieder unfaire Geschäftspraktiken seitens großer Kunden. Ist das noch immer so?

Wenn wir hier die Bezahlmodelle ansprechen, dann ist das nicht besser geworden. Die Liquidität vieler Betriebe steckt in den Werkzeugen, die beim Kunden bereits produzieren, aber noch nicht vollständig bezahlt wurden. Auch Versteigerungen von Werkzeugprojekten, bei denen der den Zuschlag erhält, der sich als erster auf einen Preis einlässt, sind keine Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Wo stehen die deutschen Betriebe im internationalen Wettbewerb?

Ich mache mir um die Branche und um Produktionswerkzeuge keine großen Sorgen. Es wird sicher eine gewisse Konsolidierung geben und wir werden auch Zusammenschlüsse einzelner Betriebe erleben. Das gleiche erwarte ich aber auch international. Es gibt größere deutsche Werkzeugbauer, die neben ihrem Werk hier auch eines in anderen Ländern betrieben – beispielsweise in Portugal oder in China. Das finde ich durchaus eine weise Entscheidung, wenn man die Kraft dazu hat.

Wie können sich die Betriebe auf die Zeit nach Corona vorbereiten, die konjunkturell sicher nicht einfach wird?

Wer die Krise und das damit verbundene Vakuum nicht genutzt hat, um seine Strukturen hinsichtlich Service, Zuverlässigkeit oder der Organisation interner Abläufe auf den neusten Stand zu bringen – das muss nicht immer mit Digitalisierung verbunden sein, manchmal reichen einfache Prozessoptimierungen –, der wird nicht einfach einen Schalter umlegen können, wenn´s wieder richtig los geht. Solche Betriebe sind dann schon arm dran. Diese Zeit hätte man nutzen sollen.

Welche Auswirkung hat die Absage der Moulding Expo? Würden Sie sich ein digitales Format wünschen?

Wenn die Moulding Expo die einzige Messe wäre, die abgesagt wurde, dann wär´s eine Katastrophe. Nachdem aber keine Messe stattfindet, ist das zwar schlimm aber in Anbetracht der Pandemie im Sinne einer Risikovermeidung nicht zu ändern. Trotzdem bin ich traurig über die Absage, denn dadurch fehlen uns die sozialen Aspekte, die Gespräche, der Marktplatz zum Posen. Aber im Moment können wir das mit einer Träne im Knopfloch verkraften. Es muss aber etwas geben, das die Moulding Expo lebendig und warm hält und verhindert, dass sie in eine Beliebigkeit gerät. Die Kunst seitens des Veranstalters wird darin bestehen, den Appetit bis zur nächsten MEX vom 13. bis zum 16. Juni 2023 aufrechtzuerhalten. Die Messe Stuttgart muss es schaffen, einen Duft leckeren Essens zu erzeugen, der den Speichelfluss und die Vorfreude bei allen Beteiligten aufrechterhält.

Kontakt:

Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer e.V.
Gerberwiesen 3
88477 Schwendi
www.vdwf.de

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Ausgabe
15.2021
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