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Erneuerbare Energien: Ohne Windkraft gibt es keine Energiewende

Erneuerbare Energien
Ohne Windkraft gibt es keine Energiewende

Die Energiewende ist ohne den Ausbau der Windkraft in Deutschland fast unmöglich. Platzmangel, Klagefluten und teure Infrastruktur hemmen den Zubau. Projekte in Brandenburg oder bei Daimler zeigen: Es geht auch anders.

Eckart Granitza
freier Wissenschaftsjournalist in Berlin

Ohne den Ausbau der Windkraft an Land und See kann Deutschland seine Klimaziele unmöglich erreichen, da sind sich die Experten einig. Doch seit zwei Jahren schrumpft der Zubau von Windrädern an Land sogar anstatt zu steigen. Auch auf See ist der Zuwachs nur langsam. 2018 wurden laut des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) durch die Windenergie an Land und auf See 18,6 % des gesamten Bruttostroms in Deutschland erzeugt. Damit ist die Windkraft die bei weitem stärkste Ressource bei den erneuerbaren Energien. Allerdings: Im ersten Halbjahr 2019 wurden an Land laut des Bundesverbands Windenergie (BWE) nur 86 Windenergieanlagen neu errichtet. Das ist ein Negativrekord. Dieser Trend begann schon 2018 mit nur 743 neuen Windanlagen. 2017 waren es noch neue 1792 Windräder, die Jahre davor ähnlich viele.

Aktuell liegt der Anteil Erneuerbarer am Energiemix bei etwa 15 %

Wie das Ziel der Bundesregierung 2030 65 % der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu erhalten und 2050 gar klimaneutral zu werden so erreicht werden soll, bleibt schleierhaft. „Derzeit liegt der Anteil der erneuerbaren Energien bei Strom, Wärme und Verkehr insgesamt bei etwa 15 %. Wenn wir die Energiewende durchziehen wollen, muss dieser Anteil versechsfacht werden“, sagt Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Nun ist der Ausbau der Wasserkraft aus topografischen Gründen weitestgehend erschöpft: Biogase und Geothermie werden die Lücke nicht schließen; ein Ausbau der Photovoltaik bringt zwar im Sommer einiges, im Winter ist die Sonnenkraft aber viel zu gering. Bleibt als wichtigster Motor der Energiewende die Windkraft.

„Um 100 % erneuerbare Energien zu erzeugen, bräuchten wir einen Energiemix aus mindestens 50 % Windkraft und für den Rest Photovoltaik und andere Energien wie Bio- oder Erdgas“, meint Quaschning. „Das heißt, wir müssten den Ausbau der Windanlagen an Land bis 2050 etwa vervierfachen, um klimaneutral zu werden.“ In der zu Deutschland gehörenden Nord- und Ostsee ist zwar noch Platz, aber nicht unbegrenzt.

Strom aus Offshore-Windparks muss weit und teuer transportiert werden

Doch es gibt ein Problem: In den Offshore- Windparks können zwar große Leistungen erzeugt werden – aber niemand wohnt dort. Der Strom muss also aufwendig transportiert werden. Beim Zwischenspeichern des Windstroms in Gas und der späteren Rückverstromung können Verluste bis zu 60 %auftreten. Und noch etwas ist problematisch: Die aktuelle Netzinfrastruktur reicht schon jetzt nicht aus, um den Strom aus der Offshore- Windenergie komplett aufzunehmen. Diesen überschüssigen Strom könnte man zwar für die Wasserstoffproduktion verwenden, um ihn dann beispielsweise im Verkehrsbereich zu nutzen, doch das ist bis dato noch zu teuer und müsste politisch auch so gewollt werden. Trotzdem: Den Großteil der Stromerzeugung müsste ohnehin die Onshore-Windkraft übernehmen: „Wir müssten rund 7000 MW an neuen Anlagen pro Jahr an Land dazu bauen. Das entspräche einer Energieerzeugung von etwa sieben großen Kohle- oder Atomkraftwerken. Dazu brauchen wir etwa 2 % der Landesfläche, die wir mit Windparks zubauen müssten. Wenn wir das konsequent machen würden, blieben 98 % des Landes unberührt und die Beeinträchtigung der Landschaft wäre so überschaubar“, erklärt Quaschning.

Abstandsregelungen von Windanlagen zu Wohngebäuden behindert Ausbau

Doch danach sieht es nach dem im September verabschiedeten Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung nicht aus. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will bundesweit ein Gesetz auf den Weg bringen, das den Mindestabstand von einer Windanlage zur nächsten Wohnsiedlung auf mindestens 1000 m festschreibt, wobei eine Wohnsiedlung schon ab fünf Gebäude jedweder Art definiert ist. Das heißt, für bestehende Flächenpläne werden sich die dort ausgewiesenen Windflächen teilweise massiv reduzieren oder ganz wegfallen. Allerdings regt sich Widerspruch: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) lehnt diesen aktuellen Entwurf beispielsweise ab. Auch von Umweltverbänden und Wirtschaft kommt Protest. In einem Brief an die Bundesregierung schrieben der Industrieverband BDI, der Gewerkschaftsbund DGB, der Energieverband BDEW, der Windenergie-Verband (BWE), der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und der VDMA: „Es ist uns unerklärlich, dass an einer Regelung zu bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar ist, dass damit das Ziel von 65 % Erneuerbare Energien in 2030 nicht gehalten werden kann.“

Immerhin: Im Arbeitsplan des BMWi zur Stärkung der Windenergie an Land wurden beschleunigende Maßnahmen der derzeit ewig dauernden Genehmigungsverfahren in Aussicht gestellt. Wie schnell diese Beschleunigung greift, ist jedoch noch unklar. In einer Umfrage der Fachagentur Windenergie an Land (FA Wind) gemeinsam mit dem BWE im Juli 2019 stellte sich heraus, dass derzeit deutschlandweit 325 Windturbinen mit etwa 1000 MW Leistung beklagt sind und damit nicht gebaut werden können.

Artenschutz-Klagen gegenüber Windparks häufen sich

Bei der letzten Ausschreibungsrunde im Oktober 2019 für Windenergie an Land haben sich die Betreiberfirmen gerade einmal um 20 % der ausgeschriebenen Projekte beworben. Ein weiterer Negativrekord. Auch hier sehen Experten das größte Problem in den sich häufenden Klagen: Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne vor Gericht zu landen. Die Klagegründe sind vielfältig, wobei der häufigste im Artenschutz zu verorten ist. Für Vögel stellen Windkraftanlagen tatsächlich eine Gefahr dar. Die Zahl der getöteten Vögel durch Windkraftanlagen in Deutschland wird auf 10.000 bis 100.000 pro Jahr geschätzt. „Das ist bedauerlich. Wer aber wirklich ein Herz für Vögel hat, müsste auch seine Katze töten. In den USA gehen Studien von über einer Milliarde durch Katzen getötete Vögel aus. Wenn Sie also eine Katze beseitigen, retten Sie damit genauso vielen Vögeln das Leben, wie durch eine Windkraftanlage jemals sterben werden“, rechnet Quaschning auf.

Ende 2020 wird zudem für hunderte Windparks der ersten Generation die Förderung auslaufen. Es stellt sich die Frage, inwiefern ein Weiterbetrieb dann noch wirtschaftlich sein kann. Hier braucht es Ansätze die ein Repowering – also eine Erhöhung der Windräder für eine höhere Effektivität – ermöglichen, um weiter wirtschaftlich zu bleiben. „Für einen großen Teil der zu repowernden Anlagen besteht aufgrund veränderter Abstandsregeln und der derzeit komplizierten Genehmigungsverfahren nur eine eingeschränkte Chance für einen Ersatz durch neue Windenergieanlagen,“ sagt Heike Winkler Geschäftsführerin des Windindustrieverbands für die Windenergie an Land und auf See (WAB). Hinzu kommen Hemmnisse in der planerischen Flächenausweisung aufgrund von Beschränkungen im Umkreis von Drehfunkfeuern sowie bei der Luftraumüberwachung und den Tiefflug-Korridoren. „Immerhin, aktuell ist eine Bund-Länder-Vereinbarung zum Abbau von Genehmigungshemmnissen ab Ende des Jahres angedacht. So könnte die Länge von Klageverfahren gegen Neubau und Repowering reduziert werden. Besonders der neue Vorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums zur Vereinheitlichung der Rechtsprechung in Deutschland ist positiv zu bewerten“, so Winkler.

Bundesregierung lässt Windparkbetreiber im Regen stehen

Das sehen die Planer ähnlich: „Was wir bräuchten, wäre eine klare Roadmap sowie planungsrechtlich abgesicherte und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen – und nicht ein permanentes Infragestellen bereits ausgewiesener Flächen“, betont Peter Spengemann, Direktor Repowering vom Betriebsführer WPD Windmanager. Auch da lässt die Bundesregierung Windparkbetreiber im Regen stehen. Ebenso wäre eine bundesweite Akzeptanzkampagne der Politik zielführend, damit die Menschen rechtzeitig wissen, bis wann und wo gebaut wird. Wichtig wird sein, dass die Bevölkerung weiß was sie erwartet und über den Klimaschutz hinaus auch davon profitiert – wie etwa durch Arbeitsplätze.

In diesem Zusammenhang erachtet Winkler vom WAB eine eindeutiger und klarer definierte wirtschaftliche Beteiligung der Kommunen für sinnvoll als bisher über die Gewerbesteuer umgesetzt wird. Denn die Mehrheit der Bevölkerung will die Energiewende ja. Man könnte die Gemeinden auch an den Gewinnen teilhaben lassen und beispielsweise eine Schulrenovierung oder die Sporthalle von dem erwirtschafteten Gewinn bezahlen. „Das würde Ängste abbauen und den Neid auf die wenigen Grundstücksbesitzer, die mit der Windkraft richtig Geld verdienen, verhindern. Wichtig erscheint mir vor allem das Gefühl bei den Bürgern zu verstärken, dass der vor Ort erwirtschaftete Gewinn auch direkt am Standort ankommt“, erläutert Winkler.

Wirtschaftliche Beteiligung der Gemeinden an Einspeisevergütung fruchtet

Brandenburg ist da Vorreiter: Seit Juni gibt es ein Gesetz, dass dem Windkraftbetreiber eine jährliche Sonderabgabe von 10.000 Euro pro Anlage auferlegt, die er an die Gemeinde zahlen muss, in der sie steht. Das Dorf Schlalach im Landkreis Potsdam-Mittelmark geht schon jetzt einen etwas anderen Weg: Hier haben die Einwohner selbst aktiv gehandelt, indem sie eine Bürgerstiftung gründeten. „Diese Gründung wurde mit den Grundstückseigentümern, die Flächen im Windpark besitzen, im Nutzungsvertrag mit dem Betreiber des Windparks festgeschrieben. Darin ist vereinbart, dass 0,75 % der Einspeisevergütung an die Stiftung gezahlt werden“, sagt Hartmut Höpfner, Vorsitzender der Bürgerstiftung. So profitieren alle im Ort von der Windkraft. Geld floss etwa in den Fußballverein für eine Flutlichtanlage und in die Freiwillige Feuerwehr im Ort. Zudem wurde ein Chor gegründet und ein Kinderspielplatz errichtet. Die Stiftung nimmt jährlich etwa 70.000 Euro durch die Windenergie ein, die Hälfte muss in das Stiftungsvermögen abgeführt, die andere Hälfte kann für gemeinnützige Zwecke ausgegeben werden.

Auch eine andere Maßnahme könnte den Zubau von Windkraftanlagen fördern: Industriebetriebe die sich über langfristige Verträge die gesamte Stromproduktion eines Windparks sichern. So eine Vollversorgung mit Ökostrom ist vor allem für die Imagepflege positiv und sichert dem Konzern langfristig verlässliche Strompreise zu einem vereinbarten Festpreis. International sind solche Verträge – sogenannte „Power purchase agreements“ (PPA) – längst üblich, vor allem in den USA. In Deutschland hat die Deutsche Bahn gerade einen PPA-Vertrag mit dem Energiehändler RWE Supply & Trading unterzeichnet. Er garantiert der Bahn grünen Strom aus dem Offshore-Windpark Nordsee-Ost mit einer Laufzeit von fünf Jahren. Ab 2024 wird die Bahn 25 MW aus diesem Windpark beziehen. Dies entspricht der installierten Leistung von vier Windkraftanlagen und rund 8 % der Gesamterzeugung des Windparks. Der Strom wird in dem Offshore-Windpark zu einem Festpreis produziert und direkt von der Bahn genutzt.

Daimler versorgt einzelne Werke bereits mit Ökostrom aus Windkraftanlagen

Auch Daimler will ab 2022 seine Werke weitgehend mit Ökostrom versorgen. Der erste PPA-Vertrag mit dem norwegischen Energieversorger Statkraft ist bereits abgeschlossen. Er sichert Mercedes-Benz Strom aus den sechs Bürgerwindparks mit 46 MW Gesamtleistung. Der Autohersteller werde damit sein Werk in Bremen sowie die deutschen Batteriestandorte Kamenz und Stuttgart-Untertürkheim versorgen. Dieser Stromabnahmevertrag ermöglicht Mercedes-Benz Cars den direkten Bezug von Strom aus Windanlagen in Deutschland, deren Förderung aus dem EEG nach 2020 ausläuft. Der wirtschaftliche Betrieb von Bestandsanlagen, die sonst wahrscheinlich wegen Unwirtschaftlichkeit abgeschaltet würden, bleibt so gesichert.

Schon jetzt wird der neue Hightech Produktionsstandort von Mercedes-Benz im polnischen Jawor mit Windstrom betrieben. 22 Windräder des Dresdner Projektentwicklers Ventus, Sol, Energia Biologica (VSB) im 10 km entfernten Windpark Taczalin liefern grünen Strom für das gesamte Daimler-Werk. „Es ist wegweisend, dass ein internationaler Automobilkonzern sich für die lokale Stromlieferung aus erneuerbaren Energien entschieden hat. Wir freuen uns, Mercedes-Benz auf dem Weg zur CO2-neutralen Produktion zu unterstützen“, meint Marko Lieske, Geschäftsführer der VSB-Gruppe. Dass der Produktionsstandort von Vierzylindermotoren für Mercedes-Benz Pkw direkt mit Windenergie versorgt werden kann, ermöglicht das polnische Fördersystem für erneuerbare Energien. Demzufolge kann der Produzent seinen Strom frei am Markt handeln oder über ein PPA verkaufen. In Deutschland geht das nicht mehr, wenn der Produzent vorher schon eine finanzielle Vergütung für die Einspeisung seiner regenerativen Energie in das Stromnetz erhalten hat.

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