EU prüft, ob Roboter den Status als elektronische Person erhalten sollen

EU erwägt Anerkennung von Robotern als elektronische Person

Die Geburt einer neuen Spezies

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Künstliche Intelligenz (KI) ist dabei, die menschliche zu überholen. Maschinen lernen aus Erfahrungen und optimieren sich selbst. Typisch menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Trauer, Liebe und andere Gefühlsregungen werden sie aber nie erwerben. Darin sind sich die Experten einig.

Wenn Hiroshi Ishiguro, Direktor der ATR Intelligent Robotics and Communication Laboratories der Universität Osaka in Japan, und sein Doppelgänger die Bühne betreten, muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, wer das Original ist und wer die Kopie. Aussehen, Kleidung, Brille, Gesichtszüge – sogar den etwas grimmigen Blick hat der Schöpfer bei seiner digitalen Kreatur täuschend ähnlich nachempfunden. Doch sobald das Hightech-Double zu sprechen beginnt, zeigen sich trotz ausgefeilter Mimik und Gestik große Unterschiede: Bei komplexen Fragen stößt die Künstliche Intelligenz (KI) an ihre Grenzen.

Bis Roboter und intelligente Maschinen bestimmte menschenähnliche Eigenschaften erlangen, ist es noch sehr lange hin. Viele Fähigkeiten wie etwa Empathie, Trauer oder Liebe werden sie nach Ansicht vieler Experten nie erlangen. Als Unterstützung für den Menschen müssen sie das auch nicht. „Ich denke, dass sich einige Aspekte der menschlichen Intelligenz umsetzen lassen, aber nicht die menschliche Intelligenz im Gesamten“, findet Oliver Bendel, Wirtschaftsinformatiker, Roboterphilosoph und Autor.

In seinem Buch „Die Moral in der Maschine“ befasst er sich mit einem spannenden, aber auch heiklen Thema: Kann eine Maschine moralisch handeln? „Wir pflanzen ihr im Moment moralische Regeln ein. Das geht ohne weiteres. Man kann die Maschine auch eine Moral selbstständig erlernen oder abändern lassen. Wir wollen ein solches Projekt durchführen.“ Allerdings lässt sich das moralische Verhalten leicht beeinflussen. Ein Beispiel ist Tay, der Social Bot von Microsoft: „Er war in schlechte Gesellschaft geraten und nach wenigen Stunden rassistisch“, so Bendel.

Entscheidendes Kriterium, das den Menschen gegenüber der Maschine auszeichnet, sind Bewusstsein und Selbstbewusstsein. „Ich bin der Meinung, dass Roboter und KI-Systeme im Moment weder das eine noch das andere haben“, glaubt Bendel, „es wird vermutlich nie möglich sein, maschinelles Selbstbewusstsein herzustellen.“

Für Mady Delvaux-Stehres, stellvertretende Vorsitzende des Rechtsausschusses im EU-Parlament, müssen Roboter gar nicht wie Menschen aussehen, um einen Status als elektronische Person zu erlangen. Im Gegenteil: „Wir definieren Roboter als physische Maschinen, die mit Sensoren ausgestattet und miteinander vernetzt sind, sodass sie Daten sammeln und erfassen können“, erklärt die EU-Abgeordnete aus Luxemburg. „Die nächste Generation wird zunehmend selbstlernend sein. Aber wir möchten keine Roboter, die wie Menschen aussehen.“

Führt die Vernetzung von Systemen zu multiplen Persönlichkeiten?

Gerade diese Vernetzung könnte zu Problemen führen: „Systeme sind oft mit anderen Systemen auf gleicher oder höherer Stufe vernetzt“, sagt Roboterethiker Bendel, „gibt es dann mehrere elektronische Personen in einem hierarchischen Gefüge?“ Er findet, dass Roboter aus ethischer Sicht keine Rechte haben können, „denn dafür braucht es Empfindungs- und Leidensfähigkeit, Bewusstsein oder Lebenswillen“.

Diese Ansicht teilt auch Delvaux-Stehres: „Ein Roboter ist kein Mensch und wird nie einer sein. Er kann vielleicht Einfühlungsvermögen zeigen, aber sich nicht in jemanden hineinversetzen.“ Bei humanoiden Robotern, die durch Aussehen, Sprache und Verhalten – wenn auch vom Programmierer vorgegeben – dem menschlichen Vorbild immer ähnlicher werden, sieht sie die Gefahr einer Abhängigkeit. „Wir haben eine Charta vorgeschlagen, die fordert, dass Menschen nicht emotional abhängig gemacht werden dürfen.“ Ein Roboter könnte beispielsweise alten, pflegebedürftigen und behinderten Menschen in ihrem Alltag helfen, aber nicht vortäuschen, er würde ihnen zuhören, sie verstehen oder gar Mitgefühl zeigen.

Genau wegen dieser Kriterien – Gefühle und Bewusstsein – fühlen sich Menschen berechtigt, Roboter in gefährlichen Umgebungen und für schwere Arbeiten einzusetzen. Isaac Asimov wäre davon nicht begeistert, denn nach seinen Robotergesetzen darf kein Roboter sich selbst gefährden. Dann dürften sie sich aber weigern, Minenfelder zu räumen. „Asimov war ein großer Science-Fiction-Autor. Er hat die Gesetze für eine Geschichte gemacht, nicht für die Wirklichkeit“, so Bendel. Deshalb kann er sich keine UN-Roboterrechtscharta nach menschlichem Vorbild vorstellen. „Natürlich darf ein Roboter sich selbst gefährden. Genau dafür ist er da.“

Vielleicht entstehen Skrupel nur bei Robotern, die allzu menschliche Züge tragen. Sie sind sichtbar, über sie wird berichtet, ihr Einsatz als Assistenten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und zu Hause wird bereits getestet. Dabei machen sie nur einen winzigen Bruchteil der KI aus. „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass alle intelligenten Maschinen humanoide Roboter sind. Die mächtigeren Tools haben weder Hände noch Füße“, sagt Markus Häuser, Rechtsanwalt und Partner bei CMS (siehe Interview ab Seite 26).

Das Gros der künftigen E-Personen arbeitet im Hintergrund – als selbstlernende und selbstständig agierende Systeme wie etwa Maschinen in der Produktion oder selbstfahrende Autos. Solange sie von Menschenhand programmiert werden und einer natürlichen oder juristischen Person zugeordnet werden können, ist die Haftungsfrage geklärt. Und genau darum geht es im Wesentlichen: „Wir müssen sichergehen, dass bei einem Unfall mit fahrerlosen Autos die Opfer entschädigt werden“, betont EU-Parlamentariern Delvaux-Stehres. Bendel ergänzt: „Das Auto kann keine moralische Verantwortung übernehmen, allenfalls eine schwache Form der Primärverantwortung im Rahmen seiner Aufgaben.“ Er plädiert dafür, Hersteller, Entwickler und die Politik in den Mittelpunkt zu stellen. „Auch der Insasse ist nicht ganz aus dem Spiel, außer wenn ihm keine Wahl bei der Nutzung des Fahrzeugs bleibt oder er nicht in das Geschehen eingreifen darf.“

Aus rechtlicher Sicht kann man Robotern durchaus Rechte und Pflichten zusprechen. So hätte nach Bendel bei einer einseitig verursachten Kollision zwischen zwei autonomen Autos das eine die Pflicht, dem anderen einen Betrag zu überweisen, und das andere das Recht, diesen Betrag zu erhalten. Rechte und Pflichten natürlicher, juristischer und elektronischer Personen sind jeweils anders zu beurteilen. „Ein Unternehmen bewegt sich nicht als solches durch die Welt, ein Roboter vielleicht schon.“

Wichtige Aspekte sind Sicherheit und Datenschutz: „Roboter können ohne Datenaustausch nicht funktionieren“, so Delvaux-Stehres, „deshalb stellt sich die Frage nach dem Zugang.“ Die Überwachung der Fahrzeuginsassen mit Kameras und Mikrofonen ist vor allem Geschäftsreisenden ein Dorn im Auge, denn niemand kann garantieren, dass vertrauliche Gespräche nicht von der Konkurrenz gehackt werden.

Diese Szenarien beziehen sich auf das Hier und Jetzt. Maschinen haben menschliche Designer, Programmierer und Eigentümer. In 20 oder 30 Jahren brauchen sie uns vielleicht gar nicht mehr. Schon heute lernen Roboter aus eigenen Erfahrungen und von anderen Robotern. Über Deep Learning arbeiten Roboter zwar an ihrer Optimierung, doch komplexe Kontextsituationen können sie noch nicht erfassen: „Der Mensch hatte zwei Millionen Jahre Zeit, Gesichter zu lesen, Situationen einzuschätzen und andere Fähigkeiten zu entwickeln“, erklärt Nils Müller, Gründer des Zukunftsforschungsinstituts Trendone, „Maschinen lernen von bekannten Situationen, aber es gibt zehnmal so viele unbekannte Situationen.“ Zudem habe der Mensch dem Roboter das unbewusste, instinktive Handeln voraus. „Im Jahr 2050 werden wir eine Superintelligenz haben, eine Artificial General Intelligence.“ Heute erfülle ein Industrie- oder Haushaltsroboter eine einzelne Aufgabe, in 30 Jahren könnte die KI komplexe Probleme lösen. „Dann treten die beiden in einen echten Wettbewerb.“

Nach Schätzungen der International Federation of Robotics (IFR) werden im kommenden Jahr rund 2,6 Mio. Industrieroboter ihre Arbeit verrichten – Tendenz exponentiell steigend. Vor diesem Hintergrund bangen Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze. Nicht nur Schweiß-, Montage- oder Lagerroboter könnten sie aus ihrem angestammten Gebiet verdrängen, sondern auch aus dem Büro, dem Info-Schalter der Bahn oder der Hotelrezeption – wie im Hotel Henn-Na in Japan. Delvaux-Stehres teilt diese Bedenken nicht: „Ich bin überzeugt, dass immer Beschäftigungsmöglichkeiten bestehen werden, auch für geringer Qualifizierte.“ Ihrer Ansicht nach werden Menschen nicht ersetzt, „sondern Menschen und Roboter werden zusammenarbeiten“. Allerdings müssten sich die Sozialversicherungssysteme und sozialpolitischen Finanztransferkonzepte verändern. Vorschläge zu einer Robotersteuer stehen ja schon länger im Raum.

Coworking mit intelligenten Maschinen wird ganz neue Berufsbilder schaffen

Beim Thema Arbeitsmarkt unterscheidet Bendel zwischen ferngesteuerten, semiautonomen und autonomen Robotern. „Autonome Maschinen verdrängen den Menschen – dafür sind sie gemacht.“ Eine Ausnahme bilden autonome Roboter, die im Tandem arbeiten. Dazu zählen zum Beispiel Cobots in Produktion und Logistik. Bendel kann sich sogar Roboter als Vorgesetzte vorstellen: „KI-Systeme können Vorurteile vermeiden. Sie neigen auch nicht zum Mobbing oder Bossing.“

Bei Trendone geht man davon aus, dass die Kooperation mit Robotern neue Jobs schaffen wird. Im Futuregram zur Arbeitswelt 2037 zählt Müller vier Jobprofile auf: Agent Trainer, Roboter-Psychologe, Workforce Interface Manager und Agent Watch & Security. Der Agent Trainer hat die Aufgabe, KI in Unternehmensprozesse zu integrieren und Trainingsanleitungen zu entwickeln. „Er füttert die Maschine mit den ersten Daten, auf deren Basis sie weiterlernen kann“, so Müller, „die KI für Callcenter ist nur so intelligent wie die Millionen Dialoge, die man ihr zuvor eingibt.“

Ein Roboter-Psychologe ist kein moderner Sigmund Freud, bei dem der digitale Kollege über seine Ängste spricht, sondern er sorgt dafür, dass es an der Schnittstelle von Mensch und Maschine nicht zu Missverständnissen kommt. Die Psychologen lösen Probleme auf der Beziehungsebene, geben ihr Wissen an die IT weiter oder legen selbst Hand an. „Dazu braucht man keine großen Programmierkenntnisse mehr. Das lässt sich über Sprache steuern.“ Auf der anderen Seite sind sie Ansprechpartner für die Mitarbeiter, die Vorbehalte gegenüber Maschinen haben.

Ein Workforce Interface Manager ist der neue Systemarchitekt. Diese Angestellten setzen direkt an der Organisationsstruktur, Aufbau- und Ablaufplanung an. „Sie implementieren Softwarebausteine und vernetzen damit einzelne KI-Kollegen, damit sich diese besser mit den menschlichen Mitarbeitern abstimmen können.“ Last not least brauchen Unternehmen einen Agent Watch & Security. „Je mächtiger die Maschine, desto größer die Gefahr“, resümiert Müller, „das ist aber kein neues Phänomen, das haben wir auch bei der Atomkraft.“ Er hält nicht nur das Hacking für gefährlich, sondern auch eine KI, die sich verselbstständigt: „Wer gibt der Superintelligenz dann ihre Ziele ein? Und welchen Regeln unterliegen die Maschinen?“ Für ihn sind diese Risiken Grund genug, bereits heute Vorkehrungen zu treffen.

Betrachtet man die rasante Entwicklung von Künstlicher Intelligenz in den vergangenen Jahren, gleichen Prognosen über Jahrzehnte hinweg einem Blick in die Glaskugel. Eines ist jedoch sicher: Intelligente Maschinen werden allgegenwärtig sein, und der Mensch wird sich mit dieser neuen Spezies arrangieren müssen.


Kirsten Seegmüller, Freie Journalistin in Leinfelden-Echterdingen

Ein Menschheitstraum geht in Erfüllung

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